Kolumne Hanks Welt

Ärger mit der unpünktlichen Bahn

Von Rainer Hank
Aktualisiert am 14.07.2019
 - 13:44
Rainer Hank
Alle schimpfen auf die Deutsche Bahn. Warum kriegen andere Länder das besser hin?

Neulich sind wir mit der Bahn von Samarkand nach Taschkent gefahren. Und waren verzaubert. Keine Angst: Das wird jetzt kein Märchen aus Tausendundeiner Nacht, sondern der Bericht einer knallharten Recherche in Usbekistan. „Afrosiyob“ nennt sich der Hochgeschwindigkeitszug der „Uzbekian Railways“, die diese gut dreihundert Kilometer lange Strecke seit geraumer Zeit bedienen.

Die Züge bringen es in der Spitze auf eine Geschwindigkeit von 250 Kilometern, sind hell und sauber, und der Reisende fühlt sich umsorgt von freundlichem Personal. In gut zwei Stunden schafft man die Strecke locker; mit Bus oder Sammelaxi wären wir deutlich länger unterwegs. Das Ganze, nur nebenbei, kostet in der zweiten Klasse knapp elf Euro.

Nun aber die märchenhafte, aber wahre Nachricht: Fahrplanmäßige Abfahrt des Zuges in Samarkand war 17 Uhr 28. Und wann fuhr der Zug ab? Pünktlich um 17 Uhr 28. Fahrplanmäßige Ankunft in Taschkent: 19 Uhr 44. Und wann kam der Zug an? Pünktlich um 19 Uhr 44.

Zugegeben, meine Verwunderung verrät ein Vorurteil, hätte ich so viel Pflichterfüllung der Staatsbahn des zentralasiatisch-postkommunistischen Landes an der Seidenstraße gar nicht zugetraut. Aber eben: Wir sind hier nicht in Preußen, sondern in einem armen und heißen Schwellenland, wo die Leute erst einmal anderes zu tun haben, als sich um sekundengenaue Pünktlichkeit ihrer Züge zu scheren.

Apropos heiß: Die Klimaanlage im Zug funktionierte prächtig. Es kommt noch besser: Einem Informationsblatt in der Rückentasche der Sitze kann jeder Reisende auf Usbekisch, Russisch oder Englisch entnehmen, dass ihm bei einer Verspätung der Bahn zwischen 15 und 30 Minuten bereits fünfzehn Prozent des Fahrpreises erstattet werden. Die weitere Staffelung: Bis 60 Minuten gibt es 25 Prozent, bis 120 Minuten 75Prozent und darüber gar 90 Prozent Rückzahlung.

Wissen Sie, was es in Deutschland in solchen Fällen gibt? Bei einer Verspätung bis 60 Minuten zahlt die Bahn gar nichts. Danach 25 Prozent und von der 121. Minute an gerade mal 50 Prozent. Zugegeben, der Vergleich zwischen Deutschland und Usbekistan ist ein bisschen unfair: Das Land ist weniger dicht besiedelt, die Schnellzüge fahren nicht im Stundentakt. Und ehrlich gesagt konnte ich die Typen noch nie leiden, die ständig an der Bahn herumnörgeln. Ich habe Twitter-Freunde, die drohen, jeden zu entfolgen, der Bahn-Geschichten ins Netz stellt.

Odyssee durch Deutschland

Aber was kann ich dafür, dass bei dieser sanften Fahrt durch Usbekistan in mir die Erinnerung an die letzte Bahnreise in Deutschland an einem brüllend heißen Juni-Sonntag von Lindau nach Frankfurt wach wurde. Um es nüchtern zusammenzufassen: In Ulm konnte wegen Verspätung der Anschluss-ICE nicht warten, der Zutritt zum folgenden Euro-City war uns verwehrt, weil in einigen Wagen die Klimaanlage ausgefallen war, und der danach folgende Zug strandete in Stuttgart, gut 200 Kilometer vor meinem Ziel Frankfurt. Kurzum: Am Ende war ich – müde, verschwitzt, verärgert – nach sieben anstatt geplanten fünfeinhalb Stunden endlich zu Hause. Um dann das „Fahrgastrechte-Formular“ – nicht nur sprachlich eine bürokratische Meisterleistung – auszufüllen, benötigt man mindestens weitere fünfzehn Minuten.

Anekdotische Evidenz kann trügerisch sein. Kommt es mir nur so vor, als gehe es mit der Bahn bergab, verspätungsmäßig gesehen? Oder habe ich auf den letzten drei Reisen (ich spare mir weitere Details) nur Pech gehabt? Man kann das nachlesen; alles wird objektiv erfasst. Demnach war das Jahr 2018 besonders desaströs. Nach Pünktlichkeitsquoten von gut 78Prozent in den Vorjahren verzeichnet die Statistik für 2018 einen Rückfall auf 74,9 Prozent. Der Jahresauftakt 2019 soll dann wieder besser gewesen sein. Als unpünktlich gilt bei uns ein Zug dann, wenn er sechs Minuten später als geplant an seinem Ziel ist.

Mit einer solchen Definition kann ich wenig anfangen: Ich will nicht wissen, ob der Zug pünktlich ist, sondern ob ich pünktlich an meinem Ziel ankomme und meine Anschlüsse nicht verpasse. So misst die Schweiz die Pünktlichkeit – neben Japan und für mich neuerdings Usbekistan (!) das große Vorbild für alle Eisenbahngesellschaften der Welt: Ein leerer Zug, der fahrplanmäßig am Ziel ankommt, zählt für die Eidgenossen nicht. Es zählt lediglich, wie viele Fahrgäste verspätet sind. Und außerdem gilt dort ein Zug schon als unpünktlich, wenn er über drei Minuten Verspätung hat.

Gemessen an den deutschen Kriterien, weist die Schweiz nach eigenen Angaben eine Pünktlichkeitsquote von 98 Prozent aus. Da ist für die Deutsche Bahn noch Luft nach oben, zumal die Strecken- und Besiedlungsdichte in der Alpenrepublik der unseren in nichts nachsteht.

Nun könnte man aus Gründen der Deeskalation zu mehr Gelassenheit aufrufen. Aber es ist nun einmal so, dass Verspätung Stress macht, Unglücksgefühle auslöst und ökonomische und psychische Kosten verursacht angesichts ausgefallener Geschäftstermine oder verpasster privater Dates.

Bei der derzeitigen Klimarettungseuphorie wäre tatsächlich einiges gewonnen, wenn mehr Menschen vom Diesel auf den Zug umsteigen würden. Vollmundig kündigt die Bahn an, in absehbarer Zeit ausschließlich mit regenerativ erzeugtem Strom zu fahren, und hofft auf eine Verdoppelung der Fahrgastzahlen auf jährlich 260 Millionen. Aber eben nicht pünktlich.

Warum aber hat die Deutsche Bahn ihr chronisches Verspätungsproblem? Mit der Beantwortung dieser Frage haben viele Beratungsgesellschaften schon viel Geld verdient. Der Volksmund ist der Ansicht, Bahn-Chef Mehdorn und der verkorkste Börsengang der Bahn seien schuld.

Lernen von den Schweizern

Eine bessere Erklärung kam jüngst vom Chef der Schweizer Bahn in der F.A.Z. vom 29. Juni. Der Mann heißt Meyer und hat, wie gesagt, bewiesen, dass er es besser kann: Deutschland sei ordnungspolitisch unentschieden, was es von seiner Bahn wolle, sagt Herr Meyer. Will man eine Bahn als „Service public“, als öffentliche Dienstleistung? Oder will man ein Wirtschaftsunternehmen, das Dividende an den Staat abführt? Für die Schweiz gelte: „Unsere Dividende ist ein Beitrag an die Lebensqualität in der Schweiz und die Wettbewerbsfähigkeit des Landes und seiner Regionen, ein System, das komplett anders ist als in Deutschland.“ In Deutschland erwartet die Politik einerseits Dividende für die Staatskasse, aber trotzdem eine sehr gut funktionierende Bahn. Der Mix von verkehrs- und industriepolitischen Zielen ist ordnungspolitisch verkorkst.

Wo wir schon beim Vorbild Schweiz sind. Haben Sie schon von „Fairtiq“ (sprich: fertig) gehört? Das ist eine App (www.fairtiq.com), mit der die Schweizer ihre Bahn bezahlen und die ganz simpel über GPS funktioniert. Man muss kein Ticket mehr kaufen, die App wird beim Einsteigen in den Zug aktiviert (wischen von links nach rechts) und beim Aussteigen deaktiviert.

Der Betreiber berechnet automatisch den jeweils günstigsten Tarif für genau die gefahrene Strecke. Fertig! Welch eine Erholung im Vergleich zu all den Super- und Sonstwiesondertarifen mit oder ohne Zugbindung, mit oder ohne City-Ticket. Kürzlich hat Fairtiq im Wettbewerb den Zuschlag für London erhalten. Mal sehen, ob demnächst Frankfurt folgt – oder eher Samarkand?

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hank, Rainer
Rainer Hank
Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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