Hanks Welt

Die DDR lebt – und das ist gut so

Von Rainer Hank
04.12.2018
, 16:11
Rainer Hank
Im Osten war nicht alles schlecht. Polikliniken sollten Schule machen.

Neulich, beim Versuch, mich einem neuen Arzt vorzustellen, stieß ich auf einen unerwarteten Engpass der deutschen Gesundheitsversorgung. In der ersten Arztpraxis, bei der ich anklopfte, kam ich an jemanden, der nur zufällig am Telefon war und mir empfahl, mich in drei Tagen wieder zu melden. So lange wollte ich nicht warten. Bei der zweiten Praxis landete ich erst in der Warteschleife, erhielt Stunden später immerhin einen Rückruf und einen Termin (samt schriftlicher Bestätigung) in zumutbarer Zeit. Als ich frühmorgens und mit nüchternem Magen pünktlich zur Stelle war, stellte sich heraus, dass man vergessen hatte, den Termin zu notieren und der Arzt an jenem Tag gar nicht im Hause war.

Missgeschicke neigen dazu, Ketten zu bilden. Doch hier scheinen wir einem Systemfehler auf der Spur zu sein. Es geht um das Bodenpersonal in den Praxen, die heute politisch korrekt „medizinische Fachangestellte“ (MFA) heißen. Früher nannte man sie Arzthelferinnen. Sie werden knapp und offenbar zunehmend durch ungelerntes Personal ersetzt. MFAs vereinbaren Arzttermine, assistieren dem Arzt, nehmen Blut ab, legen Verbände an und beruhigen hysterische Patienten. Sie sind eine Stütze des Systems.

Diese Stütze wackelt. Dass wir in Deutschland keinen Ärztemangel haben, dafür aber eine akute Knappheit an nichtärztlichem Personal, bestätigt ein kurzer Blick in das OECD-Standardwerk „Health at a Glance“ (eine nüchterne Publikation, deren Lektüre man im lobbyistisch verminten Gesundheitswesen nicht genug empfehlen kann). Deutschland steht zwar nach wie vor mit einem Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttosozialprodukt von elf Prozent an dritter Stelle der OECD nach den Vereinigten Staaten und der Schweiz und hat eine überdurchschnittliche und weiter wachsende Dichte von Ärzten.

Ein guter Arzt muss kein guter Kaufmann sein

Doch beim nichtärztlichen Personal rangieren wir unter dem Durchschnitt: Auf 100.000 Deutsche kommen hierzulande elf medizinische Helfer, Pfleger und Schwestern. In Irland sind es 23. Ähnlich unterdurchschnittlich sieht es bei der Bezahlung der Fachkräfte aus. Vom deutlich überdurchschnittlichen Gesundheitsbudget, das wir Deutschen uns leisten, sahnen die Ärzte den größten Teil für sich ab.

Nun spielen meine Erlebnisse mit den MFAs nicht etwa auf dem flachen Land, wo es mit der medizinischen Versorgung bekanntlich nicht so gut läuft, sondern mitten in der Großstadt Frankfurt. Dort allerdings ist der Wettbewerb besonders groß und wer nur Tariflohn zahlen will oder kann, steht am Ende ohne Personal da. Mit 1884 Euro im Monat als Einstiegsgehalt für die medizinischen Fachangestellten wird es angesichts steigender Mieten und teurer Spritpreise tatsächlich eng. Deutlich mehr Geld gibt es für dieselben Tätigkeiten in den Krankenhäusern (2340 Euro), bei den Kassenärztlichen Vereinigungen oder bei den Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Die schnappen den niedergelassenen Ärzten die Leute weg.

Medizinische Versorgungszentren sind schon seit langem der Feind der Allgemeinmediziner alter Schule. Sie sind so etwas wie kleine Arztfabriken und darin – neben dem Rotkäppchen Sekt – eine der wenigen Erbschaften aus der DDR, wo sie unter dem Label „Polikliniken“ firmierten. Die DDR-Herkunft bietet denn auch für die Ärzte bis heute das naheliegende Argument zur Polemik gegen sozialistische Strukturen im Gesundheitswesen. Allerdings zu Unrecht.

Denn tatsächlich spiegeln diese Polikliniken nichts anderes als das Entwicklungsgesetz der kapitalistischen Evolution, welches sich der segensreichen Effekte von Arbeitsteilung und Größenvorteilen bedient. Ein guter Arzt muss nicht zwangsläufig ein guter Kaufmann sein. Und der Eigentümer eines Unternehmens ist in vielen Fällen nicht der beste Geschäftsführer seiner Firma und stellt sich deshalb lieber Experten für Führung/Management, Marketing oder Finanzen an. Profitorientierung der Eigentümer und ethisch reflektierte Fachkompetenz der Fach- und Führungskräfte sind kein Widerspruch – im Gegenteil.

Warum das im Gesundheitswesen anders sein soll, leuchtet nicht ein. Viele Ärzte verhalten sich dabei ein bisschen schizophren. Sie beschweren sich über überbordende Verwaltungsarbeit (60Werktage im Jahr gehen locker drauf), scheuen das unternehmerische und rechtliche Risiko, das auch eine Feldwaldwiesenpraxis heute bedeutet, und halten doch mit Zähnen und Klauen am hehren Ideal des Freiberuflers fest – das doch schon lange eine Illusion ist, weil die Ärzte faktisch Angestellte der Kassenärztlichen Vereinigungen sind, die ihnen die Preise diktieren.

Tatsächlich spiegeln diese Mini-Praxen eine völlig veraltete unternehmerische Praxis wider aus einer Welt der Zünfte, aus der sich die meisten anderen Branchen aus guten betriebswirtschaftlichen Gründen längst entfernt haben. Dass diese betriebswirtschaftlich wackeligen Buden die notwendige Voraussetzung für beste medizinisch-fachliche Versorgung und persönliche Beratung der Patienten sind, vermag nicht einzuleuchten. Dass es gleichwohl viele vorbildlichen Hausärzte in solchen Praxen gibt, will ich gar nicht bestreiten.

Viele junge Ärzte hierzulande verabschieden sich vom überholten System. Inzwischen haben die medizinischen Versorgungszentren, das Erfolgsmodell aus der DDR, mit fast 3000 Praxen und 18000 Ärzten einen Höchststand erreicht; 92 Prozent von ihnen sind Angestellte. Im Schnitt beschäftigt ein MVZ 6,4 Ärzte. Weil sie Größenvorteile nutzen, können sie ihren Helferinnen höhere Löhne zahlen als die Kleinpraxen, die dadurch weiter unter Druck kommen. Und die angestellten Ärzte können sich auf das konzentrieren, wofür sie studiert haben: Auf die medizinische Versorgung und Beratung ihrer Patienten.

Von wegen Praxissterben auf dem Land

Die MVZ sind vielfach reguliert, dürfen sich nicht als Aktiengesellschaft gründen und als Eigentümer müssen Ärzte oder Krankenhäuser firmieren, die sich freilich private Kapitalgeber suchen können – abermals zum Leidwesen der klassischen Ärzte, die vor „Heuschreckenplagen“ im Gesundheitswesen warnen. Der antikapitalistische Reflex bei deutschen Ärzten ist groß, was nicht bedeutet, dass sie kein Interesse am Geld hätten.

Im Übrigen zeigt sich längst, dass auch die Rede vom Praxissterben auf dem Land übertriebene Propaganda war. Was untergeht, ist die Landarzt-Praxis, die nur noch in den Nachmittagsfilmen der ARD überlebt. Dafür gibt es aber auch auf dem Land immer mehr gut funktionierende MVZ – gewiss nicht in jedem Dorf: Doch dort bietet der „Praxis-Bus“ der MVZ auch dem sprichwörtlichen alten Mütterchen seine Sprechstunde an.

Es spricht überhaupt nichts dagegen, dass eine reiche Gesellschaft wie die unsere viel Geld für ihre Medizin ausgibt. Je reicher wir werden, umso wertvoller erscheint uns ein langes Leben bei bester Gesundheit, umso mehr Anteile unseres verfügbaren Einkommens sind wir bereit dafür auszugeben. Aber wenn es schon teuer ist, dann wollen wir dafür weder schadhafte Herzklappen bekommen („Implant Files“), noch von schlecht ausgebildeten und mies bezahlten medizinischen Fachangestellten betreut werden.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hank, Rainer
Rainer Hank
Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot