Hanks Welt

Keiner schuld in Kassel

Von Rainer Hank
03.07.2022
, 14:34
Hier darf Taring Padi weiter ausstellen: Das Hallenbad-Ost in Kassel.
Wer „westliche Werte“ vertreten will, wie es jetzt immer heißt, muss auch für den Individualismus des Westens kämpfen. Die Documenta jedenfalls ist ein Dokument des Antiliberalismus.
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Was hat die Documenta 2022 mit der Finanzkrise von 2008 zu tun? „Nichts“, würden die meisten Menschen sagen. Weil mir seit Eröffnung der Kunstschau in Kassel ständig Déjà-vu-Erinnerungen an die Weltfinanzkrise durch den Kopf gehen, mache ich heute den Versuch, eine Gemeinsamkeit zwischen beiden Ereignissen zu behaupten: Denn Finanzkrise und Documenta sind zwei Anschauungsbeispiele für das „Prinzip Verantwortungslosigkeit“.

Die Documenta gilt als Schau der künstlerischen Avantgarde. In diesem Jahr versteht sie sich aber als Zurschaustellung einer alternativen Ökonomie, sodass selbst die Kunstkritiker fragen, ob es noch um Kunst gehe oder nicht vielmehr um eine „polit-ökonomische Kundgebung“.

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Den polit-ökonomischen Anspruch leugnen die Akteure in Kassel keineswegs. Ich fasse die Ideen zusammen: Statt einzelner Künstler gibt es auf der aktuellen Documenta ausschließlich Kollektive. Diese propagieren eine ökonomische Alternative des „globalen Südens“ gegen den Individualismus, Elitismus und entfesselten Kapitalismus des „globalen Nordens“. Individualismus und Kapitalismus gelten ihnen als die Ursachen für alles Böse in der Welt: Geldgier, Patriarchat, Kolonialismus. Die Opfer dieser Unterdrückung begehren nicht nur auf, sie bringen auch ein alternatives Konzept zur Darstellung, wie wir künftig besser leben und wirtschaften können.

Radikal, aber nicht irrational

Der Kern dieser alternativen Documenta-Ökonomie heißt „Lumbung“. In Indonesien bezeichnet der Begriff die in eine Reisscheune eingebrachten Überschüsse der Ernte, die untereinander verteilt und an die Bedürftigen weitergegeben werden. Die Früchte der Erde sollen allen nach Maßgabe ihrer Bedürftigkeit und in gerechter Verteilung zur Verfügung stehen. Und eben nicht dem Knappheits-Prinzip von Angebot und Nachfrage unterliegen und sich dem Preisdiktat des Geldes unterwerfen. Konsequenterweise negiert dieser Kollektivismus auch das Privateigentum und die Idee des individuellen Besitzes. Statt Kapitalismus propagiert die Documenta 2022 die Idee eines nachhaltigen Kreislaufs von Waren und Werten (genannt Ekosistem), welcher sich der mörderischen Ausbeutung der Ressourcen durch den Kapitalismus widersetzt.

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Diese alternative Idee des Wirtschaftens ist tatsächlich radikal. Ich finde, sie ist sogar einigermaßen konsequent gedacht, also nicht irrational. Mehr noch: Die Documenta propagiert ja nicht nur eine Idee, sondern sie bringt sie zugleich zur Darstellung. Das geht so: Das indonesische Kollektiv Ruangrupa, dem die künstlerische Leitung der Documenta übertragen wurde, hat weitere Kollektive ausgewählt, die ihrerseits weitere Kollektive ermächtigten, in Kassel ihre Kunst zu vertreten. Wir kennen welche, die welche kennen und denen wir vertrauen – und denen wir vielleicht auch was Gutes tun wollen. Rechenschaft über die Auswahl muss niemand geben. Externe Qualitätssicherung oder Kontrolle finden nicht statt; das wäre ja eine Behinderung der Freiheit der Kunst. Dieses Schneeballsystem hat dazu geführt, dass bis heute niemand genau sagen kann, wie viele Künstler wirklich auf der Documenta ausstellen.

Vermutlich wäre dies alles von der Öffentlichkeit mit antikolonialistischer Sympathie zur Kenntnis genommen worden, wäre es in der vergangenen Woche nicht zum Eklat gekommen. Sharing-Ökonomie, „Teilen statt Haben“, ist ja auch hierzulande ein Lieblingskind der Kritiker des Raubtierkapitalismus. Erst die wüst antisemitischen Fratzen auf dem monumentalen Wimmelbild „People’s Justice“ des Kollektivs „Taring Padi“, von dem merkwürdigerweise vorher niemand gewusst hatte, führte zum Skandal und zur Wende. Darauf sieht man unter anderem Bankiers mit Zigarre und SS-Runen auf den Hüten und Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad.

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„Wer den Nutzen hat, muss auch den Schaden tragen“

(Linker) Antisemitismus und (linker) Antikapitalismus sind seit dem 19. Jahrhundert Geschwister. Verbinden sie sich mit dem Kollektivismus, dann kann am Ende niemand für den Schaden der Volks- und Kapitalistenverhetzung zur Verantwortung gezogen werden. Die Künstler geben sich arglos („wir meinen es nur gut“), die Generaldirektorin der Documenta gibt sich machtlos, die zuständige hessische Ministerin nennt sich unzuständig, und die Kulturstaatsministerin nennt sich vertrauensselig. Der deutsche Steuerzahler erfährt am Ende, dass er, ohne gefragt worden zu sein, 42 Millionen Euro zahlen muss für eine Kampagne zur Abschaffung des Kapitalismus. Einzig bei den Honoraren und den üppigen Gehältern für das Documenta-Management scheint der Kapitalismus zugelassen zu sein. Aufsicht und Kontrolle („compliance und corporate governance“) haben versagt.

Nun aber endlich zur Finanzkrise 2008. Damals hatten viele behauptet, der Zusammenbruch der Banken und des Weltfinanzsystems sei eine Folge des Turbokapitalismus. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Ordnungsregeln der Marktwirtschaft wurden missachtet. Dass die Preisblase am Immobilienmarkt in den USA platzte und dass am Ende große Banken zusammenbrachen und Kleinsparer ihr Geld verloren, lag daran, dass die Finanzindustrie Kredite großzügig nach dem Lumbung-Prinzip ausreichte. Banken machten jahrelang dicke Gewinne, weigerten sich aber, für die Risiken zu haften, weil sie ihre Kreditforderungen weiterverkaufen konnten an anonyme Kollektive des Kapitalmarktes.

„Wer den Nutzen hat, muss auch den Schaden tragen“, lesen wir bei Walter Eucken, dem Vater der Marktwirtschaft. Das Prinzip Haftung wirkt prophylaktisch gegen die Verschleuderung von Kapital und zwingt zu Sorgfalt und Kontrolle. Es setzt genau jenen Individualismus voraus, den die Documenta-Macher und Lehman-Banker abschaffen wollten. Im Kollektiv übernimmt keiner Verantwortung.

Wir sollten uns nicht weismachen lassen, der liberale Individualismus der europäischen Aufklärung habe ausgedient, weil er angeblich Schuld trage am Kolonialismus und Imperialismus. Im Gegenteil: Der Kollektivismus, den diese selbst ernannten Vertreter des „globalen Südens“ als Überwindung des Kapitalismus propagieren, führt geradewegs in den Populismus autokratischer Systeme. Wer „westliche Werte“ vertreten will, wie es jetzt immer heißt, muss auch für den Individualismus des Westens kämpfen: Da kann jeder Gewinne machen, wenn er eine gute Geschäftsidee hat, und muss nicht warten, bis ihm aus Barmherzigkeit etwas aus der Reisküche geschenkt wird. Er muss aber auch bereit sein, die Verluste zu tragen, wenn seine Idee nicht trägt oder das Schicksal ungnädig mit ihm ist. Die Documenta zeigt ex negativo, was wir an diesem Erbe haben und warum wir es nicht verspielen dürfen. Verteidigen wir also das trotzig-stolze Ich.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hank, Rainer
Rainer Hank
Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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