Hanks Welt

Tokio Hotel und meine Schallplatten

Von Rainer Hank
08.09.2019
, 13:05
Bill Kaulitz (l.) und Tom Kaulitz, Musiker der Band Tokio Hotel
Streaming ist in Mode, in der Musik, in der Filmwelt. Sollte nicht auch die Lufthansa ihre Flugzeuge streamen?

Ein glücklicher Zufall bescherte uns vor ein paar Monaten ein Gespräch mit Tom und Bill Kaulitz, den Gründern von Tokio Hotel. Nein, es soll hier nicht um Heidi Klum und die Hochzeit gehen, das haben die Kollegen aus dem „Leben“ in der F.A.S. längst auserzählt. Hier geht es um Wirtschaft, also die harten Sachen. Jedenfalls haben wir von den Kaulitz-Zwillingen zum ersten Mal davon Kunde erhalten, dass wir unsere iTunes-Sammlung künftig auf dem digitalen Friedhof beerdigen könnten. Apple verkauft schon bald keine iTunes-Lieder mehr, hatten uns die Musiker erzählt.

Und so sollte es dann auch kommen. Anfang Juni war es offiziell: der digitale Plattenladen von Apple schließt. Die Zukunft des Musikhörens heißt „Streaming“. Seither bin ich etwas in Unruhe: Denn ich fürchte, dass meine schöne Sammlung (vor allem Jazz und Klassik) irgendwann ganz aufhören wird, Töne von sich zu geben, weil die zugehörige App keine Updates erhält. Dann kann ich am Ende auf meinem Computer nur noch eine digitale Sondermusikzone einrichten unter der Überschrift „Hanks Musikgeschmack zwischen 2005 und 2019“.

Das ist jetzt schon die dritte technologische Neuerung zum Musikhören, die ich mitmache. Erst Platten, dann CDs, schließlich iTunes (von den Tonbändern für den Kassettenrekorder, die sich ständig verhedderten, wollen wir hier absehen). Da merkt man doch, was man an physischen Tonträgern hat: Die stehen im Regal, auch wenn die Platten einigermaßen verkratzt sind. Aber meine iTunes-Sammlung: Wie real ist die eigentlich? Immerhin handelt es sich um mein Eigentum, denn ich habe dafür bezahlt. Davon habe ich nichts mehr, wenn meine Befürchtung wahr wird und die App vor sich hin modert.

Die neue Welt, wie gesagt, heißt „Streaming“. Irgendwo in der dicken Cloud müssen wohl Tag und Nacht alle Musiktitel der Welt laufen, alle Filme, alle Podcasts, alle Spiele – quasi in einer Endlosschleife. Und ich kann, wann und wo immer ich will, mich ein- und ausklinken. „Individualisierung“, nicht Uniformierung, heißt der technische Fortschritt. Bei hr2 – eine Art Streaming von früher – muss ich warten, bis mein Lieblingssong gespielt wird. Nämlich nie, wenn ich Pech habe. Bei „Spotify“, was ich inzwischen nutze, ist Geduld ein Fremdwort, jeden Wunsch liest mir die grüne App von der Maus ab. Und wenn mir mal nichts einfällt, fällt Spotify garantiert etwas ein: Denn dort kennt man meine Präferenzen besser, als ich sie selber kenne. Das alles für 9,99 Euro im Monat – das ist das „All you can eat“-Prinzip übertragen auf Hören und Sehen.

Nichts Neues unter der ökonomischen Sonne

Ist das nun ein Paradigmenwechsel in der Ökonomie, will ich von Justus Haucap wissen. Der Mann ist Wettbewerbsökonom an der Universität Düsseldorf und kennt sich in der neuen Plattform-Ökonomie aus. Der Ökonom relativiert: Auch die alte Welt sei eine Art Streaming-Ökonomie avant la lettre gewesen, gibt er zu bedenken. Einen Föhn kauft sich der Verbraucher ja auch nicht, weil er dieses dröhnende Plastikteil mit Elektromotor haben will, sondern weil das Heißluftgerät ihm einen möglichst langanhaltenden „Nutzenstrom“ (ein Begriff aus der Mikroökonomie) verspricht. Und Fernsehen und Radiohören, wie gesagt, ist auch eine Art streamen, auf öffentlich-rechtlichem UKW-Niveau. Mithin: Es gibt nichts wirklich Neues unter der Sonne des Ökonomen.

Könnte es sein, dass die digitale Streaming-Ökonomie nun endlich den von vielen ersehnten Übergang der Welt des Habens in eine neue Welt des Teilens möglich macht? Streaming ist zweifellos für die Plattformbetreiber attraktiv, was vor allem daran liegt, dass für jeden zusätzlichen Kunden, den Apple, Amazon oder Spotify gewinnen, die Grenzkosten null sind. Davon träumt jedes Unternehmen. Ob Ed Sheeran von hundert oder von einer Million Fans gehört wird, verursacht bei Spotify bis auf die Lizenzgebühren und die Streamingkosten keine weiteren Ausgaben. Hat man mich einmal für ein Spotify-Abonnement gewonnen, was einen gewissen Werbeaufwand erfordert, zahle ich von da an brav meine Monatsgebühr, ohne irgendwelche weiteren Kosten zu verursachen. Die Leute bei Netflix & Co. ahnen offenbar auch, dass ich träge bin und mein Abo nicht kündige, selbst wenn ich mir gerade zwei Monate lang keinen Film angesehen habe. Dass das so ist, liegt paradoxerweise daran, dass ich weiß, ich könnte jederzeit kündigen. Aber natürlich liegt es auch an der niedrigen Preisschwelle: 9,99 Euro machen den Eintritt in die Streamingwelt leicht und den Austritt angesichts des Bagatellbetrags zu aufwendig. Man zählt ja nicht ständig zusammen, wie viele vergleichbare Verträge man längst auch bei Amazon Prime und anderen inzwischen abgeschlossen hat.

Schallplatten als Auslaufmodell

Wo wir gerade bei den Preisen sind. Hat man uns in der Schule nicht beigebracht, dass sich Preise nach Angebot und Nachfrage richten? Beim volatilen Benzinpreis an der Tankstelle scheint das heute noch der Fall zu sein, auch wenn viele Leute dies bestreiten würden. Doch Amazon Prime ändert die Monatsmiete nicht, wenn es gerade vier superteure Filmproduktionen eingekauft oder selbst hergestellt hat. Und es wird auch nicht billiger, wenn die Firma gerade eine nennenswerte Zahl von Kunden verloren hat. Diego Aparicio und Roberto Rigobon, zwei Ökonomen am MIT im amerikanischen Cambridge, forschen über dieses Phänomen schon geraume Zeit. Ihre These: Firmen verkaufen Tausende sehr unterschiedlicher Produkte, aber sie machen dafür nicht Tausende unterschiedlicher Marktpreise, sondern portionieren sie in wenige einfache Preiskategorien. Das gilt nicht nur für die 9,99-Schwelle der Internet-Ökonomie, sondern auch für ein traditionelles Bekleidungshaus wie H&M, deren Kategorien 9,99 (Hüte, Schals, Gürtel, Socken), 7,99 (T-Shirts) und 19,99 (Hemden, Hosen) lauten.

Wenn sich nun die Herstellungs- und Lohnkosten oder die Bankzinsen ändern, heißt das noch lange nicht, dass sich an den fixen Preiskategorien etwas ändert. Die MIT-Ökonomen vermuten, das könnte auch ein Grund sein, warum in der Welt von heute keine Inflation mehr vorkommt. Preiserhöhungen werden offenbar viel seltener an die Kunden weitergegeben. Aber das ist ein anderes Thema.

Ist also Streaming-Ökonomie die Wirtschaftswelt von morgen? Justus Haucap neigt dazu, die Frage zu bejahen. Und kann sich Ausgreifen auf andere Bereiche der Warenwelt vorstellen: Vielleicht hört Amazon irgendwann auf, Bücher zu verkaufen, und streamt sie nur noch? Wie viele Bücher haben wir schon nach Hause bestellt, nur um nach vierzehn Seiten festzustellen, dass wir das Buch nie zu Ende lesen werden! Mehr noch: Muss die Lufthansa ihre Flugzeuge bei Airbus wirklich kaufen? Sollte sie nicht besser einen Nutzungsvertrag abschließen, der Airbus verpflichtet, immer eine ausreichende Zahl von Fliegern bereitzuhalten?

Inzwischen kümmert sich Apple übrigens rührend um mich: Ich solle mir keine Sorgen machen, iTunes werde in Kürze lediglich ersetzt und über „macOS Catalina“ – den Namen wird man sich merken müssen – auf drei neue Apps aufgespalten. Es gebe in Zukunft „gewiss auch jüngere Kunden, die nach wie vor gerne Alben kaufen, statt zu streamen“. Hm? Im Klartext heißt das wohl, dass am Ende nicht iTunes, sondern ich das Auslaufmodell bin.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hank, Rainer
Rainer Hank
Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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