Hanks Welt

Es gibt nur noch den Untergang

Von Rainer Hank
25.07.2021
, 12:59
Flutkatastrophen und Dürren: Der Klimawandel bedroht unser gewohntes Leben.
Selbst Krisen sind nicht mehr das, was sie mal waren, denn eine jagt die andere. Statt zu proaktiv zu handeln wird von der Politik mit Kanonen auf Spatzen geschossen.

Was Corona ist, haben wir nach eineinhalb Jahren Pandemie nun gelernt. Was der Klimawandel ist, könnten wir seit dem Kyoto-Protokoll wissen. Aber was ist eigentlich eine Krise? Das Wort Krise hat sich inflationär ausgebreitet. Wir sprechen von Corona-Krise und Klimakrise. Davor hatten wir die Flüchtlingskrise, die Eurokrise und die Finanzkrisen. Die eine ist noch nicht vorbei, da lugt schon die nächste um die Ecke. Normalität ohne Krise scheint nicht mehr vorgesehen zu sein.

Das von der Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff edierte „Handbuch der Krisenforschung“ klärt auf: Eine Krise ist eine Ausnahmesituation, die ein Potenzial zum Guten oder Schlechten hat. Von der Antike bis ins 17. Jahrhundert bezog Krise sich auf die ärztliche Entscheidung über Leben und Tod. Arzt und Patient sind handlungsmächtig und können durch eigene Initiative Krisen bewältigen. Da zeigt sich der Kern des Allerweltsspruchs von der „Krise als Chance“. Seit dem 18. Jahrhundert greift der Krisenbegriff imperial um sich, erstreckt sich von der Medizin und Kriegsführungskunst auf Wirtschaft, Gesellschaft und Politik und dringt in die Alltagssprache ein: „Ich glaub’, ich krieg’ die Krise.“ Wer eine Krise sieht, glaubt nicht an eine einfache, lineare Fortschrittsgeschichte, benennt historische Perioden des Übergangs, der Unsicherheit, der Entscheidung, schreibt der Historiker Rüdiger Graf im genannten Handbuch.

Die „Gründerkrise“ von 1873 markierte ein vorläufiges Ende des liberalen Fortschritts- und Wachstumsglaubens, vergleichbar der Dotcom-Krise zur Jahrtausendwende 2000. Die Ölkrise 1973 hat der Weltbevölkerung schlagartig deutlich gemacht, dass Energie und Ressourcen begrenzt sind und wir gut daran tun, effizient damit umzugehen. Dass es absolute „Grenzen des Wachstums“ gäbe, wie der Club of Rome damals behauptete, hat sich zum Glück als falsch erwiesen. Der Einfallsreichtum der Menschen hat den Fatalismus besiegt.

Zu unterscheiden wäre zwischen kurzfristige Katastrophen wie Überflutungen, Bankenansturm, Flüchtlingstrecks und langfristige Krisen wie Erderwärmung, Verschuldung, Migration, die auf eher langfristige Entwicklungen zurückgehen. Dass langfristige Krisen furchtbare Katastrophen nach sich ziehen können, erleben wir gerade.

Auffallend ist, wie sich die Einstellung der Menschen zu Krisen im 20. Jahrhundert veränderte. In den Zwanzigerjahren sahen die Menschen in den Krisen ein „notwendiges, kathartisches Durchgangsstadium auf dem Weg in eine bessere Zukunft“ (Rüdiger Graf), ein positives Aufbruchssignal. Solch ein fortschrittliches Geschichtsdenken hat sich seit dem späten 20. Jahrhundert in sein Gegenteil verkehrt. Krise wird heute vor allem als Verschlechterung erlebt. Der Glaube, aus einer Krise lasse sich etwas machen, getreu dem Motto Winston Churchills „Lass keine gute Krise ungenutzt“ („Never let a good crisis go to ­waste“), kam selbst in die Glaubwürdigkeitskrise. Die Krise ist nicht mehr Appell an die Entfaltung kreativer Anpassungskräfte der Menschen. Sie ist jetzt Signal für die drohende Apokalypse. Wir stehen kurz vor dem Untergang, je nach Krise ist es der Untergang des Kapitalismus oder gleich der ganzen Menschheit durch nicht aufhaltbare Flüchtlingsströme oder den Klimakollaps.

Die Lehren aus der Krise

Was dieser Wandel des Krisenverständnisses vom Optimismus zum Pessimismus bedeutet, zeigen die Reaktionen auf die aktuelle Flutkatastrophe. Ein positives Verständnis der Krise, das sich vorgenommen hätte, aus dem tödlichen Schrecken der Flut Lehren für die Zukunft zu ziehen, müsste jetzt kluge Anpassungsstrategien an den Klimawandel erarbeiten. Die „positive“ Fantasie könnte sich in jede Richtung austoben: noch bessere Hochwasserwarnsysteme für enge Täler deutscher Mittelgebirge oder der Voralpen, Rückstaumöglichkeiten und Auffangbecken. Private Versicherungen könnten ihre Policen in den von Regen wie Hitze bedrohten Gebieten nach oben anpassen und Preisnachlässe als Anreize setzen für Bürger, die sich entschließen, künftig weniger nah am Wasser zu bauen. Der Bau von Dämmen und Warften (Siedlungshügel) müsste dazukommen. All das kann man nachlesen auf der Internetseite des Bundesumweltamtes: „Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel“ heißen die Empfehlungen aus dem Jahr 2008.

Dramatisch wirkt die Versiegelung der Böden. Wenn Dämme oder Rücklaufventile aus einer Zeit stammen, in der die Fläche unbebaut war, dann muss der restliche heutige Boden der Region das x-Fache aufnehmen können, um eine Flut zu vermeiden. Der Mannheimer Politikwissenschaftler Thomas König hat mir dazu eine kleine Rechnung geschickt, die er mit seinem Schwiegervater Helmut Pannenbäcker, einem Diplom-Ingenieur, erstellt hat. Fallen wie berichtet 15 Liter Wasser in der Stunde auf einen Quadratmeter, sind das 15.000 Kubikmeter auf einen Quadratkilometer, wenn die Fläche hundert Prozent aufnehmen kann. Je weniger Wasser nun aufgrund von Bebauung oder Verdichtung versickern kann, desto mehr Kubikmeter fließen ab und erhöhen den Druck in den Abflüssen, sodass aus einem kleinen Rinnsal von 10 Quadratmetern im Querschnitt ein reißender Strom werden kann. Bei 50 Prozent Versickerung entspricht dieser Strom einer Säule von 750 Meter Länge, bei 25 Prozent Versickerung 1125 Metern auf einer Fläche von lediglich einem Quadratkilometer pro Stunde.

Zukunftsmusik statt unverzügliches Handeln

Das apokalyptische Krisenverständnis unserer Tage denunziert Anpassungsstrategien als Flucht vor dem Klimawandel, als billige Ausrede, die Erderwärmung zu leugnen. Anpassung ist verpönt, radikaler Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft ist angesagt. Dabei hat die von Menschen gemachte Versiegelung der Flächen nicht das Geringste zu tun mit dem menschengemachten Klimawandel. Der penetrante Blick auf das Ziel der Klimaneutralität im Jahr 2050 oder früher lenkt davon ab, dass heute über Anpassung geredet werden müsste. Das negative Krisenbild („fünf vor zwölf“) ficht das nicht an. Seine Anhänger fordern sofortigen, radikalen Verzicht: kein Fleisch essen, nicht nach London fliegen, keinen Diesel fahren, keine Kinder zeugen. Kinder seien klimaschädlich, sagt die radikale Bewegung „Birth­strike“: Jedes nicht geborene Kind spart 58,6 Tonnen CO2. Die depressive Reaktion auf die Klimakrise mündet in den Befehl, das Leben insgesamt bleiben zu lassen. Es läuft auf das vorweggenommene Ende der Gattung aus Angst vor dem Klima-Tod hinaus.

Das alles wird den zerstörten Orten in der Eifel genauso wenig nützen wie eine Beschleunigung des Baus von Windrädern in Deutschland. Verantwortlich für die Klimakatastrophe ist der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen; das tugendhafte Deutschland, das für zwei Prozent der Weltemissionen verantwortlich ist, wird das nicht ändern. Dass wir das nicht sehen wollen, hängt damit zusammen, dass wir den Glauben an den Fortschritt der Naturbeherrschung über Bord geworfen und Krisen apokalyptisiert haben.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hank, Rainer
Rainer Hank
Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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