Hanks Welt

Privilegien für Akademiker

Von Rainer Hank
15.05.2022
, 11:09
In der Pandemie noch mehr gefragt als ohnehin schon: Arzthelferin im Einsatz
Wenn die Arzthelferin die Arzttochter finanziert: Wir müssen wieder über Bildungsgerechtigkeit diskutieren.
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Studieren ist in Deutschland gratis. Nein, ich weiß: Gratis ist natürlich gar nichts. Irgendjemand muss das Gehalt des Professors und die Chemikalien im Labor bezahlen. Es ist der Staat. Oder präzise gesagt: Es sind diejenigen, die diesen Staat finanzieren. Also die wirtschaftlich erfolgreichen Bürger, die ordentlich Steuern zahlen.

Gratis ist das Studium nur für die Studenten. Ein Versuch, Studiengebühren durchzusetzen, ist hierzulande vor ein paar Jahren gescheitert und wurde rasch von den Bundesländern kassiert.

Ich bezweifle, ob das gerecht ist. Im Durchschnitt verdienen Personen mit Universitätsabschluss über das gesamte Erwerbsleben 387.000 Euro mehr als Personen, die eine Lehre absolviert haben. „Studierende sind die Besserverdiener von morgen“, sagt Ludger Wößmann, einer der führenden deutschen Bildungsökonomen; er forscht am Ifo-Institut und lehrt an der Universität München. Besserverdiener können sich ein luxuriöseres Leben leisten, wohnen schöner, reisen häufiger und können, wenn sie es geschickt anstellen, ihre Bildungsgeschichte in intellektuelle Freiheitsgewinne ummünzen.

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„Umverteilung von unten nach oben“

Nun könnte man denken, dass das Studium der Reichen auch von den Steuern der reichen Eltern bezahlt wird. Schließlich gibt es ein progressives Steuersystem. Das wäre richtig, wenn die Verteilung der Kinder bildungsferner und gebildeter Schichten an den Universitäten ungefähr gleich wäre. Doch so ist es gerade nicht. Während nur 27 Prozent der Kinder aus Nichtakademikerfamilien ein Studium aufnehmen, studieren 80 Prozent der Kinder aus Akademikerfamilien. Die Kluft ist in den vergangenen Jahren sogar gewachsen. Das bedeutet: Nichtakademiker beteiligen sich an der Studienfinanzierung der Akademikerkinder.

„Die Floskel, dass die Arzthelferin das Studium der Arzttochter finanziert, ist gar nicht so weit hergeholt“, sagt Ifo-Forscher Wößmann. „Das vom Staat verschenkte Studium ist eine Umverteilung von unten nach oben.“ Man wundert sich, dass sich Sozialdemokraten und Linke diese eklatante soziale Ungerechtigkeit nicht längst schon vorgeknöpft haben. Das bestätigt den Verdacht, dass die SPD ihr Bildungsaufstiegsversprechen für die Arbeiterschaft inzwischen vergessen hat. Kein Wunder, dass sich die Begeisterung der Arbeiter für die Sozialdemokratie in Grenzen hält.

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Gute Erfahrungen mit neuartigem Modell

Was tun? Eine Neuauflage der Debatte über Studiengebühren kann man sich schenken. Die Sache ist gelaufen. Unter Bildungsforschern und Bildungspolitikern wird neuerdings ein alternativer Vorschlag herumgereicht. Sein Name: „nachgelagerte Studiengebühren“. Im Gegensatz zu den regulären Studiengebühren gibt es hier zwei Unterschiede.

Erstens werden die Gebühren erst nach dem Ende des Studiums erhoben, wenn die ehemaligen Studierenden ein eigenes Einkommen erzielen. Und sie müssen auch nur dann gezahlt werden, wenn dieses Einkommen über einem gewissen Schwellenwert liegt. Wößmann schlägt vor, mit 1000 Euro im Jahr (oder etwas mehr) einzusteigen. Es sollen also nicht die kompletten Kosten des Studiums refinanziert werden. In Australien hat man mit diesem Modell gute Erfahrungen gemacht. Und während gewöhnliche Studiengebühren in der Bevölkerung kein gutes Ansehen genießen, fällt die Zustimmung zu nachgelagerten Gebühren in Umfragen eher hoch aus.

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Ein Modell dafür kommt von dem Schweizer Bildungsökonomen Stefan Wolter. Hier orientieren sich die später zu zahlenden Studienkosten am Steueraufkommen der künftigen Akademiker. Sofern die im Lauf des Erwerbslebens bezahlten Steuern die Kosten des Studiums übertreffen, kommt keine Rechnung mehr vom Staat. Bleibt das Steueraufkommen darunter, wird eine Nachzahlung fällig. Der akademisch privilegierte Bürger soll die Kosten des Studiums an die Gesellschaft zurückgeben. Damit sollen Anreize gesetzt werden, die Wahl des Ausbildungsgangs, das Studienverhalten, die Perspektive auf den Arbeitsmarkt und das eigene Erwerbsverhalten stärker zu reflektieren. Denn immerhin: Schon bei einer Teilzeit von 70 Prozent bezahlen akademisch gebildete Personen trotz höherer Löhne im Vergleich zu Nichtakademikern nicht mehr genug zusätzliche Steuern, um die von der Gesellschaft vorgeschossenen Ausbildungskosten zu decken.

Linke Kritiker würden hier von „Ökonomisierung“ der Bildung reden und „neoliberale“ Machenschaften geißeln. Dagegen ließe sich fragen, ob es nicht eher unsozial ist, wenn Akademikerkinder ein teures Studium wählen, dann aber nicht arbeiten, weil das (zugegeben: versteuerte) Einkommen und Vermögen der Eltern ihnen ein Leben als Rentier erlaubt.

Was ist Bildungsgerechtigkeit?

Im Detail sind viele Fragen offen. So liegt der Verdacht nahe, es würden durch die nachgelagerten Studiengebühren vor allem Frauen bestraft. Denn deren Einkommen ist im Durchschnitt niedriger. Sie verzichten in der Babypause auf eigenes Einkommen, arbeiten häufiger Teilzeit und klettern langsamer auf der Karriereleiter nach oben als die männlichen Kollegen. Aber die Kosten etwa eines Medizinstudiums schlügen bei ihnen genauso zu Buche wie bei den Männern mit besserem Einkommen. Bildungsforscher Wolter schlägt vor, Frauen anders zu behandeln, etwa ihren Lohn nur mit vergleichbaren Löhnen von Frauen in Beziehung zu setzen, damit sein Vorschlag nicht gleich „mit der Keule der Frauenfeindlichkeit“ abgeschossen werden könne.

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Wenn die Rechnung die wahren Kosten des Studiums berücksichtigt, müssten Studierende teurer Studiengänge (Technik, Medizin, auch Lehramt) schauen, dass sie nach ihrem Abschluss auch arbeiten und Geld verdienen. So kostet ein medizinischer Studienplatz in Deutschland im Jahr gut 30 000 Euro, dreimal so viel wie das durchschnittliche Studium. Zwei Drittel der Medizinstudenten sind Frauen. Im Lauf der Zeit verschwinden viele von ihnen aus dem Erwerbsleben.

Das kann man fiskalpolitisch und aus Geschlechtergerechtigkeitsgründen geißeln. Wenn der Staat das Studium von zwei Frauen finanzieren muss, um eine voll praktizierende Ärztin zu erhalten, ist das nicht effizient. Wenn Frauen Gleichberechtigung beim Studienbeginn beanspruchen, aber im Lauf des Lebens klassischen Rollenmodellen folgen, klingt das auch nicht wirklich fortschrittlich. „Was nützen uns ausgebildete Ärztinnen, die dann nicht arbeiten?“, fragt Stefan Wolter.

Eine Neuauflage der Debatte über Bildungsgerechtigkeit lohnt sich. Gerade weil die Fronten (links-rechts, fortschrittlich-konservativ) nicht eindeutig sind, sondern im Streit erst entwickelt werden müssen. Bildungsgerechtigkeit, ein Lieblingsthema der Siebzigerjahre, steht derzeit allerdings am unteren Ende der politischen Agenda.

Quelle: F.A.S
Autorenporträt / Hank, Rainer
Rainer Hank
Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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