Hanks Welt

King of Wall Street

Von Rainer Hank
17.10.2021
, 13:42
Larry Fink
BlackRock-Gründer Larry Fink hat die Finanzbranche revolutioniert. Sein Le­ben beweist, dass sich Erfolg nicht planen lässt, dass aber ein paar Dinge den Er­­folg wahrscheinlicher machen.
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Der Mann trägt langweilige An­züge und eine randlose Brille, von der ihm sein Optiker hätte ab­raten müssen. Er ist weder besonders originell noch besonders inspirierend, von Beruf ist er Vermögensverwalter. Dass der Mann, geboren 1952 in Los Angeles, heute über ein Anlagevermögen von 10 Billionen Dollar gebietet, sieht man ihm nicht an. Understatement gehört zu seinem Selbstmarketing. Und zur Ca­mouflage seiner Macht.

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Laurence „Larry“ Fink heißt dieser Mann. Seine Firma heißt BlackRock, der größte Vermögensverwalter der Welt, der Geld anlegt für Rentner, Oligarchen und Studenten, für Staatsfonds wie Klein­sparer. In Deutschland wurde BlackRock außerhalb der Finanzbranche bekannt, weil der CDU-Politiker Friedrich Merz eine Zeit lang als Lobbyist für Fink ge­arbeitet hat. Doch das nur nebenbei.

Fink ist ein Revolutionär. Ihm und seiner Branche ist es zu danken, dass Aktiensparen für jedermann attraktiv geworden ist. Ziemlich einfach ist es auch, man braucht nur einen Computer und eine Online-Finanzplattform. Günstig ist es noch dazu. Ich weiß, wovon ich rede. Jahrelang hatte meine Bank mir komplizierte Fonds verkauft, die für viele Bankangestellte Lohn und Brot sicherten, wäh­rend ich eher leer ausging.

Ohne Härte geht es nicht

Fink und seine Kollegen haben nicht den Anspruch, mit genialen Ideen den Markt zu schlagen. So langweilig Fink aussieht, so langweilig ist seine Masche: Seine Fonds (auch als ETFs bekannt) bilden Börsenindizes ab (Dax, Euro Stoxx, Dow Jones). Und nicht einmal diese Idee stammt von Larry Fink selbst. Sie geht auf den Wirtschaftswissenschaftler Eugene Fama und seine Theorie der „effizienten Märkte“ zurück, nach der selbst der Klügste den Markt nicht schlagen kann.

Bild: FT

Als der ehemalige Chef der amerikanischen Notenbank Paul Volcker 2008 spottete, die einzige Innovation der Finanz­industrie jüngeren Datums sei die Erfindung des Geldautomaten, muss er die In­dexfonds übersehen haben, die ihren Ursprung zwar schon in den 1970ern hatten, ihren Durchbruch aber erst nach der Jahrtausendwende erlebten. Der Kapitalismus ist, anders als viele meinen, eben nicht für die Kapitalisten da, sondern für die Armen, die er reich macht. Die Indexfonds beweisen es. Mit einem Sparplan von monatlich 100 Euro ließ sich in dreißig Jahren ein Vermögen von knapp 100.000 Euro aufbauen.

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Angesichts der vielen Filme über Helden und Bösewichte an der Wall Street ist es verwunderlich, dass das Leben von Larry Fink nicht längst verfilmt wurde. Jetzt gibt es zumindest eine Teilbiographie Finks in einem dieser Tage erscheinenden Buch des Financial-Times-Jour­nalisten Robin Wigglesworth („Trillions. How a Band of Wall Street Renegades Invented the Index Fund and Changed Finance Forever“). Finks Le­ben beweist, dass sich Erfolg nicht planen lässt. Dass aber ein paar Dinge den Er­­folg erleichtern, vielleicht sogar wahrscheinlicher machen: Scheitern kann nicht schaden. Treue Freunde sind hilfreich. Der richtige Augenblick will er­grif­fen werden. Finanzkrisen sind Chancen zum Reichwerden. Und: Ohne Härte gegen sich und andere geht es nicht.

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Verantwortlich für einen Verlust von hundert Millionen Dollar

Fink wuchs in der Nähe von Los Angeles auf. Sein Vater hatte ein Schuhgeschäft (die Erfolgsgeschichte der Kinder von Schuhverkäufern muss noch geschrieben werden), die Mutter war Englischlehrerin. Er studierte Politikwissenschaft; mit Ökonomie beschäftigte er sich kaum. Weil er Freude an Geld hatte, bewarb er sich an der Wall Street, wurde von Goldman Sachs aber abgewiesen. „Ein Segen für mich“, hat er Robin Wigglesworth erzählt. Stattdessen startete er seine Karriere 1976 im An­leihegeschäft der Investmentbank First Boston und wurde dort rasch zum Star. Hier lernte er Robert Kapito kennen, der ihm bis heute als rechte Hand treu geblieben ist. Kapito ist der Mann fürs Grobe, Fink gibt den Geschmeidigen.

Zehn Jahre später, 1986, war Fink für einen Verlust von hundert Millionen Dollar bei First Boston verantwortlich, weil er den plötzlichen Absturz der Zinsen nicht abgesichert hatte. Aus dem Kandidaten für den Vorstandsvorsitz wurde ein Ausgestoßener. Seinem Rausschmiss kam er durch Kündigung zuvor. Die Niederlage spornte seinen Ehrgeiz an: In Stephen Schwarz­man, dem Eigentümer der Pri­vate-Equity-Firma Blackstone, fand er ei­­nen großzügigen Finanzier, mit dem er sich später überwarf­ – des guten Namens von Blackstone wegen aber seine eigene Fondsgesellschaft BlackRock taufte (und damit verantwortlich dafür ist, dass ich eine Zeit lang beide Firmen verwechselt habe). Mitten in der Finanzkrise 2009 konnte Fink dann zusammen mit seinem Kumpel Kapito der in Geldnot geratenen Barclays Bank ihre ETF-Sparte (genannt: iShares) abkaufen. Von da an entwickelte sich das Geschäft mit „passiven“ Indexfonds zum Selbstläufer. Mitte 2021 brachte es allein die iShares-Sparte von BlackRock auf ein Vermögen von 3 Billionen Dollar.

Ein Fall für die Kartellbehörden!

Das Hollywood-Narrativ verlangt, dass dem Aufstieg des Helden der tiefe Fall folgt. Davon ist noch nichts zu sehen. Es gibt Schätzungen, wonach Indexfonds demnächst die Hälfte der Aktien der 500 wichtigsten amerikanischen Firmen halten. Eine Zusammenballung wirtschaft­licher Macht, die womöglich gefährlicher ist als die ständig öffentlich diskutierte Macht von Google, Amazon oder Facebook. Paradoxerweise könnte die Gefahr von BlackRock gerade in der Passivität der Firma liegen. Wenn, grob gesagt, sowohl „mein“ Unternehmen als auch das meines Konkurrenten Fink gehört, erlahmt der Antrieb zum Wettbewerb. Es reicht, sich mit Fink gut zu stellen.

Ein Fall für die Kartellbehörden! „Heimlicher Sozialismus“, spottete vor ein paar Jahren gar ein Wall-Street-Banker: Eine komplett passive Ökonomie sei schlimmer als eine zentrale Planwirtschaft, weil sie unternehmerische Eigeninitiative und Risikolust außer Kraft setze. Ob am Ende der totale Kapitalismus in dessen Aufhebung umkippt? Dialektiker aus der Schule von Hegel und Marx hätten ihre Freude daran.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hank, Rainer
Rainer Hank
Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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