IG-Metallchef im Gespräch

„Wir müssen industrielle Wüsten verhindern“

Von Marcus Theurer
07.05.2021
, 12:50
Jörg Hofmann fordert mehr Hilfen für Arbeitnehmer und Regionen, die vom grünen Umbau der Wirtschaft betroffen sind. Die neuen Jobs müssten da entstehen, wo die alten wegfallen.

Herr Hofmann, in Berlin tobt plötzlich ein Überbietungswettbewerb beim Klimaschutz. Wie finden Sie als Arbeitnehmervertreter das?

Ich finde das verwunderlich. Fast alle Parteien, die da jetzt mitmischen, haben in Ihren Programmen den Satz aufgenommen, dass beim Klimaschutz ein Ausgleich zwischen Ökologie, Ökonomie und Sozialem gewahrt werden muss. Aber in der derzeitigen Debatte wird von Teilen der Politik die Ökonomie und des Soziale völlig ausgeblendet – nämlich die Frage: Was bedeutet eine Zielverschärfung beim Klimaschutz eigentlich für Unternehmen und Arbeitnehmer?

Der Klimaschutz bedroht deutsche Unternehmen und Jobs?

Der Klimaschutz bedroht nur dann Jobs, wenn wir ihn falsch angehen. Die Gefahr sehe ich zurzeit. Nehmen Sie die Autoindustrie als Beispiel. Die Autohersteller haben die Möglichkeit, Beschäftigung durch Insourcing zu sichern, also indem sie Arbeiten, die bisher von Zulieferern übernommen wurden, in den eigenen Werken erledigen. Aber für einen Zulieferer, der bisher ausschließlich von Bauteilen für Verbrennungsmotoren gelebt hat, verschärfen höhere Klimaschutzziele die Probleme. Die Aufträge dieser Unternehmen werden noch schneller wegbrechen als bisher zu erwarten war. Die Gefahr, dass hier Unternehmen wirtschaftlich auf der Strecke bleiben und deren Beschäftigte arbeitslos werden, wächst. Hier braucht es kluge Industriepolitik, die frühzeitig gegensteuert.

Weil das Elektroauto schneller kommen wird?

Wenn Deutschland seine CO2-Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 1990 um 65 Prozent senken will, wie jetzt angestrebt, dann bedeutet das für den Verkehrssektor, dass wir viel mehr E-Autos brauchen: Statt 8 bis 10 Millionen müssen dann Ende des Jahrzehnts in Deutschland 14 bis 16 Millionen Fahrzeuge mit Elektroantrieb auf der Straße sein. Über diese Zahlen sind sich Fachleute ziemlich einig. Aber um ein E-Auto zu bauen, brauchen sie im Antriebsstrang nur die Hälfte der Arbeitsstunden wie bei einem Auto mit Verbrennungsmotor. Auch das gefährdet sehr viele Arbeitsplätze.

F.A.Z. Frühdenker – Der Newsletter für Deutschland

Werktags um 6.30 Uhr

ANMELDEN

Aber schafft die E-Mobilität nicht auch neue Arbeitsplätze?

Natürlich. Aber eben nicht so viele wie wegfallen. Hinzu kommt: Einige Unternehmen meinen den Wechsel zur E-Mobilität als Gelegenheit nutzen zu müssen, um Fabriken ins Ausland zu verlagern. In Deutschland gefertigte Komponenten für Verbrenner-Fahrzeuge werden durch Bauteile für E-Autos ersetzt, die in ausländischen Werken hergestellt werden. Das muss aufhören.

Von welchen Unternehmen sprechen Sie?

Continental ist ja ein bekanntes Beispiel. Ich sage nicht, dass das alle Zulieferbetriebe so machen. Dennoch belasten solche Verlagerungen die deutsche Arbeitsplatz-Bilanz beim Wechsel zur Elektromobilität. Staatliche Förderung muss an die Sicherung von Standorten und Beschäftigung geknüpft werden.

Deutschland sollte es also langsamer angehen mit dem Klimaschutz?

Nein, der Klimaschutz ist ein so drängendes Problem, dass es kein „zu schnell“ gibt. Die Frage ist aber: Wie mildern wir die Umbrüche und Verwerfungen ab, die der Umbau der Industrie mit sich bringt? Es geht ja auch um die Infrastruktur: Wenn wir 2030 nicht 10 Millionen, sondern 16 Millionen E-Autos in Deutschland haben, brauchen wir auch viel mehr Ladesäulen und entsprechend leistungsfähigere Stromnetze. Die Engpässe, die wir jetzt schon sehen, werden also dramatisch größer werden. Und wir werden auch viel mehr bezahlbaren grünen Strom benötigen. Das ärgert mich an diesen Zieldebatten: Es werden Größen in die Welt gesetzt, ohne die Auswirkungen auf Beschäftigung und Infrastruktur mit zu bedenken.

Verpassen Sie keinen Moment

Sichern Sie sich F+ 3 Monate lang für 1 Euro je Woche und lesen Sie alle Artikel auf FAZ.NET.

JETZT F+ LESEN

Brauchen wir auch in Deutschland ein festes Datum, ab dem keine neuen Verbrennerfahrzeuge mehr verkauft werden dürfen?

Ich hätte nichts gegen ein Ausstiegsdatum, wenn die Politik die Frage beantworten könnte, wie wir bis dahin die notwendige Infrastruktur bereitstellen, die Unternehmen auf neue Produkte umstellen und es verlässliche Brücken für die Beschäftigten gibt. Wir haben darauf bisher keine Antworten, diese Probleme werden noch nicht einmal ernsthaft erörtert.

Was muss geschehen, um den Klimaschutz sozialverträglich zu gestalten?

Die erste Voraussetzung ist, dass der industrielle Umbau, den der Klimaschutz erfordert, nicht zu Stellenverlagerungen führt. Die neuen Jobs müssen da entstehen, wo die alten wegfallen. Wir haben Regionen in Deutschland, die sehr stark von der Zulieferindustrie für die Verbrennungsmotoren abhängig sind, etwa im Saarland, in Süd-Westfalen und in Thüringen. Wenn wir in solchen Regionen Massenarbeitslosigkeit und industrielle Wüsten verhindern wollen, müssen wir jetzt damit beginnen, dort für neue industrielle Arbeitsplätze zu sorgen. Dazu braucht es regionale Strategien, wie sie die von uns vorgeschlagenen Transformationsnetzwerke erarbeiten können, und aktive Industriepolitik. Hier gibt es erste Anstrengungen der Bundesregierung, die müssen aber verstärkt werden. Da erwarte ich mehr Engagement von allen Beteiligten. Die Bundesregierung sagt: Über 20 Prozent der Wertschöpfung in Deutschland sollen auch in Zukunft durch die Industrie entstehen. Das wird aber nicht von allein passieren.

Was ist noch notwendig?

Wir müssen uns auch anschauen, ob unsere arbeitsmarktpolitischen Instrumente für diese Herausforderungen ausreichen. Das Transformationskurzarbeitergeld, das wir als IG Metall fordern, wird umso wichtiger, wenn die Klimaschutzziele nach oben gesetzt werden. Wenn etwa Facharbeiter in der Autoindustrie umgeschult werden, dann brauchen sie diese vorübergehende Absicherung für einen Zeitraum von 36 Monaten. Auch die Viertage-Woche kann eine Antwort sein, Beschäftigung zu sichern. Wir müssen noch mehr Möglichkeiten schaffen, dass die Beschäftigten sich umqualifizieren. Wir müssen die Beschäftigten in der Umbruchsphase unterstützen.

Der Klimaschutz wird bereits jetzt zum Wahlkampfthema. Was wären die Folgen, wenn dabei die sozialen Folgen ausgeblendet werden?

Die AfD geriert sich ja jetzt schon als die Pro-Diesel-Partei und versucht damit die Ängste und die Verunsicherung von Arbeitnehmern für sich zu nutzen. Die Politik muss den Millionen Arbeitnehmern und ihren Familien, die von den Umbrüchen durch den Klimaschutz betroffen sind, ein glaubhaftes Sicherheitsversprechen geben.

Quelle: FAZ.NET
Marcus Theurer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marcus Theurer
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot