Im Interview: Kofi Annan

„Afrika stirbt“

26.09.2007
, 18:33
Kofi Annan
Kofi Annan kämpft gegen Aids, Malaria und Tuberkulose. 2001 beschloss die Staatengemeinschaft, einen globalen Fonds zu gründen. Jetzt wirbt Annan in Deutschland um die Zukunft Afrikas. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er über den Globalen Fonds, Aids und Rote Bete.
ANZEIGE

Kofi Annan gilt als Vater des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose. Als Generalsekretär der Vereinten Nationen hatte er sich früh dafür eingesetzt, die drei Krankheiten entschiedener als bisher zu bekämpfen, die jedes Jahr sechs Millionen Menschen töten. Im Jahr 2001 beschloss die Staatengemeinschaft, den Fonds zu gründen. Seitdem wurden 11 Milliarden Dollar zugesagt. Allein in diesem Jahr verfügt der Fonds über 2,7 Milliarden Dollar. Der Gentleman aus Ghana, der nächstes Jahr siebzig Jahre alt wird, leitet die Geberkonferenz in Berlin, von der er sich neue Milliardenzusagen erhofft.

ANZEIGE

Herr Annan, sind Sie zufrieden mit der Entwicklung Ihres Sprösslings?

Ja, ich bin sehr stolz. Wenn es losgeht, weiß man nie, wie es sich entwickeln wird. Der Fonds ist schneller gewachsen, als ich gedacht habe.

„Ich hoffe, dass wir kriegen, was wir brauchen. Der Bedarf ist riesig”
„Ich hoffe, dass wir kriegen, was wir brauchen. Der Bedarf ist riesig” Bild: Matthias Lüdecke

In Berlin sammeln Sie neue Zusagen ein. Was erhoffen Sie sich?

Ich hoffe, dass wir kriegen, was wir brauchen. Der Bedarf ist riesig. Ich erwarte, dass wir wenigstens 7 bis 8 Milliarden Dollar zusammenbekommen werden, um unsere Arbeit fortsetzen zu können. Und auch das ist noch nicht das Ende der Geschichte, denn die Nöte wachsen weiter. Im nächsten und übernächsten Jahr sind weitere Zusagen zu erwarten, weil einige Regierungen sich nicht längerfristig binden können. Andere Regierungen haben sich dagegen bis zum Jahr 2015 festgelegt. Das sollte öfter geschehen. Wenn wir wissen, was wir bekommen, können wir besser planen und arbeiten.

Was erwarten Sie von der deutschen Regierung?

Die deutsche Regierung hat den Fonds über die ganze Zeit stark unterstützt. Deutschland gehört zu den führenden Nationen, wenn es darum geht, neue Mittel aufzubringen.

In Ihrer Amtszeit als Generalsekretär der Vereinten Nationen war Amerika immer etwas zögerlich, wenn es darum ging, seine Verpflichtungen gegenüber der internationalen Organisation zu erfüllen. Gegenüber dem Globalen Fonds scheint seine Zahlungsmoral besser zu sein.

Ich muss sagen, den Fonds haben sie durchaus angemessen unterstützt. Die amerikanische Regierung war die erste, die etwas gegeben hat. Als ich damals Präsident Bush im Weißen Haus traf, gab er mir einen Scheck über 200 Millionen Dollar. Einige Jahre später legte die amerikanische Regierung ein 15-Milliarden-Dollar-Programm auf. Leider arbeitet sie dabei nicht mit dem Fonds zusammen, sondern macht das direkt mit den einzelnen Ländern. Gleichwohl tragen die Amerikaner durchaus Beträchtliches zu unserer Arbeit bei. Wir wissen nicht, was sie in Berlin zusagen werden, aber ich bin mir sicher, es wird mehr sein, als sie bisher geben.

ANZEIGE

Wir sprechen über Milliardensummen, die hier aufgebracht werden sollen. Das muss man vor den Steuerzahlern rechtfertigen. Was sagen Sie denen?

Die absoluten Summen erscheinen enorm, aber gemessen an der Herausforderung, vor der wir stehen, ist es längst nicht mehr so viel. Wir müssen die Krankheiten eindämmen, unter denen Millionen Menschen leiden. Wenn Sie in einem Entwicklungsland in ein Krankenhaus gehen, schauen Sie in Augen, die nach Hilfe suchen. Die Menschen wissen, es gibt Medikamente, die denen helfen, die sie sich leisten können. Sie wissen, dass Aids in Europa und Amerika nicht länger ein Todesurteil ist, aber für sie ist es das immer noch oft. Wir haben daher bei weitem nicht zu viel Geld, sondern immer noch zu wenig.

Was ist der Schlüssel zum Erfolg im Kampf gegen Aids?

Entscheidend ist die internationale Solidarität. Die reichen Länder kommen zusammen, um partnerschaftlich über den Fonds mit den armen Länder zusammenzuarbeiten. Der Fonds ermöglicht es nicht nur, von Aids, Malaria, Tuberkulose Betroffene zu behandeln, sondern stärkt auch das Gesundheitssystem in vielen Ländern, das vielfach zusammengebrochen ist und wiederaufgebaut werden muss. Das ist im Interesse von allen. Jedes Jahr fliegen 800 Millionen Menschen durch die Welt, jeder von ihnen kann eine Infektionskrankheit mit sich tragen, ohne es zu wissen.

ANZEIGE

Fühlen Sie sich in den betroffenen Ländern ausreichend unterstützt?

Schauen Sie nach Botswana. Der Präsident des afrikanischen Landes hilft uns sehr. Um die Krankheiten zu bekämpfen, brauchen wir politische Führung. Die Politiker müssen offen über die Krankheiten sprechen, denn Schweigen bedeutet den Tod vieler Menschen. Der Präsident Botswanas war einer der ersten, der das Thema öffentlich ansprach. Es gibt jedoch Politiker in anderen Ländern, die sich weigern, darüber zu reden.

Woran denken Sie?

Ich versuchte einmal einen führenden afrikanischen Politiker zu ermutigen, in seinem Land für den Einsatz von Kondomen zu werben. Er schaute mich peinlich berührt an und sagte: „Sie verschwenden hier Ihre Zeit. Wenn ich die Menschen dazu ermutige, Kondome zu nutzen, dann empfehle ich ihnen Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern. Doch das kann ich als Vater der Nation nicht machen.“ Es ist also unsere Aufgabe, die Politiker in den betroffenen Ländern davon zu überzeugen, offen über diese tödlichen Krankheiten zu sprechen, wie es der Präsident Botswanas tat.

Die südafrikanische Gesundheitsministerin empfahl, mit Knoblauch und Roter Bete Aids zu bekämpfen. Kann man da überhaupt erfolgreich arbeiten?

Die südafrikanische Öffentlichkeit lehnte diese Meinung ab. Das war bemerkenswert. Die südafrikanische Regierung hat durch diesen öffentlichen Druck ihre Politik zur Bekämpfung von Aids entscheidend verbessert. Sie bietet nun Behandlungen an und vertraut nicht länger auf Knoblauch und Rote Bete.

ANZEIGE

Andere Länder haben schneller gelernt . . .

Ruanda hat großartige Erfolge im Kampf gegen Malaria erzielt. Dort besitzen inzwischen 90 Prozent der Familien ein Moskitonetz. Oder gehen Sie nach Somalia. Die somalische Regierung setzte sich Ziele, die sie verwirklichen wollte. Wenn so ein Land seine sich selbst gesteckten Vorgaben übererfüllt, erhält es vom Globalen Fonds mehr Geld. Er hat schon mehr als 130 Ländern Geld gegeben. Wir überwiesen auch Geld nach Russland. Doch die russische Regierung hat ihre Darlehen an uns zurückgezahlt. Künftig will sie sogar als Geldgeber unsere Arbeit unterstützen.

Sind die Medikamente gegen Aids in den ärmsten Ländern immer noch zu teuer?

Nicht mehr. Doch zu Beginn unserer Arbeit war das ein schwerwiegendes Problem. In den vergangenen Jahren gab es beachtliche Fortschritte. Durch die gesunkenen Preise und die Ausgabe von Generika kamen wir im Kampf gegen Aids voran. So kann man die Übertragung von Aids von der Mutter auf das Kind durch eine einzige Pille verhindern. Das sind entscheidende Fortschritte.

Welche wirtschaftlichen Konsequenzen haben die Seuchen neben den menschlichen Tragödien in den betroffenen Ländern?

Auf den Feldern fehlen Arbeitskräfte, gut ausgebildete Beschäftigte sterben der Dienstleistungsbranche einfach weg. Täglich geht Wertschöpfung verloren. Die Menschen in diesen Ländern sterben im Durchschnitt mit 40 Jahren oder noch jünger. Mit diesen Toten stirbt nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft eines Landes. In manchen Dörfern treffen Sie nur noch Kinder und Enkelkinder, ihre Eltern sind bereits gestorben. Dort übernehmen die zwölf Jahre alten Kinder bereits die Elternrolle für ihre noch jüngeren Geschwister.

ANZEIGE

In Berlin stellen Sie das neue Instrument „debt2health“ vor. Was versprechen Sie sich davon?

Durch die Schuldenumwandlung können wir zusätzliche Mittel für unseren Kampf gegen die drei Krankheiten bekommen. Der erste Vertrag betrifft Deutschland und Indonesien. Berlin verzichtet auf 50 Millionen Euro, Jakarta zahlt dafür 25 Millionen Euro in den Fonds, das dann wieder zurückfließt. Das stärkt nicht nur unsere finanzielle Basis, sondern auch die Identifikation des Landes mit den Projekten, weil es damit auch um sein eigenes Geld geht. Mit Pakistan, Peru und Kenia stehen drei weitere Länder bereit, um solche Verträge zu unterzeichnen.

Wird der Fonds so von privaten Gebern unterstützt, wie Sie es sich erhofft hatten?

Ihr Anteil ist leider immer noch relativ gering. Die Regierungen tragen die Hauptlast, auch wenn es Unternehmen gibt, die uns einen festen Anteil von dem Erlös bestimmter Produkte versprechen. Beispielsweise zahlt Apple für jeden Ipod Red, den es verkauft, 10 Dollar an den Fonds. Wir erwarten, dass mit solchen Initiativen 450 Millionen Dollar in den nächsten drei Jahren zusammenkommen werden. Wir hoffen, dass sich in Berlin weitere Unternehmen dieser Aktion anschließen werden.

Das Gespräch führten Matthias Müller und Manfred Schäfers.

Quelle: F.A.Z., 27.09.2007, Nr. 225 / Seite 13
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE