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Ordnungstrainerin im Interview

„Ordnung ist Rhythmus und Struktur“

Von Bernd Freytag, Ludwigshafen
 - 15:34

Frau Hagenau, besitzen Sie einen Ordner „Verschiedenes“ ?

Nein, da wäre ich ein schlechtes Vorbild.

Sie sind selbständige Ordnungstrainerin, helfen also anderen Leuten Ordnung zu machen. Können die das nicht selbst?

Im Grunde natürlich schon. Aber es gibt viele Menschen, denen fehlt der Impuls, es sammelt sich immer mehr an, das Durcheinander wird größer, der Leidensdruck steigt. Das ist dann ein Problem, häufig auch noch ein zeitliches.

Wie sind Sie denn zu Ihrem Beruf gekommen?

Ich weiß als studierte Bibliothekarin wie man systematisiert und Dinge katalogisiert. Ich arbeite auch immer noch in Teilzeit in der kunsthistorisch-wissenschaftliche Bibliothek der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz. Aber seit 2004 bin auch selbständige Ordnungstrainerin. Das hat sich so ergeben. Über Vorträge in der Erwachsenenbildung, Hilfe erst für Freunde und Bekannte, das ist immer mehr gewachsen.

Was genau bieten Sie an?

Ich halte noch immer Vorträge und berate Leute wie sie Ordnung schaffen. Ich komme aber auch vorbei und helfe aufzuräumen. Büro, Küche, Garage, bei Bedarf kümmere ich mich auch darum.

Wer sind denn Ihre Kunden?

Ich würde sagen, ein Drittel Selbstständige, Arztpraxen, Rechtsanwaltskanzleien. Zwei Drittel Private. Mehr Frauen als Männer. Oft beginnt es mit Papieren für die Steuererklärung, dort ist die Hemmschwelle am geringsten. Küchenschränke kommen später dazu.

Und wie gehen Sie vor?

Es gibt nicht das System, das man jedem überstülpen kann. Jeder Mensch ist anders. Das wichtigste sind drei Dinge, Rhythmus, Struktur und der Wohlfühleffekt.

Rhythmus?

Ja, ich versuche das Wort Disziplin zu vermeiden. Rhythmus bedeutet, man muss eine Regelmäßigkeit entwickeln. Jeden Donnerstag kümmere ich mich zwei Stunden um Papiere etwa, das funktioniert. Der Mensch braucht Wiederholungen, um etwas zu verinnerlichen. 30 mal bis es sitzt, ich zitiere hier Psychologen, anders geht es nicht.

Zuerst muss er wissen, wie er vorgehen will.

Genau, das ist die Struktur. Jedes Ding hat seinen Platz, darum geht es.

Das ist ja nicht so einfach. Machen wir es konkret – Ordner: sortieren Sie thematisch oder chronologisch?

Funktioniert beides. Wenn jemand einen Jahrgangsordner etwa für 2019 und dann alle Belege hintereinander sortiert, kann das gut sein. Auch dann hat jedes Ding seinen Platz. Er muss dann im Zweifel einen Garantiebeleg länger suchen, weil er das Kaufdatum nicht mehr weiß. Aber wenn es für ihn funktioniert, dann ist das gut.

Wie halten Sie es selbst?

Thematisch, dann chronologisch. Neue Papiere vorne, nicht hinten.

Wie sieht es mit Schränken aus, in der Küche?

Gleiches zu Gleichem. Trennen sie Vorratsdosen von Geschirr. Stellen sie alte Dosen nach vorne, neue nach hinten. Bei Küchen tun sich Kunden schwerer, weil sich manchmal abgelaufene Lebensmittel finden, das ist ihnen oft peinlich. Aber wenn sie dann am Ende in ein aufgeräumtes Schrankfach gucken, freuen sie sich. Wenn die Kunden es wünschen, mache ich sogar Fotos vorher und nachher.

Kontrollieren Sie später, ob das System funktioniert?

Nein, ich habe schon per Skype Aufräumberatungen gemacht, ich mache aber keine Kontrollanrufe. Ordnung ist kein Zustand, sondern ein Prozess, das muss man wie gesagt lernen. Denken Sie daran, 30 Wiederholungen sind nötig, bis es sitzt.

Was bedeutet der Wohlfühleffekt?

Machen Sie es sich schön. Schöne Ordner, die nicht quietschen, gutes Licht am Schreibtisch. Wenn Ordnung Spaß macht, fällt sie leichter. Nutzen Sie Farben. Blaue Ordner für Finanzen, einen grünen Punkt auf den Kehrbesen für den Garten. Der für die Küche bekommt einen roten.

Wie sagen Sie Menschen, die immer mehr anhäufen?

Wegwerfen ist wichtig, aber emotional schwierig. Das sehe ich spätestens, wenn jemand ins Seniorenheim zieht und sich wirklich von vielen Dingen trennen muss.

Was ist Ihr Rat damit sich erst gar nicht so viel ansammelt?

Für jedes neue Stück sollte ein altes raus. Wenn es darum geht, sich von etwas zu trennen, lasse ich die Kunden entscheiden und gebe Ihnen nur Hilfestellungen. Ich frage sie: „Lächeln Sie, wenn sie diesen Gegenstand anschauen?“ „Ist dieses Kleidungsstück für Sie 'magic'?“

„Magic“? – dann müsste vieles weg.

Genau. Ich stelle nur die Fragen, entscheiden muss der Kunden selbst.

In Familien wie in Betrieben müssen alle Ordnung halten, nicht nur einer. Das erschwert die Sache.

Stimmt, sie müssen zuhause auch die Kinder miteinbeziehen. Auch da hab ich mit Farben gute Erfahrungen gemacht. Der Locher mit dem rotem Punkt, gehört der Tochter, der mit dem blauen gehört Mama. Wenn sie kleinen Kindern etwas „ausleihen“ hilft auch mal der Satz: „da ist ein Gummiband dran“. Es muss also wieder zurück. Jedes Ding hat seinen Platz, das gilt für alle.

Was ist mit krankhaft überlasten Menschen, Messies?

Ich bin keine Therapeutin, so weit geht meine Hilfe nicht. Aber selbst wenn jemand sehr viele Sachen besitzt, hilft es, wenn er sich Ziele setzt, kleine Ziele. Jeden Tag drei Dinge weg, das sind dann auch 1000 im Jahr.

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Quelle: F.A.Z.
Bernd Freytag
Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.
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