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Impfkampagne wird langsamer

500 Euro Prämie fürs Impfen?

Von Britta Beeger und Gustav Theile
07.07.2021
, 17:31
Im Impfzenturm auf dem Messegelände in Berlin warten Menschen auf ihre Impfung. Bild: dpa
Die Impfkampagne verliert an Fahrt. Forscher machen sich für Anreize stark: 200, 300 oder sogar 500 Euro sollen Geimpfte bekommen. Der Politik werfen sie vor, zu lange gewartet zu haben.
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So schnell können sich die Dinge ändern. Bis vor kurzem waren die knappen Impfdosen die größte Hürde für die deutsche Impfkampagne – nun aber stellt sich, wie zuvor schon in anderen Ländern, eine neue Frage: Wollen sich überhaupt genügend Menschen impfen lassen? Eine Quote von mindestens 85 Prozent hat das Robert-Koch-Institut (RKI) angesichts der Delta-Variante als neues Ziel ausgegeben. Es hält sie für „notwendig und auch erreichbar“, mahnte jüngst aber auch, es sei „entscheidend“, dass ungeimpfte Menschen motiviert werden, das Angebot wahrzunehmen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) warnte am Mittwoch auf Twitter: Noch sei das Impf-Tempo zwar hoch, doch „wir brauchen einen nationalen Impf-Ruck, um es im Juli und August weiter zu halten.“

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Wie aber könnte diese Motivation aussehen? So ungewöhnliche Ansätze wie in den USA mit Lotterien, Freibier und kostenlosem Marihuana zeichnen sich bisher nicht ab. Doch die Forderungen nach positiven Anreizen und niedrigschwelligen Impfmöglichkeiten mehren sich. Die Forscher Jan Schnellenbach von der TU Cottbus-Senftenberg und Ekkehard Köhler von der Uni Siegen fordern eine Prämie für Menschen, die sich impfen lassen. Diese könne durchaus substanziell sein, sagte Schnellenbach der F.A.Z. „Ich denke an 200 oder 300 Euro.“ Auch eine Anwerbeprämie für Geimpfte, die Freunde oder Familienmitglieder zur Impfung motivieren, sei sinnvoll und harten Eingriffen wie einer Impfpflicht vorzuziehen.

„Wir werden um Kompensationen nicht herumkommen“

„Mit einer Prämie von 100 Euro kommen wir in Richtung 80 Prozent Impfbereitschaft“, sagte die Ökonomin Nora Szech vom Karlsruhe Institute of Technology der F.A.Z. „Mit 500 Euro erreichen wir 90 Prozent.“

Grundlage für diese Zahlen ist eine Studie, die Szech im April veröffentlicht hat. Das Ergebnis: Hohe Zahlungen sind sehr wirksam, Beträge von 20 Dollar – die Studie wurde in den USA durchgeführt – können die Impfbereitschaft hingegen sogar senken, weil die ethische Bedeutung der Impfung geschwächt werde.

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Szech plädiert deshalb seit Monaten für hohe Impfprämien, auch für die, die sich schon haben impfen lassen. Sonst entstehe für die Menschen, die noch nicht geimpft sind, ein Anreiz zu warten, bis Prämien eingeführt werden. Der gesellschaftliche Wert einer Impfung betrage 1500 Euro, zitiert sie eine Studie des Ifo-Instituts. Einen Teil davon solle man den Bürgern auszahlen.

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Andere Länder hätten früher reagiert, kritisiert sie und verweist auf das Beispiel Griechenland, wo junge Erwachsene 150 Euro bekommen, wenn sie sich impfen lassen oder geimpft sind. „Jetzt sind wir an dem Punkt, dass das Impfangebot die Impfnachfrage übersteigt. Ich finde es schade, dass wir so lange gewartet haben. Das hätte man schon vor Wochen angehen können.“ Sie ist sich sicher: „Wir werden um Kompensationen nicht herumkommen.“

Impfung ohne tausend Handstände

Im Gespräch sind aber nicht nur Prämien oder weitere positive Anreize – FDP-Chef Christian Lindner sprach sich zum Beispiel für einen Gratis-Eintritt in Museen aus. Es mehren sich auch Forderungen, dass die Impfungen dort angeboten werden müssten, wo die Menschen sind. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat im CDU-Bundesvorstand nach Teilnehmerangaben Fußballstadien als Beispiel genannt. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach sich für mobile Impfstationen an belebten Plätzen, vor Bars und Clubs aus. Wissenschaftler Schnellenbach hält das ebenfalls für sinnvoll: „Warum nicht einen Impfstand im Einkaufszentrum aufbauen?“

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So ließen sich auch bildungsfernere Schichten besser erreichen, sagt Ökonomin Szech. „Wir müssen mehr tun für die Menschen, die impfbereit sind, aber nicht bereit, dafür tausend Handstände aufzuführen. Für viele ist es nicht normal, sich in aufwendige Verwaltungsprozesse zu begeben.“

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Schnellenbach ergänzt: „Wir sind in einer Phase, wo die Menschen, die enthusiastisch auf eine Impfung gewartet haben, versorgt sind.“ Jetzt gehe es um diejenigen, die zwar keine Impfskeptiker sind – diese könne man auch mit Prämien nicht überzeugen -, aber eher träge. „Ein direkter Anreiz wirkt da am besten.“

Angesichts der deutlich größeren Freiheiten für Geimpfte, weniger Auflagen beim Reisen oder im Restaurant, stellt sich die Frage, inwieweit Anreize wie Prämien überhaupt noch nötig sein werden – oder ob die Nachteile für Nicht-Geimpfte nicht Anreiz genug sind. Michael Theurer, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP sagte gerade, die Freiheitsrechte seien „der beste Turbo gegen Impfmüdigkeit“.

Doch die vom Bundesgesundheitsministerium veröffentlichten Zahlen zu den täglich verabreichten Impfdosen zeigen, dass die Impfkampagne an Tempo verliert. Demnach wurden vergangene Woche anders als in den Vorwochen nur noch an einem einzigen Tag mehr als eine Million Dosen verimpft - und das auch nur knapp. Etwa 57 Prozent der Deutschen haben bisher eine Erstimpfung erhalten, 39 Prozent sind vollständig gegen Corona geimpft.

Quelle: F.A.Z.
Britta Beeger
Redakteurin in der Wirtschaft.
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