<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>

Heimat heute

Von PHILIPP KROHN
Foto: Daniel Pilar

10.01.2019· In der Globalisierung wächst die Sehnsucht nach der Region.

A mazon, McDonald’s, Apple, Zara und Ikea sind Sinnbilder der Globalisierung – ihre Produkte gibt es überall. Wie wenige andere Konzerne beherrschen sie es, Kundenbedürfnisse so zu erfüllen und Abläufe so zu gestalten, dass sie grenzenlos skalierbar sind. Im digitalen Zeitalter ist Standardisierung mehr als je zuvor der Ausgangspunkt globaler Geschäftsmodelle. Doch zugleich wächst die Sehnsucht nach regionalen Eigenheiten und Spezialitäten, die keinem internationalen Einheits-Code entsprechen.

Überall gibt es diesen Welteinheitsgeschmack: Was Pink Lady für Äpfel ist, sind angelsächsischer Indierock oder Hiphop in der Popmusik. Auch Pinot Grigio, Billy Regal und das iPhone sind Standards. Allmählich etablieren sich Gegenmodelle, die Tradition neu definieren: alte Apfelsorten, besondere Backverfahren, bayerische Volksmusik, die cool klingt. Regionalität und Tradition streifen das Miefige ab und werden anschlussfähig für ein junges Publikum, das in einigen Lebensbereichen Individualität über Standardisierung hebt.

Im Kampf gegen den Weltapfelgeschmack

M it dem Begriff Heimat hat der Obstbaumkundler Eckart Brandt keine Schwierigkeiten. „Schon Kurt Tucholsky sagte: Die Linken sollten einen Anspruch auf Heimat klarer gegen die Rechten ausdrücken“, sagt der rotbärtige Niedersachse, der auf vier Hektar Streuobstwiese im Alten Land 240 Apfelsorten angebaut hat. „Seit 1990 habe ich keine Spritze mehr“, berichtet der 68 Jahre alte studierte Historiker und Germanist. Denn die alten regionalen Sorten, nach denen sich immer mehr Verbraucher sehnen, brauchen weniger Schädlingsbekämpfungsmittel als die moderneren Sorten, die häufig auf dem Golden Delicious als Grundlage der Züchtung beruhen.

Foto: Daniel Pilar

Brandt hat nach seinem Studium 1983 begonnen, sich mit den alten Apfelsorten zu beschäftigen. Er zog von Hamburg ins Alte Land, an dessen Rand er geboren ist. „Ich bin als Dissident geboren und hatte nicht die Neigung zu machen, was alle machen“, sagt er. Seit den siebziger Jahren habe es einen gewaltigen Umbruch im Markt für Äpfel gegeben. Der europäische Binnenmarkt entstand, viele der Hochstammbäume, die bis zu 70 Jahre lang Obst tragen können, wurden gerodet – mit Prämien der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Nach und nach setzten sich die Niedrigbaumplantagen durch, die leichter zu bewirtschaften waren und auf denen ein einheitliches, besser in ganz Europa zu vermarktendes Sortiment zu züchten war. Roter Finkenwerder, Stedinger Prinz, Purpurroter Cousinot und Adersleber Kalvill verschwanden von der Bildfläche – und auch der bis dato beliebteste Apfel des Alten Landes: der Finkenwerder Herbstprinz. „Um den Berlepsch haben Verbraucher gekämpft. Sonst ist doch immer der Kunde König, hier störte er“, sagt Brandt.


„Ich will nicht, dass alte Sorten eine Rolle wie früher spielen, aber ich will, dass sie nicht verschwinden und die Leute etwas anderes zu schmecken bekommen“
ECKART BRANDT

Testen Sie unsere Angebote.
Jetzt weiterlesen

Testen Sie unsere Angebote.
F.A.Z. PLUS:

FAZ.NET komplett

: Neu

F.A.Z. Digital

F.A.Z. Premium

Quelle: F.A.Z.