Einzigartiges Vorgehen

Kostenlose Brustimplantate für arme Inderinnen

Von Christoph Hein, Bangkok
23.02.2018
, 16:05
Frauen beten am Pattinapakkam Beach im indischen Chennai.
Wenn sie ihre Brüste für zu klein halten, können Frauen in einem südindischen Bundesstaat demnächst in einem Krankenhaus eine Vergrößerung vornehmen lassen. Ein Angebot für Männer gibt es auch.
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Der indische Bundesstaat Tamil Nadu bezahlt in einem auf der ganzen Welt einzigartigen Vorgehen bedürftigen Frauen Brustimplantate aus Steuermitteln. In der Hauptstadt Chennai offeriert ein staatliches Krankenhaus Armen kostenlose Brustvergrößerungen. „Bieten wir (diese Operationen) nicht kostenlos an, suchen sich die Frauen gefährlichere Wege oder verschulden sich stark“, sagte C. Vijaya Baskar, der Gesundheitsminister von Tamil Nadu.

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Das Bundesland zählt 68 Millionen Einwohner. Geplant sei im Stanley Medical College auch eine Brustverkleinerung auf Staatskosten. Sie wird nun auch Männern in Tamil Nadu angeboten.

„Warum nur Reiche?“

Mit dem wachsenden Wohlstand Indiens nimmt die Zahl der kosmetischen Operationen zu. Offiziellen Statistiken zufolge kam es 2010 zu 390.000 Eingriffen, 2016 waren es schon 420.000. Die Dunkelziffer insbesondere unter Frauen dürfte ganz wesentlich darüber liegen.

Das südindische Bundesland gilt als freigiebig. Viele Frauen hätten bislang für die Operation gezahlt, „um ihr Selbstvertrauen zu stärken“, heißt es im Krankenhaus. „Warum soll das nur den Reichen vorbehalten sein?“

Erste Kritiker erklärten umgehend, bei den Brustoperationen handele es sich um reine Schönheitsoperationen, deren Finanzierung populistischen Zwecken diene. Die öffentliche Hand solle sich auf die Bekämpfung ansteckender Krankheiten konzentrieren.

Wenig ist darüber bekannt, dass die Schulen in Tamil Nadu das Frauenbild in der Gesellschaft behandeln, und so versuchen, für Selbstbewusstsein unter jungen Inderinnen zu sorgen, statt sie zu operieren. Dass die Frauen am Erwerbsleben teilnehmen und zum Haushaltseinkommen beitragen, gilt als ein Schlüssel für den Kampf gegen Armut in Indien. Mittelfristig sollten die Kosten für die Brustveränderung in Tamil Nadu „aus sozialen Gründen“ von der staatlichen Krankenversicherung United India übernommen werden, erklärte der zuständige Minister.

Quelle: F.A.Z.
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Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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