Indien

Die Pflanzen-Gentechnik spaltet das Land

Von Christoph Hein und Jan Grossarth
20.10.2012
, 18:46
Verlierer des landwirtschaftlichen Strukturwandels: In Indien säen Kleinbauern manchmal noch mit den Händen
Die indische Landwirtschaft wandelt sich dramatisch. Das kostet Bauern die Existenz. Indien wendet sich nun gegen die Gentechnik - und steht damit gegen den Trend in der Welt.

Eine der großen Agrarnationen der Erde wendet sich gegen genveränderte Lebensmittel: Indien. Dort, wo immer noch rund 70 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft abhängig sind, wird die Regierung möglicherweise ein zehnjähriges Moratorium für den Anbau von Pflanzen verhängen, deren Erbgut im Labor verändert wurde. Ein hochrangig besetztes Beratungsgremium aus Abgeordneten des Parlamentes und Wissenschaftlern hat dem Obersten Gerichtshof Indiens empfohlen, eine zehnjährige Wartefrist für Feldversuche mit genveränderten Pflanzen zu verhängen.

„Die Erfahrungen der vergangenen Dekade mit transgener Agrotechnik in Indien haben gezeigt, dass zwar die Industrie stark profitiert hat, bei der überwiegenden Mehrheit der armen Bauern aber kein positiver Effekt angekommen ist“, heißt es in dem 484 Seiten starken Bericht, der dieser Zeitung vorliegt. Die von den Richtern eingesetzten Berater fordern, dass „Feldversuche, in welchem Gewand sie auch daherkommen, unverzüglich einzustellen sind.“

Dabei ist Indien schon heute eines der größten Anbaugiebiete für genveränderte Baumwolle auf der Welt. Sorten wie Mais oder Sojabohnen werden dort aber nicht als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) angebaut. Etwa 93 Prozent der indischen Baumwolle sind derweil schon genverändert, um sie widerstandsfähiger gegen Krankheiten zu machen. Auf der Welt nehmen die Anbauflächen für GVO weiter zu. Laut dem Branchendienst ISAAA wurde der Anbau im vergangenen Jahr um 12 Millionen Hektar auf 160 Millionen Hektar ausgedehnt - überwiegend in den Vereinigten Staaten, gefolgt von Brasilien, Argentinien, Indien, Kanada und China.

Die Auseinandersetzung spiegelt die zerrissene Gesellschaft

Am stärksten haben sich herbizidresistente Sojabohnen durchgesetzt. Ein Zehntel der Weltlandwirtschaftsfläche war 2010 mit GVO bepflanzt, meist Pflanzen der sogenannten ersten Generation. Die sind tolerant gegenüber Pflanzenschutzmitteln und bringen den Landwirten Einsparungen an Pestiziden und Diesel. Andere sind resistent gegen Schädlinge. Erste Pflanzen der zweiten Generation sollen in diesem Jahr höhere Pflanzenerträge bringen, etwa der trockenheitstolerante Mais, den das Unternehmen Monsanto gemeinsam mit BASF entwickelt hat; und auch Bayer oder KWS arbeiten an solchen Kulturen.

In Indien wird die Auseinandersetzung um genveränderte Lebensmittel schärfer geführt, als etwa in Amerika. Denn sie spiegelt die zerrissene Gesellschaft im Land: So stellen nicht nur die Kommunisten etwa einen Zusammenhang zwischen dem schnell wachsenden Wohlstand von Bauern her, die solche modernen Pflanzen nutzen, und den verbreiteten Selbstmorden von Kleinbauern her: Die abhängigen Bauern blieben weiter zurück, der wachsende Wohlstand der wenigen führe dazu, dass sie schnell immer mehr Land hinzukaufen könnten. 70 Prozent der Bauern Indiens sind Abhängige ohne großen eigenen Landbesitz.

Indien kommt um eine zweite grüne Revolution nicht herum

Auf der anderen Seite kommt Indien um eine zweite grüne Revolution nicht herum: Im Land herrscht eine Unterversorgung, die die Teuerungsrate für Lebensmittel auf fast 10 Prozent hält. Ein Drittel der Lebensmittel verdirbt auf dem Weg vom Bauern zum Verbraucher. Und die Bevölkerung des Landes wächst stark. Angesichts von zu erwartenden 1,5 Milliarden Indern im Jahr 2025 steigt der Versorgungsdruck. „Die Sicherheit der Versorgung mit Lebensmitteln ist das wichtigste soziale Thema, und die Produktion von Nahrungsmitteln muss deutlich ausgebaut werden“, schreiben die Berater in dem Bericht: „Die Nahrungsmittelproduktion muss sich bis 2025 verdoppeln.“

Zurzeit wächst die Lebensmittelproduktion in Indien jährlich allenfalls um 2 Prozent, sie müsste aber um mehr als 3 Prozent zulegen um die Versorgung zu sichern. Auch deshalb hat die indische Regierung zuletzt den Markt für große Lebensmittelketten aus dem Ausland weiter geöffnet. Doch auch gegen sie wird Sturm gelaufen, da - ähnlich wie im landwirtschaftlichen Sektor - die Klein- und Kleinstunternehmer Sorge haben, zurück zu bleiben. Indiens Agrarexperten zeigen sich ambivalent. „Die Herausforderungen rufen danach, die machtvollen Instrumente der Molekular Biologie und Biotechnik in der Landwirtschaft zu nutzen“, heißt es in dem Bericht der Kommission.

Dennoch lehnen die Berater den Griff zu GVO ab. Die Einführung von genveränderten Brinjal, einer Sorte Auberginen, ist aus ihrer Sicht nur nach „dunklen Absprachen“ zustande gekommen. Der frühere Umweltminister Jairam Ramesh, der gerade bei deutschen Politikern hoch angesehen war, hatte ein Moratorium für den Auberginenanbau gefordert. Entwickelt wurden sie von der Maharashtra Hybrid Seeds Company, an der der Monsanto beteiligt ist. Kritiker sehen einen Zusammenhang zwischen dem häufigen Anbau des für die Bauern in der Anschaffung teureren, genveränderten Baumwollsorte „BT Cotton“ und den Selbstmorden armer Bauer, vor allem in Baumwollanbaugebieten. Die Kleinbauern verschulden sich teilweise massiv, um sich die Saat leisten zu können.

Der Saatgut-Industrie werden damit höhere Hürden in den Weg gestellt. Ram Kaundinya, der Geschäftsführer der führenden Agrochemieherstellers Advanta India, sprach daher von „negativen Implikationen“ des Berichts für seine Industrie. Für das deutsche Unternehmen Bayer Crop Science ist Indien ein wichtiger Markt für GVO-Baumwollsaatgut. Es gebe viele Belege, dass GVO für den Menschen sicher sein, sagte ein Sprecher. Weil das Verfahren noch laufe, wolle man es nicht kommentieren, teilten die Konzerne Syngenta und BASF mit. Der Saatgutkonzern KWS macht im tropischen Indien noch kaum Umsatz, will dorthin aber auf lange Sicht auch expandieren, sagte ein Sprecher dieser Zeitung - entweder mit GVO, oder konventionell gezüchtetem Saatgut. Indien habe „enormen Nachholbedarf, was die Flächenproduktivität angeht“.

In Deutschland und - bis auf wenige Länder wie Spanien - auch in der EU werden nur in wenigen Feldversuchen GVO angebaut. Mit Ausnahme von einigen Politikern in der FDP und CDU hat eine weitergehende Erlaubnis für diese Technik hier keine Befürworter gefunden. Auch Bauernvertreter fordern sie mit Hinweis auf den Verbraucherwillen nicht. Dabei sorgen sich Vertreter der exportorientierten Landwirtschaft um die Wettbewerbsfähigkeit. GVO-Soja ist auf den Weltmärkten etwa schon heute günstiger als konventioneller und wird auch in Deutschland in großen Mengen an Tiere verfüttert. Bayer Crop Science und BASF zogen Großteile ihrer GVO-Forschung daher aus Deutschland ab.

Quelle: F.A.Z.
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Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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