Geldpolitik

Inflationsrate steigt auf 2 Prozent

Von Philip Plickert, Stefan Ruhkamp und Tobias Piller
29.08.2012
, 17:52
Die hohen Ölpreise haben die Inflation in Deutschland wieder auf die sensible Marke von 2 Prozent gehoben. Die lockere Geldpolitik heizt den Preisauftrieb zusätzlich an. EZB-Präsident Draghi gibt sich unbeirrt.

Steigende Ölpreise sowie eine lockerere Geldpolitik haben die Inflationsrate in Deutschland im August unerwartet deutlich von 1,7 auf 2,0 Prozent gehoben. Als Hauptgrund für den Anstieg nannte das Statistische Bundesamt die gestiegenen Preise für Kraftstoffe und Heizöl. Für den Euroraum erwarten Volkswirte einen Anstieg der Teuerung von 2,4 auf 2,5 Prozent. Damit liegt die Inflation weiterhin über dem Zielwert der EZB von knapp 2 Prozent.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, hat am Mittwoch unterdessen seine Politik verteidigt und eine „echte Wirtschaftsunion“ gefordert. Die Europäische Zentralbank werde die Preisstabilität sichern, unabhängig bleiben und sie werde im Rahmen ihres Mandats handeln, schreibt Draghi in einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung „Die Zeit“.

Ohne den geplanten Ankauf von Staatsanleihen finanzschwacher Euroländer durch die EZB explizit zu erwähnen, reagiert Draghi auf ein Interview des Bundesbankpräsidenten, in dem Weidmann die Politik der EZB heftig kritisiert und vor den stabilitätspolitischen Risiken gewarnt hat. Die Treue zum Mandat verlange, dass die EZB gelegentlich über die üblichen geldpolitischen Maßnahmen hinausgehe, schreibt Draghi. Wenn auf den Kapitalmärkten Angst und Irrationalität herrschten und wenn sich der gemeinsame Finanzmarkt entlang der Ländergrenzen aufspalte, erreiche das geldpolitische Signal der EZB nicht mehr alle Bürger.

Um seinen Wohlstand zu sichern, müsse Deutschland wirtschaftlich in der Mitte Europas verankert bleiben, als Fixpunkt einer soliden Währung, meint Draghi. Nur eine vertiefte Wirtschafts- und Währungsunion könne diese so vorteilhafte Einbindung Deutschlands sichern. Es sei dafür eine erneuerte institutionelle Architektur erforderlich, schreibt Draghi, die jedoch nicht eine politische Union bedeute. Nationalstaatliche Souveränität müsse gebündelt und die demokratische Legitimation verstärkt werden. Das dürfe nicht zu einer Zentralisierung der Wirtschaftspolitik in Brüssel führen, fordert der EZB-Präsident. Staatliche Haushalte müssten überwacht und Mindeststandards für die Wettbewerbsfähigkeit festgelegt werden, damit nicht einige Regionen auf die Finanzhilfe anderer angewiesen seien. Denn der Euroraum sei kein Nationalstaat, in dem ein derartiges Ausgleichssystem genügend Unterstützung der Bevölkerung bekäme.

Die Währungsunion benötige auch eine gemeinsame Finanzmarktarchitektur. Dafür seien Regulierungskompetenzen auf europäischer Ebene erforderlich, damit Banken nicht länger übermäßige Risiken eingehen könnten. Das wirke zudem einer Vereinnahmung der nationalen Aufsichtsbehörden durch die Finanzbranche entgegen.

Die hohen Risikozuschläge auf Staatstitel und Bankkredite in Italien haben nach Meinung von Italiens Ministerpräsident Mario Monti auch negative Folgen für diejenigen Länder, die derzeit den Vorteil niedriger Zinsen genössen. „Die aktuelle Lage bewirkt in Deutschland ein starkes Wachstum der Geldmenge M3, aus der künstlich niedrige Zinsen folgen, mit steigenden Preisen für Anleihen und steigenden Preisen für Anlagewerte wie Immobilien“, sagte Monti gegenüber der italienischen Zeitung „IlSole24Ore“. Daraus entstehe ein Inflationspotential in Deutschland, das dort sicher nicht gewünscht werde. „Den Interventionen der EZB entgegenzutreten, die auf eine Dämpfung der Ungleichgewichte ausgerichtet sind, könnte sich vor allem aus deutscher Sicht als Eigentor mit paradoxen Folgen erweisen“, sagte Monti.

Italiens Ministerpräsident ist zufrieden damit, dass im August Turbulenzen an den Finanzmärkten ausblieben. Im Fall Italiens liege das zum einen an der Sanierungsarbeit seiner Regierung, zum anderen daran, dass am Horizont eine europäische Antwort auf die Krise auftauche. Monti trat der Vorhaltung entgegen, dass man nach Ablauf seiner Amtszeit zur politischen Verantwortungslosigkeit zurückkehren werde. „Zum Glück gibt es in Europa Verträge, die eine Art Leitplanke darstellen und verhindern, dass einzelne Länder zu viel Kreativität in der Haushaltspolitik entwickeln.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Plickert, Philip
Philip Plickert
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
Autorenporträt / Piller, Tobias
Tobias Piller
Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.
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