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ASIEN IN ZAHLEN – TEIL II

Punktabzug für zu seltene Besuche bei den Eltern

Redaktion: BASTIAN BENRATH und BERNHARD BARTSCH, Grafik: JENS GIESEL, BERND HELFERT, INFOGRAPHICS GROUP

30.11.2018 · China weist bald jedem Bürger einen Punktestand zu – je nachdem, ob er sich in den Augen der Regierung gut oder schlecht verhalten hat. Das Projekt ist der größte Versuch digitaler Sozialkontrolle aller Zeiten. Teil zwei unserer Infografik-Reihe über Asien.

Es geht um staatliche Kontrolle – und um die Nutzung digitaler Möglichkeiten zu diesem Zweck. Chinas geplantes Sozialkreditsystem für alle seine Bürger soll im Jahr 2020 landesweit eingeführt werden. Es gilt als ambitioniertestes Experiment in digitaler Sozialkontrolle aller Zeiten.

Viele Details sind noch nicht bekannt – Chinas Behörden gelten nicht als Vorzeigebeispiele für Transparenz. Doch klar scheint zu sein, dass das System das finanzielle, soziale, moralische und politische Verhalten aller 1,4 Milliarden Chinesen überwachen und bewerten wird. Auch chinesische Unternehmen sollen einen Score erhalten.

Diese Punktzahl bildet die Grundlage für ein System von Belohnungen und Strafen, die für den einzelnen Bürger durchaus greifbare Auswirkungen haben. Derzeit experimentiert die Regierung damit. So veröffentlichten chinesische Gerichte im vergangenen April eine Schwarze Liste von mehr als 10 Millionen Bürgern, die Kredite nicht bedient oder Geldbußen nicht bezahlt hatten. Fortan durften diese Bürger nicht mehr ohne weiteres Tickets für Flugreisen oder Fahrten mit Hochgeschwindigkeitszügen kaufen. Die chinesische Regierung hält das System für ein wichtiges Werkzeug, um Chinas Wirtschaft zu lenken und die Gesellschaft zu regieren. Offiziell erklärtes Ziel ist es, „den Ehrlichen Vorteile zu geben und die Unehrlichen zu disziplinieren“.

Zur Berechnung des Scores zieht das System riesige Datenmengen aus allen Quellen, die der Regierung zur Verfügung stehen. Das sind einerseits traditionelle Quellen: Kreditbewertungen, Strafregister, Meldedaten, Schulzeugnisse. Ebenso fließen aber auch Daten aus digitalen Quellen ein – zum Beispiel die Suchbegriffe, welche die Person im Internet eingegeben hat, ihre Shopping-Vorlieben in Internetläden oder die Kommentare, die sie in Sozialen Medien hinterlassen hat. Außerdem wird ein großer Teil des öffentlichen Raums in China kameraüberwacht. Mithilfe von Gesichtserkennung können etwa Verkehrssünder auf diese Weise identifiziert – und ihre Sozialkredite abgewertet werden. Eine künstliche Intelligenz verarbeitet die immensen Datenströme und berechnet für jede Chinesin und jeden Chinesen einen Punktestand.


Viel Protest gegen das Sozialkreditsystem gibt es in Chinas Bevölkerung nicht. Eine repräsentative Befragung von 2200 Chinesen durch die Freie Universität Berlin ergab kürzlich, dass 80 Prozent der Chinesen Sozialkreditsysteme befürworten. Ebenfalls 80 Prozent der Befragten – vermutlich in etwa dieselben Menschen – ließen sich auch jetzt schon, bevor das System flächendeckend eingeführt wurde, freiwillig bewerten.

Der Forstbeamte Zhang Jian aus der ostchinesischen Stadt Rongcheng, die schon vor vier Jahren ein Sozialkreditsystem eingeführt hat, schilderte sein Leben damit gegenüber dem Deutschlandfunk etwa so: „Wenn ich bei Rot über die Ampel fahre, geht’s runter mit dem Kontostand. Auch meine Arbeit im Forstamt fließt in das Sozialkredit-System ein. Wenn die Bürger mit unserem Service nicht zufrieden sind, können sie sich beschweren. Das hat dann Auswirkungen auf meinen Punktestand.“ Dennoch mache er sich keine Sorgen: „Ich achte auf mein Benehmen und mein Handeln. Ich sollte keine großen Abzüge haben.“

Dass das Sozialkreditsystem ein Instrument der staatlichen Kontrolle ist, wird dabei größtenteils fraglos akzeptiert. Dissidenten und kritische Geister wissen trotzdem, was auf sie zukommt. „Bei Leuten wie mir, denen man schon viele Konten in den sozialen Medien gesperrt hat, besteht doch kein Zweifel: Wir gehören zu den großen Verlierern eines Sozialkreditsystems“, sagt etwa der regierungskritische Autor Murong Xuecun. „Aber habe ich in China irgendwelche Möglichkeiten, was dagegen zu tun? Nein, ich habe keine Wahl.“


Quellen: Mercator Institute for China Studies, The Guardian, Wired, Deutsche Welle

Redaktion: Bastian Benrath, Bernhard Bartsch
Grafik: Bernd Helfert, Jens Giesel, Infographics Group

Die Grafiken und die verwendeten Recherchen stammen aus dem Projekt

Asia in Infographics
Bernhard Bartsch
Infographics Group

Mit freundlicher Genehmigung der
Bertelsmann Stiftung >

Quelle: FAZ.NET