Internet

Der gläserne Mensch

Von Hendrik Ankenbrand und Britta Beeger
09.06.2013
, 17:25
Big Data kann helfen, Leben zu retten. Aber nur, wenn man die Informationsflut bewältigt.
Facebook, Google & Co. wissen alles über uns. Sogar, was wir morgen tun. Auf diese Daten sind alle scharf. Nicht nur der amerikanische Geheimdienst.
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Ein Werbevideo der Firma Raytheon sorgte in diesem Frühjahr für Aufregung. Raytheon ist ein Rüstungskonzern mit 24 Milliarden Dollar Jahresumsatz und Sitz im amerikanischen Bundesstaat Massachussetts und Außenstelle in Rüsselsheim.

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In dem Video, das der britische „Guardian“ veröffentlichte, demonstriert Raytheons „Cheffahnder“, wie er das Leben eines Kollegen ausspioniert - auf der Grundlage von frei verfügbaren Daten aus sozialen Netzwerken wie Facebook und Foursquare, einem Portal, in das sich der Nutzer mit seinem Smartphone einloggt, um zu sehen, ob Freunde oder gute Restaurants in der Nähe sind.

Von Facebook-Nutzern gepostete Fotos, demonstriert der Raytheon-Fahnder, enthalten oft die Breiten- und Längengrade ihres Entstehungsorts, bis auf den Meter genau - geliefert hat sie das Smartphone des Fotografen. „Wir werden jetzt einen unserer Angestellten aufspüren“, spricht der Internetfahnder im Video, und innerhalb von ein paar Minuten und ein paar Klicks breitet er das gesamte Leben von Mitarbeiter Nick auf dem Bildschirm aus: wie Nick aussieht, wer seine Freunde sind, wo er sich wann aufhält - und wo er sich wann mit großer Wahrscheinlichkeit in Zukunft aufhalten wird: „Wollen Sie Nick erwischen, oder wollen Sie seinen Laptop in die Finger bekommen, dann sollten Sie an einem Montagabend um sechs Nicks Fitnessstudio einen Besuch abstatten.“

Big Data hat eine Kehrseite: Big Brother

Big Data, der große Datenhaufen im Internet, Ergebnis der digitalen Vermessung von allem und jedem auf der Welt, hat eine Kehrseite, und die heißt Big Brother. Das ist mittlerweile jedem klar, der vom Versandhaus Amazon erschreckend geschmackssichere Kaufvorschläge per E-Mail erhält. Jede Adressabfrage im Internet fällt unter Big Data, genauso wie jeder Eintrag bei Facebook. Für Unternehmen sind die Berge an Kundendaten das „Öl des 21. Jahrhunderts“: Je mehr bekannt ist über Konsum und Bonität von Kunden, desto höher der Umsatz.

Ob durch Big Data wirklich das Wachstum der Weltwirtschaft vorangetrieben wird, ist umstritten. Klar ist seit vergangener Woche, dass auch die Hoffnungen des Staats auf Big Data liegen. Nun weiß die Welt offiziell, dass Telefonfirmen und sämtliche großen Internetkonzerne ihre Daten beim größten amerikanischen Geheimdienst NSA abliefern müssen, der direkten Zugriff hat auf die Server von Facebook, Apple, Microsoft, Yahoo - und sich damit von der Wirtschaft eine Überwachungsarchitektur bauen lässt, die in ihrer Breite und Tiefe einen Quantensprung bedeutet.

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Eine neue Debatte steht uns bevor über die Frage, was alles an Informationen über die Menschen in den Weltnetzen gespeichert ist und wie Wirtschaft und Staat diese nutzen.

Gestritten werden wird weniger in Amerika, wo Privatsphäre von vielen ohnehin nur als kurze historische Episode der Menschheitsgeschichte angesehen wird und Stellenbewerber aufgefordert werden, ihr Facebook-Passwort zu verraten. Die Daten werden am Markt offen gehandelt. Für die Adresse eines amerikanischen Bürgers gibt es laut einer Untersuchung der OECD 50 Cent, für sein Geburtsdatum zwei Dollar, für seine Sozialversicherungsnummer acht Dollar, für Angaben zu seiner Bonität neun Dollar. Informationen über die Ausbildung kosten 12 Dollar, Angaben über Vorstrafen 15 Dollar, Insolvenzauskünfte 26,50 Dollar.

Aufregen kann der Kommerz mit der eigenen Person nur eine kleine Minderheit. In Umfragen vermuten 85 Prozent der Amerikaner, Regierung und Unternehmen hätten ohnehin auf ihre Daten vollen Zugriff. Und jeder zweite Befragte fügt hinzu, das sei ihm herzlich egal. Was auch nicht verwundert in einem Land, wo der Mail-Verkehr am Arbeitsplatz in der Großkanzlei Firmeneigentum ist und von externen Dienstleistern mit Hilfe von Psychologie und Spieltheorie auf „Bedrohungen“ hin analysiert wird: Wer ist loyal, wer hat schon innerlich gekündigt?

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Auch deutsche Mails können ausgelesen werden

Das wäre in Deutschland nicht möglich, wo der Aufschrei stets groß war, ob nun Kamerawagen von Google Street View durch die Straßen fuhren und fotografierten; ob die Schufa ankündigte, Facebook-Daten für die Bewertung der Bonität von Kreditkunden zu nutzen; oder ob die Einwohnermeldeämter Adressen an Unternehmen und Datenhändler verkaufen wollten.

Doch der „Prisma“ getaufte Schnüffelangriff bedroht auch Deutsche. Nicht amerikanische Bürger seien das Ziel, wie der amerikanische Geheimdienstdirektor James Clapper in den vergangenen Tagen immer wieder betonte, sondern Ausländer. Jeder Deutsche, der das Internet nutzt, kann also legal überwacht werden. Ob mit Wohnsitz Berlin, Hamburg oder Oberammergau - wer bei Facebook angemeldet ist, Google nutzt, sich auf Youtube Videos anschaut oder über Skype telefoniert, wird möglicherweise durchleuchtet. Weil das Internet staatenlos ist und sich Daten im Internet immer den schnellsten Weg bahnen, der oft über dessen Geburtsland führt, laufen selbst E-Mails, die innerhalb Deutschlands verschickt werden, manchmal über amerikanische Server - auch sie können ausgelesen werden.

Dank superschneller Datenbanken, wie sie der Walldorfer IT-Konzern SAP gerade auf den Markt wirft, ist das sekundenschnelle Durchforsten riesiger Datenberge kein Problem mehr. Für Wirtschaft und Staat ist die gute Zusammenarbeit bei der Überwachung zum beiderseitigen Vorteil, auch dort, wo liberale Verfassungen gelten. Ganz offiziell berät der Vorstandschef des Rüstungs- und Spionagekonzerns Raytheon, William Swanson, Amerikas Präsident Barack Obama in Fragen der nationalen Sicherheit. Raytheon stellt nicht nur Cruise Missiles her, seit 2007 hat der Konzern elf IT-Firmen übernommen, zuletzt einen Spezialisten für drahtlose Kommunikation.

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Die Datensammelei nutzt schon heute deutschen Sicherheitsbehörden und Nachrichtendiensten: 2006 leitete die NSA den deutsch-pakistanischen Mail-Verkehr der Mitglieder der später als „Sauerland-Gruppe“ bezeichneten Terrorzelle aus Oberschledorn an den Bundesnachrichtendienst weiter.

Kinect-Kamera erfasst Bewegungen im Wohnzimmer

Der Fall einer Kölner Studentin mit Liebhaber in der Türkei, die wegen Namensverwechslung für eine Autodiebin gehalten wurde und Besuch von der Staatsmacht bekam, lag anders. Nach Auswertung von Facebook, E-Mails und Kontodaten interessierten sich die Kripobeamten plötzlich für ganz anderes: Warum die Dame so oft nach Istanbul fahre? Was sie vom Islam halte?

„Schrecklicher als die Vision“ des Orwellschen Überwachungsstaats selbst sei mittlerweile die Realität, schrieb einst der „Spiegel“: „Wenn einer auf der Bank Kredit will - schon ist er gespeichert. Wenn er sich im Hotelfoyer einträgt, im Buchklub, bei der Lebensversicherung - alles ist gespeichert, gespeichert, gespeichert.“ Das war 1983. Die Angst vor Totalüberwachung ist hierzulande so alt wie der Staat selbst - trotz des Siegeszugs von Facebook & Co. Der amerikanische Bestsellerautor Jeff Jarvis spricht von einem „deutschen Paradox“: Unsere Wohnung soll nicht auf Google Street View zu finden sein, aber in der Sauna zeigen wir uns wildfremden Menschen komplett nackt.

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In Deutschland, wo sich jedes Bundesland einen Datenschutzbeauftragten leistet, gehen die Menschen sorglos mit ihren Daten um, posten auf Facebook die neuesten Urlaubsfotos, diskutieren jüngste politische Ereignisse und bekennen sich zur Lieblingsmarke. Und glauben gleichzeitig, die Daten ganz einfach schützen zu können.

Jüngst machte ein Statement auf Facebook die Runde: „Aufgrund der neuen AGBs in Facebook widerspreche ich hiermit der kommerziellen Nutzung meiner persönlichen Daten (Texte, Fotos, persönliche Bilder, persönliche Daten). Die kommerzielle Nutzung bedarf ausdrücklich meiner schriftlichen Zustimmung.“ Die Vorstellung, so dem Börsengiganten aus dem Silicon Valley die Geschäfte verhageln zu können, ist putzig.

Als Microsoft Ende Mai seine neue Spielkonsole „Xbox One“ vorstellte, ging ein Detail in der Freude über die neue hochauflösende „Kinect“-Kamera unter, vor der die Spieler im Wohnzimmer herumhüpfen sollen, tanzen oder Tennis spielen: Die Kamera, die dafür gedacht ist, die Bewegungen der Spieler zu erfassen, registriert Reaktionsgeschwindigkeit, Lernfähigkeit, Emotionen. Und sie ist immer an - auch wenn das Gerät im Stand-by-Modus verharrt.

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Beschwerde gegen Vorratsdatenspeicherung wird gekippt

Der Xbox-Käufer holt sich damit eine Überwachungskamera mit Hochfrequenzmikrofon nachhause, die 24 Stunden lang die Räume filmt und dank Internetverbindung pausenlos Ton und Bilder auf die Datenserver des Konzerns aus Seattle sendet. Microsoft teilte mit, man wolle die durch die Überwachung gewonnenen Informationen für „personalisierte Angebote“ nutzen wie Werbung und Filme.

Peter Schaar, Bundesdatenschutzbeauftragter, geißelte die Xbox daraufhin als „Überwachungsgerät“. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis Hacker in die „Always-On“-Konsole eindrängen und mitschnitten, was im Raum passiere, schrieb der Internetdienst „Heise“. Angesichts der Gesetzeslage in Amerika dürfe man getrost davon ausgehen, dass der NSA-Geheimdienst einen solchen Zugang bekomme. Seit vergangener Woche ist klar: Dies ist mehr als Verschwörungstheorie.

In Deutschland gibt es für eine totale Überwachung nach amerikanischem Vorbild keine gesetzliche Grundlage. Die Vorratsdatenspeicherung, 2006 von der EU vor dem Hintergrund der Anschläge in London und Madrid verabschiedet, soll eine verdachtsunabhängige Massenüberwachung ermöglichen: Telekommunikationsfirmen sollen die Verbindungsdaten ihrer Kunden speichern - wer telefoniert wann mit wem, wer verbindet sich wo mit dem Internet, wer schickt wem eine E-Mail. Diese Daten sollen sechs Monate bis zwei Jahre lang gespeichert und den Strafverfolgungsbehörden auf Anfrage zur Verfügung gestellt werden. Auch hier lautet das Argument: Es geht um Sicherheit.

35.000 Menschen legten in Deutschland Verfassungsbeschwerde gegen die Vorratsdatenspeicherung ein, 2010 kippte Karlsruhe das Gesetz. Weil Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) - ganz in der Tradition seines Vorgängers Wolfgang Schäuble (CDU) - sämtliche Vorratsdaten ohne Anfangsverdacht sechs Monate lang speichern will und Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger sich dem aber entgegenstellt, ist es in Deutschland ausgesetzt.

Aber zur Not gibt es ja Amtshilfe aus Amerika.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Ankenbrand, Hendrik
Hendrik Ankenbrand
Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
Autorenporträt / Beeger, Britta
Britta Beeger
Redakteurin in der Wirtschaft.
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