Jackson Hole

Ben Bernanke hat die große Bühne für sich allein

Von Patrick Welter, Washington
30.08.2012
, 14:48
Das traditionelle Treffen der Notenbanker in den Rocky Mountains ist in diesem Jahr deutlich dünner besetzt. Dem amerikanischen Zentralbankchef Ben Bernanke ist die Aufmerksamkeit sicher. Die Finanzmärkte erhoffen sich von ihm Signale zur Geldpolitik.

Mit der Absage von EZB-Präsident Mario Draghi hat Ben Bernanke die große Bühne ganz für sich. Am Freitag wird der Vorsitzende der amerikanischen Federal Reserve (Fed) mit einem Vortrag über die „Geldpolitik seit der Krise“ das Notenbankertreffen in Jackson Hole im amerikanischen Bundesstaat Wyoming beginnen. An den Finanzmärkten ranken sich Spekulationen, dass Bernanke deutliche Signale für eine neue Runde der quantitativen Lockerung vielleicht schon im September aussenden wird. Diese Erwartungen könnten enttäuscht werden, warnen jedoch Analysten. Bernanke legt den Offenmarktausschuss ungern vorab fest.

Wirtschaft wuchs bescheiden bis mäßig

Das Wachstum im zweiten Quartal, das am Mittwoch marginal - auf ein Jahr hochgerechnet - von 1,5 auf 1,7 Prozent revidiert wurde, hat die generelle Erwartung einer Lockerung nicht verändert. Die Fed könnte indes Hoffnung schöpfen, weil der Konsum stärker ausfiel als zuvor angenommen. Im „Beige Book“ schrieb die Zentralbank, dass die Wirtschaft in den meisten Regionen und Bereichen bis Anfang August bescheiden bis mäßig wuchs. Die meisten Distrikte berichteten über einen stärkeren Einzelhandel. Der Preisdruck war stabil, die Neueinstellungen mäßig.

Das wissenschaftliche Symposium in Jackson Hole, das die regionale Federal Reserve Bank von Kansas seit 1978 organisiert, ist eigentlich keine Bühne für Stellungnahmen zur Geldpolitik. „Traditionell haben die Fed-Vorsitzenden Jackson Hole genutzt, um allgemeine Themen darzulegen, nicht aber für spezifische geldpolitische Ankündigungen“, schreibt Jim O’Sullivan von der Analysegesellschaft High Frequency Economics. Selbst vor zwei Jahren, als Bernanke nach heute gängiger Marktmeinung die Bereitschaft zur zweiten Runde des Ankaufs von Staatsanleihen ankündigte, war diese Lesart seiner Rede bei weitem nicht so klar. „Bernankes Rede galt damals als uneindeutig“, schreibt O’Sullivan. Es dauerte dann noch bis November, bis der Offenmarktausschuss sich zur Lockerung durchrang.

Kein Tagungsteilnehmer aus dem Direktorium der EZB

Vor dem gewaltigen Anblick der Rocky Mountains und unter dem nichtssagenden Titel „Die sich verändernde politische Landschaft“ dreht die Tagung sich um entscheidende Fragen der Geldpolitik nach der Krise. Ansteckungsrisiken, langfristige Finanzstabilität, Geldpolitik an der Null-Prozent-Grenze und der Arbeitsmarkt sind einige der Themen.

International ist die Tagung in diesem Jahr nicht nur wegen der Absage von Draghi, der mit dem Ökonomen Alan Blinder über „Globale Politikperspektiven“ debattieren sollte, ein wenig dünner besetzt als in den Vorjahren. Aus dem Direktorium der Europäischen Zentralbank ist niemand dabei. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann wird anreisen, aber keinen Vortrag halten. Der schweizerische Notenbankgouverneur Thomas Jordan und der Gouverneur der Bank von Kanada, Mark Carney, haben aus Termingründen abgesagt. Vom Internationalen Währungsfonds kommt nur die Nummer zwei, David Lipton, nicht aber die geschäftsführende Direktorin Christine Lagarde. Sie hatte 2011 noch Widerspruch geerntet mit der klaren Forderung, Europa müsse seine Banken rekapitalisieren.

Jackson Hole ist bekannt für das Missachten von Krisensignalen

Jackson Hole ist für teils heftige Kontroversen um die theoretischen Grundlagen der Geldpolitik bekannt - und für das Missachten von frühen Krisensignalen. 2005 warnte der Ökonom Raghuram Rajan von der Universität Chicago vor der bevorstehenden Finanzkrise und wurde nahezu überhört. Auch transatlantische Differenzen werden bei der Tagung immer wieder deutlich. Der frühere Chefvolkswirt der EZB, Otmar Issing, erntete mit einem Referat 2001 das Schweigen amerikanischer Teilnehmer. Issing hatte an historischen Beispielen der Wirtschaftskrisen in den Vereinigten Staaten in den dreißiger Jahren und in Japan seit den neunziger Jahren dargelegt, dass eine Beachtung von „Überschussgeld“ die Geldpolitik wohl besser leite als simple Regeln wie die sogenannte „Taylor-Regel“. Geldmengenaggregate gelten der Fed aber nichts mehr. Stattdessen debattiert sie derzeit eben gerade über geldpolitische Regeln, um die Märkte anzuleiten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Welter, Patrick
Patrick Welter
Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.
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