Nach Brexit

Japan und Großbritannien besiegeln Freihandel

Von Patrick Welter, Tokio
23.10.2020
, 07:59
Mit dem ersten wichtigen Handelsvertrag nach dem Brexit-Beschluss wendet sich das Vereinigte Königreich Richtung Asien. Das Abkommen mit Japan öffnete die Tür für einen Beitritt zum Transpazifischen Handelspakt.

Japan und das Vereinigte Königreich haben am Freitag in Tokio ihren bilateralen Freihandelsvertrag besiegelt. Für die Briten ist es der erste Freihandelsvertrag mit einer der großen Volkswirtschaften der Welt seit dem Beschluss, die Europäische Union zu verlassen. Die Verhandlungen zwischen London und der EU über einen Vertrag, der die Handelsbeziehungen nach dem Brexit zum Jahreswechsel regeln soll, dauern derweil an.

Japans Außenminister Toshimitsu Motegi und die britische Handelsministerin Liz Truss unterzeichneten in einer kleinen Zeremonie in Tokio den Vertrag, der im Sommer nach etwa drei Monaten ausgehandelt worden war. Im Gegensatz zu den langwierigen Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU demonstrierten die Regierungen in London und Tokio damit, dass man schnell zu einem Abkommen kommen kann, wenn beide Seiten es wirklich wollen. Japan ist nun die erste große Wirtschaftsmacht, die sowohl mit der EU als auch mit dem Vereinigten Königreich einen Freihandelsvertrag geschlossen hat und so auf den Brexit gut vorbereitet ist.

Kleine wirtschaftliche, große strategische Bedeutung

Die direkte wirtschaftliche Bedeutung des Vertrages ist für die beiden Staaten begrenzt. Das Vereinigte Königreich rangiert auf der Liste der größten Handelspartner Japans nur auf Rang 18. Die britische Regierung erwartet nur einen marginalen Wachstumsschub über die kommenden 15 Jahre von 0,07 Prozent. Die Regierung in London unterstreicht aber die strategische Bedeutung des Abkommens mit der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt. Handelsministerin Truss spricht von einem Trittstein für den angestrebten Beitritt zum Transpazifischen Handelspakt CPTPP zwischen elf Pazifikanrainern von Australien über Kanada bis Vietnam, dem Japan als größtes Mitglied angehört. Die Regierung in Tokio steht einem Beitritt Großbritanniens zu dem regionalen Freihandelsbündnis positiv gegenüber.

Der Vertrag zwischen Tokio und London orientiert sich im Großen und Ganzen an den bestehenden Freihandelsregeln zwischen Japan und der EU. Die wichtigste Ergänzung ist ein Kapitel über den digitalen Handel, der die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen für Technologie- und Finanzunternehmen erleichtern wird. Es wird erwartet, dass die Parlamente in Tokio und London den Vertrag noch in diesem Jahr zustimmen, so dass er am 1. Januar des kommenden Jahres in Kraft treten kann. Damit wäre sichergestellt, dass es für britische und japanische Exporteure im bilateralen Verhältnis keine Verschlechterungen zum Status quo gibt.

Weiter von der EU abhängig

Japan genehmigte Großbritannien keine neuen Einfuhrquoten für Agrarprodukte. Die britischen Exporteure werden aber weiterhin von speziellen Quoten für einige Waren wie Käse oder andere Milchprodukte profitieren, die die Europäische Union in ihrem Freihandelsabkommen mit Japan nach langem Ringen erlangt hatte. Großbritannien dürfe künftig den Teil dieser Einfuhrquoten ausschöpfen, den die Europäische Union nicht beanspruche, erklärte ein japanischer Regierungsvertreter. Das Detail verdeutlicht, wie stark das Vereinigte Königreich auch nach dem Austritt aus der EU in seiner Handelspolitik noch von der Europäischen Union abhängt.

Im Vergleich zu dem Vertrag mit der EU erhält Japan von Großbritannien einige Zollerleichterungen für die Einfuhr von Zügen und Fahrzeugteilen für die Produktion von Autos. Das erleichtert die Lage japanischer Autohersteller wie Toyota Motor und Nissan Motor, die im Vereinigten Königreich produzieren und von dort viele Autos in die Europäische Union exportieren. Ohne ein Handelsabkommen zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union für die Zeit nach dem Brexit aber ist für die japanischen Autohersteller immer noch offen, unter welchen Zollbedingungen sie künftig Autos von Großbritannien in die EU liefern können.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Welter, Patrick
Patrick Welter
Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.
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