Vorbild Japan?

Mit Wasserstoff und Kohle zur Energiewende

Von Andreas Mihm, Tokio
04.04.2018
, 14:50
Mit neuen Technologien will Japans Regierung die Klimaziele erreichen. Der Gegensatz zur deutschen Energiewende könnte nicht größer sein.

In Deutschland ist der Kohleausstieg eine Frage der Zeit. Eine Kommission aus Politik und Interessenverbänden soll darüber entscheiden, wann die Kohleverstromung endet. Dass Energiewende auch anders geht, beweist Japan. Die Regierung in Tokio setzt auf Wasserstoff – und Kohle. Bis zum Jahr 2050 will sie die Energieversorgung umgebaut haben. Die Strategie hat sie vor vier Jahren beschlossen. Seither setzte sie diese schrittweise und beharrlich um, die Fortschritte werden nun sichtbar in dem 120-Millionen-Einwohner-Land, das von Energieimporten abhängt. Schon zu den Olympischen Spielen 2020 sollen wasserstoffgetriebene Busse Sportler und Besucher kutschieren, die Zahl der Tankstellen im Land wird ausgebaut. Neue Lieferketten werden erprobt, Brennstoffzellen als Heizungen in Häuser und Antrieb für Autos eingebaut. Auch das kostet erst einmal: Das Wirtschaftsministerium allein subventioniert die Strategie jedes Jahr mit mehr als 300 Millionen Euro.

Japan sieht seine Energiewende als Modell für andere Länder. Im nächsten Jahr will die Regierung ihre Präsidentschaft innerhalb der Gruppe der 20 größten Volkswirtschaften (G 20) dazu nutzen, auf der ganzen Welt für die Wasserstofftechnologie zu werben, sagt Masashi Hoshino, ein Fachmann aus dem Wirtschaftsministerium. Man werde andere Staaten aufrufen, gemeinsam einen Wasserstoffrat zu gründen, um der Technologie zum Durchbruch zu verhelfen. Um Wasserstoff zu erzeugen, benötigt Japan sehr viel Elektrizität. Mittelfristig soll der Wasserstoff zwar aus grünen Energiequellen gespeist werden, doch für eine Übergangszeit setzt der hochindustrialisierte Inselstaat auf eine Energiequelle, die man in Deutschland möglichst schnell loswerden möchte: auf Kohle. Die erneuerbaren Energien sollen bis 2030 zwar verdoppelt werden (im Vergleich zum Schnitt der Jahre 2001 bis 2010), doch auch der Kohleverbrauch soll von 24 auf 26 Prozent im japanischen Energiemix steigen. Sogar neue Braunkohletagebaue sind geplant. Dennoch wollen die Japaner die Ziele des Pariser Klimaabkommens und das Versprechen der G-7-Staaten einer baldigen „Dekarbonisierung“ einhalten. Der Schlüssel ist modernste Technologie – die in Deutschland bestenfalls ein Nischendasein fristet.

Altbekannte Energiequelle, neue Technologie

Um zu verstehen, wie das gelingen soll, muss man wissen, dass bei der stromintensiven Wasserstoffgewinnung rund ein Drittel der eingesetzten Energie verlorengeht. Da man die dafür benötigte Elektrizität aber in Japan nicht in der benötigten Menge erzeugen kann, schauen die Japaner auf das benachbarte Ausland, etwa Australien. Im südaustralischen Morwell liege „genug Braunkohle, um die japanische Stromerzeugung für 240 Jahre zu sichern“, heißt es in einer Präsentation des Kawasaki-Konzerns, der wie viele andere Unternehmen in die Wasserstoffstrategie der Regierung einbezogen ist.

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© WITTEK/EPA-EFE/REX/Shutterstock, reuters

Natürlich wissen auch die Japaner, dass beim Verfeuern von Braunkohle klimaschädliches Kohlendioxid freigesetzt wird. Das aber wollen sie mittels moderner Technologie abscheiden und im Boden lagern. Diese CCS-Technologie („Carbon Capture and Storage“) ist in Deutschland faktisch verboten, obwohl Versuchsanlagen in Brandenburg nachgewiesen haben, dass das Verfahren sicher funktioniert. Aus der japanischen Perspektive entsteht so aus schmutziger Kohle sauberer Strom. Zudem sei das, sagt Kawasaki-Mann Taku Hasegawa, „eine der preiswertesten Wege, Wasserstoff zu erzeugen“.

Um Wasserstoff zu erzeugen, will Japan weitere Energiequellen nutzen. Dazu gehören: Windstrom aus Patagonien, Wasserkraft aus Sibirien und Skandinavien, Photovoltaikkraftwerke in Nordafrika oder Arabien. Im Sultanat Brunei auf der Insel Borneo wird schon an einem Pilotprojekt gearbeitet, in dem Wasserstoff aus dem Strom eines Solarkraftwerks erzeugt wird, das weitgehend kohlendioxidfrei arbeitet. Übernächstes Jahr sollen die ersten 210 Tonnen nach Japan gebracht werden.

Noch viel Luft nach oben

Doch vorher sind noch ein paar technische Hürden zu nehmen. Um berüchtigte Knallgaseffekte beim leicht entzündlichen Wasserstoff zu vermeiden, muss er vor dem Transport chemisch „verpackt“ und später wieder „entpackt“ werden. Das sei kein Problem, sagt ein Vertreter des Chemiekonzerns Chiyoda. Man habe dazu ein Verfahren entwickelt und erprobt. Es sei chemisch stabil und es gebe keine energetischen Verluste. Letztlich könne der Wasserstoff in konventionellen Großtankern transportiert werden.

„Wir sollten unsere Infrastruktur nutzen und nicht wegwerfen“, sagt der Chiyoda-Manager. Vor allem im Verkehr soll der Wasserstoffantrieb nach dem Willen der Japaner eine wichtige Rolle spielen. Die von der deutschen Regierung organisierte Reise einer Delegation aus Industrie und Wissenschaft, zu der auch die F.A.Z. eingeladen war, besuchte in Nagoya den Autokonzern Toyota. Der fertigt dort Autos vom Typ „Mirai“, die per Brennstoffzelle angetrieben werden.

Statt mit Hilfe von Robotern werden die Wagen in Handarbeit aus 2000 Teilen zusammengesetzt und zur Not zum nächsten Haltepunkt geschoben. 13 Mann arbeiten an einem Wagen, 13 Wagen verlassen am Tag die Lichtschleuse, wo zum Schluss noch der Lack kontrolliert wird. 3000 „Mirai“ sind im vorigen Jahr produziert worden. Da hatte Toyota insgesamt fast 9 Millionen Autos produziert. Der Vergleich zeigt, beim Wasserstoffauto ist noch viel Luft nach oben.

Noch ist das Auto etwas für Liebhaber: In Deutschland kostet es knapp 80.000 Euro, 65 Stück waren Ende 2017 zugelassen. Hier wie in Japan hofft Toyota auf einen schnellen Aufschwung, der hüben wie drüben mit erheblichen staatlichen Zuschüssen gefördert wird. Statt 40.000 sollen in Japan bald 200.000 und im Jahr 2030 gar 800.000 emissionsarme Wasserstoffautos auf der Straße sein.

Die deutschen Besucher sind beeindruckt, auch skeptisch. Reinhard Hüttl, Vizepräsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, fasst das so zusammen: Es sei eindrucksvoll zu sehen, mit welchem Aufwand und technologischen Innovationen Japan das Thema Wasserstoff voranbringe. „Andererseits deuten die beabsichtigten Zahlen im Verkehrssektor – 800.000 Brennstoffzellen-Autos auf den Straßen Japans im Jahre 2030 bei einer Gesamtzahl von etwa 60 Millionen Kraftfahrzeugen – auf eine langfristige Entwicklung hin, der aktuell eher noch eine gewisse Skepsis gegenüber dieser Strategie innewohnt.“

Quelle: F.A.Z.
Andreas Mihm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.
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