Junge Menschen ohne Eigentum

Gefangen in der Miete

Von Julia Löhr, Berlin
09.06.2021
, 16:53
Immobilien in Deutschland gehören immer häufiger alten Menschen. Der Anteil der Jungen unter den Eigentümern hat sich in den vergangenen 20 Jahren halbiert. Ein Problem sind die Kaufnebenkosten.

Seit Jahren zählt Deutschland in Europa zu den Schlusslichtern, wenn es um den Anteil der Immobilieneigentümer geht. Nur rund der Hälfte der Menschen gehört hierzulande eine Wohnung oder ein Haus, weniger sind es nur in der Schweiz.

Doch es deutet wenig darauf hin, dass sich dies so schnell ändert, im Gegenteil. Von allen Haushalten, denen eine Immobilie gehört, waren im Jahr 2000 noch 31 Prozent im Alter bis 45 Jahre. Im Jahr 2019 machte diese Altersgruppe nur noch 15 Prozent der Eigentümer aus.

Abschreckende Kaufpreise

Der Anteil der Haushalte mit Bewohnern über 65 Jahre stieg derweil von 27 auf 40 Prozent. Sie hätten ihr Wohneigentum typischerweise in den Achtziger- und Neunzigerjahren erworben, heißt es in der Studie, die das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) im Auftrag der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung erstellt hat. Und weiter: „Die seit der Wiedervereinigung gemachten Fortschritte in der Wohneigentumsbildung laufen Gefahr, verspielt zu werden, wenn jüngere Haushalte nicht auch wieder verstärkt Wohneigentum bilden können.“

Der demographische Wandel erkläre den sinkenden Anteil jüngerer Eigentümer nur zu einem kleinen Teil, sagt Immobilienfachmann Michael Voigtländer vom IW Köln. „Die hohen Kaufpreise sind abschreckend“, sagt Immobilienfachmann Michael Voigtländer vom IW Köln. Andererseits könnten sich Interessenten wegen des immer noch niedrigen Zinsniveaus der Immobilienkredite auch mehr leisten.

Die Krux liegt aus seiner Sicht in den Kaufnebenkosten. Diese müssen Käufer mindestens als Eigenkapital angespart haben. Der größte Posten ist die Grunderwerbsteuer, die viele Bundesländer zuletzt kräftig erhöht haben. Zusammen mit den Kosten für Makler, Notar und Grundbuchamt kämen zum eigentlichen Preis der Immobilie bis zu 11,75 Prozent an Zusatzkosten dazu.

Die meisten Banken verlangen zudem, dass auch ein gewisser Anteil des Kaufpreises durch Eigenkapital gedeckt wird. Bei einem durchschnittlichen Immobilienpreis von 300.000 Euro müssten Käufer deshalb über mindestens 60.000 Euro verfügen. „Dies trifft aber nur auf rund 15 Prozent der Mieterinnen und Mieter zu“, stellt die Studie fest.

Um den Anteil vor allem jüngerer Immobilieneigentümer zu steigern, empfiehlt das Institut einen Blick nach Großbritannien. Dort gebe es für die Grunderwerbsteuer einen Freibetrag. Darüber hinaus gelte: Je höher der Kaufpreis, desto höher der Steuersatz. Dadurch würden besonders jene Haushalte entlastet, die günstige Wohnungen kauften. „Für vermietete Wohnungen könnte wie bisher ein Pauschalsatz angewendet werden.“

Zudem raten die Ökonomen der Politik, Immobilienkäufer in der Finanzierung stärker zu unterstützen. „Besonders empfehlenswert ist eine Kreditversicherung, wie sie in Frankreich, Belgien und vor allem den Niederlanden etabliert ist.“ Diese Versicherung begleicht die monatlichen Raten etwa im Fall von Arbeitslosigkeit oder Scheidung für eine gewisse Zeit weiter.

In den bisher bekannten Programmen der Parteien für die Bundestagswahl kommen solche Vorschläge allerdings kaum vor. Die Grünen wollen auf ihrem Parteitag am Wochenende vielmehr die Forderung beschließen, dass einzelne Bundesländer Mietobergrenzen festlegen dürfen, wie es Berlin mit seinem Mietendeckel vergeblich versucht hat.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Löhr, Julia
Julia Löhr
Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot