Karrieresprung

Von der Freude, Fachfrau zu sein

Von Sabine Raiser
01.12.2006
, 14:02
Karrieresprung - bei FAZ.NET
Arbeitsmarktforscher weisen darauf hin: Trotz weiterhin hoher Arbeitslosenzahlen wird es einen Fachkräftemangel geben. Die Karrieresprung-Serie Talentschmiede beleuchtet Handlungsweisen, die es erleichtern, sich geschmeidig im aktuellen und künftigen Nachfragemarkt zu bewegen.
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Arbeitsmarktforscher weisen darauf hin: Trotz weiterhin hoher Arbeitslosenzahlen wird es einen Fachkräftemangel geben. Ein Szenario, das paradox wie auch ungesund ist - für die Betriebe, die Volkswirtschaft und in gewisser Hinsicht auch für den Einzelnen. Monetär und mental.

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Eine vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vorgelegte Studie spricht eine klare Sprache: bis 2010 wird es insgesamt keinen nennenswerten Rückgang der Arbeitslosenzahl aufgrund demographischer und konjunktureller Entwicklungen geben. Demgegenüber wird ein Mangel an Fachkräften aufgrund fehlender Ausbildungsprogramme und enormer Entwicklungsgeschwindigkeiten bei technologischen Lösungen bestehen. Diese Schieflage zwischen Fachkräftemangel und Arbeitslosenzahlen ist dort, wo ein hoher Grad an Spezifizierung vorherrscht, bereits heute Realität.

In den folgenden drei Beiträgen der nächsten Wochen werden Handlungsoptionen beleuchtet, die es erleichtern, sich geschmeidig im aktuellen und künftigen Nachfragemarkt zu bewegen. Alle drei Maßnahmen können von jedem und jeder selbst initiiert werden. Wenn es gut läuft, wird ein Karrieresprung daraus.

Meister fallen nicht vom Himmel - Talente auch nicht

Talente werden gemacht. Von anderen - aber vor allem schmieden wir Glück und Talent am besten selbst. Bereits 1998 prognostizierte die Unternehmensberatung McKinsey, daß der Mangel an Fachkräften eine Herausforderung für Personalabteilungen wird und eine Chance für „Talente“. In diesem Vortrag wurde der Slogan „War for Talents“ geboren. Etwas weniger martialisch hört man auch öfter „Quest for Talents“. Wie auch immer - der eine führt Krieg, der andere macht sich auf die Suche. Fakt ist, daß dort, wo Mangel herrscht, auch Chancen winken. Der eine erkennt sie - der andere nicht.

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Aber so einfach lassen sie sich nicht ergreifen. Das Prädikat „Fachkraft“ reicht oft nicht mehr. Denn schließlich haben wir es in dem Appell des frühen 21. Jahrhunderts mit „talents“ zu tun und nicht mit „experts“. Der Begriff Talent kommt aus dem Lateinischen (talentum) und bedeutet „überdurchschnittliche Begabung“ oder auch „Gabe“. Talente sind Personen mit überdurchschnittlichen Leistungsvoraussetzungen. Experten sind Menschen mit besonderer Sach- und Fachkenntnis. Talente wissen überdies, wie, wann und wo sie mit dem mühseelig erlenten Fachwissen den besten Nutzen schaffen. Für sich und das Unternehmen.

Das Gespür, das Richtige zu tun

Mit dieser sprachlich feinen Unterscheidung fällt es leichter zu verstehen, warum sich talentierte Experten auf den Nachfragemarkt freuen können. Denn über gutes Fachwissen hinaus verfügen sie über Fähigkeiten, die im Personalbereich unter dem Überbegriff Sozialkompetenz fallen. Tatsächlich ist es aber noch mehr. Denn es ist nicht nur Kooperationsfähigkeit, Kommunikationsstärke & Co. Es ist darüber hinaus das Gespür, in einer sich ständig ändernden Umwelt, das aktuell Richtige zu tun. Zumindest öfter als andere. Die Begabung, den situativen Kontext und seine Anforderungen schnell zu begreifen, wird insbesondere Frauen zu geschrieben. Daher widmet sich der erste Teil der Trilogie „Talentschmiede“, jenen Chancen, die speziell talentierten Fachfrauen winken.

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Dazu hat die apentia consulting group, ein Unternehmen, das sich ausschließlich der Vermittlung von SAP-Experten widmet, einen Arbeitskreis gegründet. Ziel ist es, bei Personalentscheidern und Expertinnen gleichermaßen einen Perspektivwechsel einzuleiten und zu unterstützen. Dieser soll aufzeigen, daß es ein beachtliches Potential von Fachwissen gibt, das ungenutzt bleibt. Gegenwärtig liegt der Frauenanteil in IT-Berufen bei knapp 20 Prozent. Und es gibt viele Frauen, die eine hervorragende Ausbildung als Wirtschaftsinformatikerinnen oder Ingenieurinnen haben, jedoch in fachfremden Berufen arbeiten, weil sie in ihren Bereichen nichts (mehr) gefunden haben.

Schade, schädlich - und unnötig

Das ist schade, schädlich - und unnötig. Bezogen auf die Informationstechnologie sollte dieser Perspektivwechsel von Arbeitgeberseite, aber gleichermaßen auch aus dem Blickwinkel weiblicher Karriereplanung erfolgen. Das meint Christine Endres, Personalberaterin bei apentia. Nach 16 Jahren in der Technologiebranche kann sie bestätigen, daß die Akzeptanz von beiden Seiten für beide Seiten noch Raum für Verbesserungen bereithält. „Arbeitgeber greifen bei gleicher Qualifizierung nach wie vor öfter auf männliche Kollegen zurück. Und Frauen vermissen in technologisch-basierten Berufen die zwischenmenschliche Komponente.“ Das wird sich ändern müssen. Wer diesen Wandel schon heute einleitet und sich von alten Gewohnheiten trennt, hat gute Karten.

Die Ergebnisse einer Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung bestätigen diesen Ansatz. Unter dem Titel „Arbeit in Bewegung“ - Chancengleichheit in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen als Impuls für Unternehmen“ und in Kooperation mit der Gesellschaft Deutscher Chemiker, der Gesellschaft für Informatik, dem Verein Deutscher Ingenieure, der Deutschen Physikalischen Gesellschaft wurden 9.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer befragt. Die Ergebnisse zeigen, daß

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- die Karriere von Frauen sich langsamer entwickelt und früher stagniert

- Männer im Betrieb besser integriert sind

- die Zufriedenheit bei Frauen ab 30 Jahren schrumpft, während die der Männer mit zunehmendem Alter steigt.

Außerdem zeigt die Studie, daß diese Schieflage naturbedingt ist, aber auch durch das gängige Sozialsystem manifestiert bleibt. Fehlende Kinderbetreuung außerhalb der Familie macht es Frauen in Deutschland schwer, einen stringenten Karriereweg zu gehen. Jede Unterbrechung ist noch ein Karriereknick. Aber es gibt Wege, den Knick geradezubiegen. Unternehmen wie Commerzbank, Ford, Ikea, Weleda, Windwärts haben bereits gute Maßnahmen, die es Frauen ermöglichen, Mutterschaft und Beruf zu vereinbaren. Und es wird Männern erleichtert, aktive Vaterschaft bei reduzierter Arbeitszeit zu erleben. Auch die SAP AG hat die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf dem Plan. Davon profitieren vor allem Frauen durch flexiblere Arbeitszeitmodelle wie Job-Sharing, Teilzeit und Arbeit von zu Hause. Ebenso vom örtlichen Kindergarten, der finanziell unterstützt wird. So wundert es nicht, daß der Frauenanteil dort um ein Drittel höher ist als beim Durchschnitt der IT-Branche. Die Hertie-Stiftung engagiert sich sehr für dieses Thema. Sie kann Tips und Hilfe zur Umsetzung geben.

Zeitsouveränität

Interessant ist, daß IT-Frauen als Selbstständige erfolgreicher sind und sich auch so sehen, als ihre Kolleginnen im Angestelltenverhältnis. Ein Grund dafür ist, laut IAB-Studie und nach Erfahrung von Endres, das hohe Maß an Zeitsouveränität der Selbstständigen. „Sie arbeiten nicht weniger, aber können ihre spezifisch weiblichen Kompetenzen besser einbringen.“ Daher empfiehlt sie auch als ersten Schritt in Richtung Perspektivwechsel von Frauen, die Einforderung von Zeitsouveränität während der Baby- und Kinderzeit. „Davor scheuen sich noch immer viele Arbeitgeber. Aber dort, wo die Frau schon Jahre zuvor gezeigt hat, daß sie effizient und zuverlässig vorgeht, ist die Bereitschaft, Freiräume zuzulassen größer“, weiß Endres als Mutter und Beraterin. „Das kostet viel Energie. Denn wir dürfen nicht davon ausgehen, daß der Chef oder die Chefin von sich aus auf uns zu kommt und sagt, - damit du es leichter hast, kannst du künftig einige Tage von zuhause aus arbeiten. Wir werden das alles für dich vorbereiten. Das ist Zukunftsmusik - aber nicht Utopie.“

Die verstärkte Einbeziehung von Frauen sieht auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung zur Vermeidung eines drohenden Fachkräftemangels, wenn es schreibt. „Von entscheidender Bedeutung ist die Entwicklung von innovativen Arbeitsstrukturen, die den Berufstätigen eine gewisse Zeitsouveränität gewährleisten. Damit ist eine praktische Anerkennung des Lebens jenseits des Berufes verbunden, die nicht nur für hoch qualifizierte Frauen wichtig ist, sondern auch mehr und mehr für ihre Kollegen. (…) Ein gut organisiertes Unternehmen kennt noch andere Indikatoren für Produktivität und Leistung als überlange Arbeitszeiten, und es ist vor allem in der Lage, hier eine eigene, diversifizierte Kultur zu entwickeln.“

Die Freude eine Fachfrau zu sein, besteht in der Tatsache, daß es zurzeit viele, den meisten Frauen leider unbekannte, Möglichkeiten gibt, sich neu zu positionieren. Als Mutter, als Selbständige, als Angestellte. Immer geht es darum, auszuloten, ob es nicht innovative Arbeitsstrukturen gibt, die Nutzen schaffen und unzeitgemäße Strukturen ablösen. Zum Wohle der Firma und der Fachfrau. Es liegen Chancen am Wegesrand, die darauf warten, gepflückt zu werden.

Quellen:

www.iab.de

www.bmbf.de

www.destatis.de

www.sap.de

www.apentia.com

www.raiser-komm.de

www.beruf-und-familie.de

www.erfolgsfaktor-familie.de

Quelle: FAZ.NET
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