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Kinderbetreuung

Kommerzielles Kinderhüten

Von Christoph Schäfer, Hofheim
 - 20:43
Mehr Nachfrage als Angebot: Noch immer fehlen 220000 Kita-Plätze

Oliver Wirfs verdient sein Geld mit Kindern. Vor rund drei Jahren gründete der Diplom-Kaufmann die „Glückskinder GmbH“ in Hofheim, einer Stadt im Frankfurter Speckgürtel. Wer sein Kind in Wirfs’ Einrichtung unterbringen möchte, muss tief in die Tasche greifen. Ein Ganztagesplatz in der Krippe samt Vollverpflegung kostet 760 Euro im Monat, der Kindergartenplatz schlägt mit 440 Euro zu Buche. Trotz des stolzen Preises kann sich Wirfs vor Anfragen kaum retten, alle 60 Plätze in seiner Einrichtung sind ausgebucht. „Aus unternehmerischer Sicht ist die Nachfrage gigantisch groß“, sagt der Geschäftsführer. „Ginge es nur nach meiner Reservierungsliste, könnte ich die Zahl der Plätze verdoppeln.“ Anfang Oktober eröffnete Wirfs eine zweite Einrichtung im Rhein-Main-Gebiet. Auch diese bietet längere Öffnungszeiten und eine mehrsprachige Erziehung. Auch diese war bereits vor dem Start ausgebucht.

Überraschend ist das nicht. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes fehlten in Deutschland zuletzt noch immer 220.000 Betreuungsplätze für unter Dreijährige. Um den Bedarf zu decken, müssten die vorhandenen Kapazitäten um 40 Prozent ausgebaut werden. Die Not ist groß, und die Zeit drängt: Anfang August erhalten alle Eltern, deren Kind älter als zwölf Monate ist, einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für ihren Nachwuchs.

Schwierigkeiten bei Standortsuche

Angesichts dieser Rahmenbedingungen hätten Investoren aus der Privatwirtschaft allen Grund, in den Markt der Kinderbetreuung einzusteigen. Wie wenige kommerzielle Anbieter das aber tatsächlich machen, zeigt eine andere Erhebung des Statistischen Bundesamtes. Demnach hat sich die Zahl der privaten Kindertagesstätten seit dem Jahr 2007 zwar fast verdoppelt, dennoch werden von den 52.000 Kitas und Kindergärten in Deutschland lediglich 1014 als privatgewerbliche Unternehmen geführt. Die anderen 98 Prozent der Einrichtungen sind zu einem Drittel in kommunaler Trägerschaft. Zu zwei Dritteln gehören sie freien Trägern wie der Caritas, der Diakonie oder dem Paritätischen Wohlfahrtsverband.

Die Frage liegt nahe, was private Investoren davon abhält, trotz zahlungswilliger Eltern und riesiger Nachfrage eine Kita zu eröffnen. „Eine ganze Reihe von Gründen“, antwortet Kita-Betreiber Wirfs. Die Probleme begännen schon bei der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten. „Eigentlich sind Kitas traumhafte Mieter“, sagt der Kaufmann. Die Mietverträge in der Branche liefen meist länger als zehn Jahre. Zudem könne der Vermieter sehr sicher sein, am Ende des Monats an sein Geld zu kommen; auch weil die Auslastung fast aller Kitas das ganze Jahr über hoch ist. „Dennoch legen 99 Prozent der Makler das Telefon auf, wenn wir an einem Bürostandort das Erdgeschoss mieten wollen“, berichtet Wirfs aus eigener Erfahrung. 40 Standorte habe er besichtigt, bevor er eine Immobilie für seine „Glückskinder“ fand. 30 davon hätte er gerne gemietet, doch nur für eine habe er am Ende den Zuschlag bekommen. Die meisten Makler lehnten aus Sorge um die anderen Hausbewohner ab. „Die Anwaltskanzlei kann im Sommer eben nicht mehr ihre Fenster aufmachen, wenn wir etwas tiefer unser Außengelände aufmachen.“

Viele Vorschriften verlangen Fleiß und Ausdauer

Viele Gründungswillige werden zudem durch einen Wust an Vorgaben abgeschreckt. „Selbst als Diplom-Kaufmann habe ich vier Monate gebraucht, um mich durch alle Vorschriften zu arbeiten“, sagt Wirfs. Am Ende wusste er, wie weit die Handtuchhalter aus hygienischen Gründen auseinanderliegen müssen und welche Rutschklasse die Bodenfließen im Badezimmer mindestens haben müssen. „Da muss man schon sehr überzeugt sein von seiner Idee, um durch dieses Tal der Tränen zu gehen.“ Fleiß, Ausdauer und eine geeignete Immobilie seien aber immer noch nicht alles, sagt Wirfs. Ohne einen Fürsprecher in der kommunalen Verwaltung gehe ebenfalls nichts. „Wenn der Bürgermeister Sie in seiner Stadt nicht haben will, werden Sie es nicht schaffen.“

Hinzu kommt, dass jedes Bundesland, teilweise auch jede Kommune, unterschiedliche Regeln zur Finanzierung von Kitas aufstellt. In einigen Bundesländern wie Hamburg und Hessen erhalten auch privatwirtschaftliche Unternehmer öffentliche Zuschüsse, in anderen Ländern gehen diese nur an gemeinnützige Träger. Da die öffentliche Förderung in der Regel mindestens die Hälfte der Kosten eines Kita-Platzes abdeckt, sind am Gewinn orientierte Anbieter dort faktisch ausgeschlossen.

Zu wenig Mitarbeiter

Aus all diesen Gründen wundert es nicht, dass sich so gut wie alle Einstiegs-Ankündigungen großer Konzerne bei näherem Hinsehen schnell in Rauch auflösen. Noch im vergangenen Jahr verkündete beispielsweise der Vorstandsvorsitzende des Dienstleistungskonzerns Dussmann, Dirk Brouwers, in der „Financial Times Deutschland“, das Potential für Kitas in Deutschland sei groß, „der Markt bietet viele Chancen“. Er sei „zutiefst überzeugt, dass es auch möglich ist, damit langfristig Geld zu verdienen“. Jedes Jahr, so heißt es in dem Bericht, werde das Unternehmen eine Handvoll Kitas eröffnen. Bislang allerdings blieb es bei zwei Einrichtungen. Wie viele weitere geplant sind, will die Pressestelle nicht verraten. Auch vom Ziel, mit Kitas „langfristig Geld zu verdienen“, rückt die Konzernzentrale ab. Nunmehr ist von einem „Dienst an der Gesellschaft“ die Rede - der allerdings „kein Zuschussgeschäft“ sein solle.

Zumindest für Oliver Wirfs ist es kein Wunder, dass es anders als in den Vereinigten Staaten und Norwegen in Deutschland keine großen kommerziellen Kita-Ketten gibt. „In diesem Geschäft kommt es sehr auf individuelle Kontakte vor Ort an, große Konzerne tun sich da schwer.“ Ohnehin könne kein Marktteilnehmer nach Herzenslust expandieren. „Was uns alle begrenzt“, sagt Wirfs, „ist die Zahl der verfügbaren qualifizierten Mitarbeiter.“

Bedarf kann kaum gedeckt werden

Tatsächlich ist der Markt für Erzieher leergefegt. „Hier muss noch sehr viel passieren“, konstatiert das Bundesfamilienministerium. Mehr will die Behörde dazu nicht sagen. Zuständig seien die Bundesländer. Die sind sich des Problems sehr wohl bewusst. Um sich einen Überblick zu verschaffen, gab das Sozialministerium in Wiesbaden bereits im vergangenen Jahr eine Studie zum „Fachkräftebedarf in Kindertageseinrichtungen in Hessen“ in Auftrag. In der Analyse wird auf 170 Seiten detailliert vorgerechnet, dass allein in Hessen 3520 Fachkräfte fehlen, um den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz ab August einlösen zu können.

Ihre Prognose formulieren die Forscher abstrus positiv, aber vermutlich im Sinne ihres Auftraggebers: „Bis 2020/21 können die verhältnismäßig stark anwachsenden Ausbildungskapazitäten sogar erstmalig die entstehenden Bedarfe decken, und es kommt zu einem Überschuss an 737 Fachkräften.“ Was nichts anderes heißt als: Bis zum Ende des Jahrzehnts gibt es deutlich zu wenig Personal. Und ob es danach tatsächlich zu dem in Aussicht gestellten Personalüberhang kommen wird, darf bezweifelt werden. Einen Überschuss an qualifizierten Betreuern würde es nur im Fall einer konstanten Betreuungsquote geben. Geht man davon aus, dass sich die bisherige Entwicklung fortsetzt und künftig mehr Eltern ihr Kleinkind in einer Kita abgeben wollen, dann wird es laut Studie „zu keinem der Berechnungszeitpunkte zu einem Überschuss, sondern zu weiteren Fehlbedarfen kommen“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schäfer Christoph
Christoph Schäfer
Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.
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