Kinderarzt im Gespräch

„Impfen gern, aber erst will ich vernünftige Daten sehen“

Von Christian Geinitz
02.08.2021
, 18:01
Schüler der Schillerschule in Erfurt schauen auf die Tafel.
​Es gebe keinen Grund, die Kinderimpfung übers Knie zu brechen, sagt Johannes Hübner, Professor für Kinderheilkunde. Die STIKO werde als unabhängiges Expertengremium diskreditiert.

Herr Professor Hübner, was halten Sie davon, dass die Gesundheitsminister so viele Kinder wie möglich gegen Covid-19 impfen lassen wollen?

Wir Kinderärzte sind generell sehr fürs Impfen. Wenn die Schutzwirkung einer Impfung die Gefahren durch Nebenwirkungen überwiegt, ist das auch gegen Corona der richtige Weg. Nur wissen wir das bei Personen unter 16 Jahren noch nicht. Also: Impfen gern, aber erst will ich vernünftige Daten sehen.

Es gibt doch die Studien der Hersteller.

Schon, aber die Zahl der Testpersonen war so niedrig, dass man seltenere Verläufe gar nicht darstellen konnte. Für verlässliche wissenschaftliche Aussagen reicht das nicht aus. Und die braucht man, wenn man ruhigen Gewissens gesunde Kinder impfen will.

Wann haben wir in dieser Frage Sicherheit?

Ich denke, in einigen Wochen liegen die Daten aus den USA vor. Die haben seit Mai schon mehr als 15 Millionen Kinder geimpft und verfolgen die Verläufe in Echtzeit. Ich rechne damit, dass sich mit den Zahlen nachweisen lässt, dass bei Kindern – wie bei Erwachsenen – die Nebenwirkungen äußerst gering sind. Aber dem sollte man nicht vorgreifen.

Johannes Hübner, Professor für Kinderheilkunde an der Uniklinik München und Ex-Chef der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie
Johannes Hübner, Professor für Kinderheilkunde an der Uniklinik München und Ex-Chef der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie Bild: LMU, Uni Mümchen

Wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und die Länderminister es tun?

Ja, mich ärgert dieser politische Aktionismus. Die Inzidenzen sind niedrig, die Hospitalisierungsquote ist gering, es gibt überhaupt keinen Grund, die Kinderimpfung übers Knie zu brechen. Man sollte solange warten, bis die Faktenlage eindeutig ist. Die Politiker meinen, sie müssten jetzt im Wahlkampf möglichst schnell etwas entscheiden, um die Eltern zu beruhigen. Dabei verunsichern die Schnellschüsse doch alle, die Kinder, die Eltern und auch die Schulen.

Was ist mit der Ständigen Impfkommission STIKO, die Impfungen im Alter von 12 bis 16 Jahren bisher nur für Risikopatienten empfiehlt?

Die Mitglieder der STIKO sind die einzigen, die einen kühlen Kopf bewahren. Ihre Entscheidung ist völlig richtig: Das Risiko für Kinder, an Covid-19 zu erkranken, ist extrem gering, viel geringer als bei Erwachsenen. Nur wenn die Gefahr der Nebenwirkungen noch geringer ist, ist eine Impfempfehlung geboten. Nochmal: Vermutlich ist das so, und vermutlich ist das Impfen deshalb sinnvoll. Aber bis die STIKO das nicht schwarz auf weiß vorliegen hat, ist es fachlich geboten, keine allgemeine Impfempfehlung auszusprechen.

Der Druck auf die STIKO wächst allerdings, das schon früher zu tun.

Die STIKO bezieht regelrecht Prügel, und das finde ich empörend. Die Politik hat dieses unabhängige Expertengremium eingesetzt und versucht jetzt, es sturmreif zu schießen, weil man vor Ende der Sommerferien einfache, schnelle Antworten will. Das geht so nicht! Das Ziel aller Beteiligten muss es sein, die Impfskepsis zu bekämpfen und möglichst viel Vertrauen aufzubauen, auch für künftige Pandemien. Das erzielt man nicht dadurch, dass man die zuständige wissenschaftliche Institution diskreditiert.

Aber ist es nicht sinnvoll, zum Unterrichtsbeginn möglichst viele Schüler zu impfen, wie die Minister es wollen?

Die Schulen waren nie Hotspots der Infektion und werden es auch künftig nicht sein. Meistens haben die Lehrer das Virus in die Klassenzimmer getragen. Und die sind jetzt zum Glück weitgehend geimpft. Ich mache mir um die Schulen im Herbst überhaupt keine Sorgen.

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Es geht ja nicht nur um die Kinder. Selbst wenn die nicht erkranken, können sie doch andere schützen, sobald sie geimpft sind.

Genau deshalb empfiehlt die STIKO jetzt schon Kinderimpfungen in bestimmten Fällen. Zum Beispiel, wenn gefährdete Personen im selben Haushalt wohnen, denken Sie an Schwangere oder Krebspatienten, die selbst nicht geimpft werden können. Die STIKO verbietet die Impfungen ja nicht, nach ärztlicher Aufklärung kann schon jetzt jedes Kind geimpft werden.

Die inzwischen auch in Deutschland vorherrschende Delta-Variante gilt als besonders infektiös, ist sie das auch für Kinder?

Delta ist in allen Altersgruppen ansteckender, auch unter Minderjährigen. Aber es gibt keinen Beleg, dass deshalb mehr Kinder an Covid-19 erkranken. Weder in Deutschland noch in Großbritannien sehen wir eine Zunahme von schweren Verläufen durch Delta.

Die ungeimpften Kinder sind also kein Grund zur Beunruhigung?

Nicht primär. Ich habe eher das Gefühl, die unsägliche Diskussion um die Kinderimpfungen lenkt vom eigentlichen Thema ab: dass sich nicht genügend Erwachsene impfen lassen. Die zu überzeugen, muss das Ziel sein, und darauf müssten sich die Kampagnen konzentrieren, nicht auf die Kinder und Jugendlichen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Geinitz, Christian
Christian Geinitz
Wirtschaftskorrespondent in Berlin
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