Ernte 2020

Am besten wachsen die Sorgen

Von Jessica von Blazekovic
28.08.2020
, 15:01
Nasser Herbst, trockenes Frühjahr: Schon wieder liegen die Erträge der Bauern unter dem Durchschnitt. Kann das alles nur Zufall sein?

Es war so etwas wie eine Warnung durch die Blume, die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) am Freitag anlässlich der Vorstellung des diesjährigen Ernteberichts ihres Hauses in Bonn ausgesprochen hat: Sie könne nicht sagen, ob sich die deutsche Landwirtschaft langfristig auf extreme Witterungen wie Starkregen und Dürren einstellen müsse. „Ich würde aber auch nicht die Prognose abgeben, dass das nur Ausrutscher waren.“

Mit „Ausrutscher“ meint die CDU-Politikerin das inzwischen dritte Jahr in Folge, in dem die Ernte unterdurchschnittlich ausgefallen ist. Große Nässe im Herbst, Spätfröste im April und Mai, eine ausgeprägte Frühjahrestrockenheit und ein je nach Region anhaltender Mangel an Bodenfeuchtigkeit haben den Landwirten nach den harten Jahren 2018 und 2019 auch in diesem Jahr zugesetzt. Unter dem Strich stehen der vorläufigen amtlichen Bilanz zufolge 42,9 Millionen Tonnen geerntetes Getreide einschließlich Körnermais, ein Rückgang von 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Ministerin versuchte zwar Optimismus zu verbreiten: „Das Ergebnis ist dennoch zufriedenstellend und unter den besonderen Umständen dieses Jahr umso bemerkenswerter.“ Die Hektarerträge aller Getreidearten (ohne Körnermais) seien sogar leicht gestiegen, um 1,3 Prozent auf 69 Dezitonnen. Ein Blick auf den Sechs-Jahres-Durchschnitt zeigt aber das Ausmaß der Einbußen: Im Vergleich zum Mittel der Erntemengen der Jahre 2014 bis 2019 steht ein Minus von 6 Prozent.

Beim Raps sieht die Lage nicht besser aus, im Gegenteil. Zwar konnte sich die Kulturpflanze nach einem starken Einbruch im vergangenen Jahr in dieser Saison berappeln – die Bauern fuhren 3,5 Millionen Tonnen und damit 24 Prozent mehr ein als noch im Vorjahr. Doch im Sechs-Jahres-Durchschnitt ist die Erntemenge um ganze 21 Prozent gesunken.

Bauern im Teufelskreis

Angesichts dieser Zahlen machte Klöckner denn auch keinen Hehl daraus, dass eine Anpassung an den Klimawandel – etwa der Anbau resilienterer Pflanzensorten, passgenauere Bewässerung und veränderte Fruchtfolgen – in Zukunft zum Geschäft der Landwirte dazugehören wird: „Die Landwirtschaft wird sich an veränderte Klimabedingungen anpassen müssen.“

Das tun die Bauern indes schon, zum Beispiel, indem sie aus den Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre gelernt haben und diese Saison einen Teil ihrer Weizenäcker dem Anbau von Tierfutter geopfert haben. Das wurde sowohl 2018 als auch 2019 knapp, weil die Weiden aufgrund der anhaltenden Trockenheit früher als sonst abgegrast waren und wertvolle Reserven für den Winter angebrochen werden mussten. „Auch in diesem Jahr ist nur in wenigen Regionen genügend Niederschlag gefallen, um Silage und Heu zu konservieren“, sagte Klöckner. Um Engpässe zu verhindern, hat das Bundeskabinett am Mittwoch schon beschlossen, dass Viehhalter wie in den zwei Jahren zuvor zusätzliche Flächen für die Weidehaltung nutzen dürfen, für die eigentlich Beschränkungen zum Umweltschutz gelten.

Anhand der Grundfutterknappheit wird der Teufelskreis, in dem die Landwirte stecken, besonders deutlich: Durch den vermehrten Anbau von Feldfutter zusammen mit einem nassen Herbst 2019, der die Aussaat von Wintergetreide einschränkte, schrumpfte dessen Anbaufläche um 10 Prozent zusammen, was die Ernteeinbußen zum Teil erklärt. Die ertragsschwächeren Sommergetreidearten konnten dieses Minus nicht ausgleichen.

DBV fordert staatlich geförderte Absicherung

Klöckner wies darauf hin, dass die Erträge regional „erhebliche Unterschiede“ aufwiesen. Der kritische Faktor sei stets der Regen: Zu viel, zu wenig, zur falschen Zeit. Ein Blick auf die Statistiken der einzelnen Bundesländer macht deutlich, wie stark die Erfahrungen schwanken: Von einer Getreideanbaufläche auf „historischem Tiefstand“ ist in Niedersachsen die Rede, von einer „fast durchschnittlichen Ernte“ in Mecklenburg-Vorpommern. In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wird hingegen eine „unterdurchschnittliche“ Saison erwartet. Für Obst und Gemüse fällt die Ernte dem Bericht des Ministeriums zufolge durchweg geringer aus – auch, weil aufgrund der Corona-Pandemie Erntehelfer fehlten. Der zeitweise starke Preisanstieg ausgelöst durch eine vermehrte Verbrauchernachfrage während des Lockdowns habe sich inzwischen aber wieder eingependelt.

Vergangene Woche hatte schon der Deutsche Bauernverband Bilanz gezogen und ebenfalls vor den Folgen des Klimawandels gewarnt. Bauernpräsident Joachim Rukwied forderte den Aufbau einer staatlich geförderten Absicherung gegen Extremwetter.

Für die Grünen ein Tropfen auf dem heißen Stein: „Eine aus Steuermitteln finanzierte Mehrgefahrenversicherung ist längst keine Lösung mehr. Wir brauchen einen Klimaplan für die Zukunft der Landwirtschaft“, teilte Grünen-Politikerin Renate Künast auf Anfrage mit. Nötig sei eine grundsätzliche Änderung der Agrarsubventionen, aber auch Wissen und Praxis für weitreichenden Ökolandbau, Permakultur und Agroforstsysteme. „Die aktuelle Dürreperiode ist die schlimmste seit dem Jahr 1776. Das ist kein Ausrutscher mehr, sondern der Klimawandel.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Sadeler, Jessica
Jessica von Blazekovic
Redakteurin in der Wirtschaft.
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