Kemfert gegen Haucap

Schlammschlacht unter Ökonomen über Energiewende

Von Niklas Záboji
Aktualisiert am 05.03.2020
 - 17:46
Polarisiert: Die DIW-Energieökonomin Claudia Kemfert
Eine Berliner Ökonomin geißelt Kritiker der deutschen Energiewende als „Ewig-Gestrige“. Das wollen einige nicht auf sich sitzen lassen.

Es begann mit einem Gastbeitrag und endete in einer Schlammschlacht: Seit einigen Tagen streiten deutsche Ökonomen erbittert um Erfolg und Misserfolg der deutschen Energiewende. Zumindest vordergründig. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung, die auf Twitter und in mehreren Medien ausgetragen wird, steht Claudia Kemfert. Sie ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin, forscht am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und hat neben häufigen Talkshow-Auftritten auch als Autorin populärer Sachbücher von sich reden gemacht. Zurückhaltung ist dabei nicht unbedingt ihre Stärke. Ihr letztes, im April 2017 verfasstes Buch trägt den markigen Titel „Das fossile Imperium schlägt zurück. Warum wir die Energiewende jetzt verteidigen müssen“.

Kemferts jüngste Vorwärtsverteidigung der Energiewende ist dreieinhalb Monate her. Versiert darin, komplizierte Zusammenhänge thesenhaft zuzuspitzen, hatte sie in einem Aufsatz in der Zeitschrift „Capital“ zu einem Rundumschlag gegen das „Klage-Stakkato der Energiewende-Gegner“ ausgeholt. Dazu zählt sie all jene, die die deutsche Ökostromförderung nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) für ineffizient halten und Versorgungsprobleme fürchten, wenn nach Abschaltung der fossilen Kraftwerke die Sonne mal nicht scheint und der Wind nicht weht. Kemfert spricht von „laut schreienden Ewig-Gestrigen, die leicht widerlegbare Mythen in die Welt setzen“ und von denen man sich nicht „den Spaß an der Zukunft nehmen lassen“ solle. Kurzum: Klimaschutz sei eine Chance, und einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien stehe nichts mehr im Wege.

All das ist zwar schon eine Weile her und deckt sich mit dem, was die Volkswirtin in den vergangenen Jahren immer geschrieben hat. Aus Sicht mancher Kollegen hat Kemfert den Bogen nun aber überspannt. Vor allem Justus Haucap, Wettbewerbsökonom an der Universität Düsseldorf und früherer Chef der Monopolkommission, platzte der Kragen. In einem „Wie man die Energiewende besser nicht verteidigen sollte“ betitelten Blogbeitrag ging er Ende Februar mit dem „Capital“-Beitrag hart ins Gericht, nachdem ihn tags zuvor schon das „Handelsblatt“ mit der Aussage „Im Grunde ist wirklich alles völlig falsch, was sie schreibt“ zitiert hatte. Kemferts Argumente nennt Haucap „dünn“ und „auf Glaubenssätze und alternativen Fakten (beziehungsweise) das Weglassen wichtiger Daten“ gestützt.

„Völlig unter der Gürtellinie“

So unterschlage Kemfert in ihrer Darstellung der EEG-Kosten Dutzende Fördermilliarden aus dem Marktprämienmodell. Falsch sei etwa auch ihre Aussage, dass der Strompreis deshalb hoch bleibe, weil die Versorger die gesunkenen Börsenpreise nicht an die Verbraucher weitergäben. Selbiges gelte für die Umdeklarierung aller Kosten für die Energiewende zu Investitionen – denn erst einmal verursache jede Investition Kosten. „Ob etwa die Onshore-Windkraft, die seit über 25 Jahren offenbar nicht ohne Zuzahlungen hinreichende Erlöse generiert, eine so gute Investition in (allen Teilen von) Deutschland ist, dürfte mindestens diskussionswürdig sein“, bemerkt Haucap. Ihn beschleicht der Verdacht, zusammen mit anderen Wissenschaftlern in die Nähe von Klimaleugnern oder der AfD gerückt zu werden.

Der Streit gewann an Schärfe, als sich DIW-Präsident Marcel Fratzscher schützend vor seine Institutskollegin stellte. Weil sich im „Handelsblatt“ auch der Magdeburger Umweltökonom Joachim Weimann und der langjährige Sachverständigenrats-Vorsitzende Christoph Schmidt kritisch zu Kemfert und ihrer etwaigen Berufung in den neuen Klimarat der Bundesregierung geäußert hatten, sprach Fratzscher auf Twitter von einem „Bashing“ und „schlechtem Journalismus“, was „völlig unter der Gürtellinie und inakzeptabel“ sei, auch weil mit Kemfert nicht einmal gesprochen worden sei. Dass diese, wie im Artikel der Wirtschaftszeitung erwähnt, auf Anfrage einen Kommentar abgelehnt hatte, kümmerte Fratzscher nicht weiter. Richtig ist indes, dass in dem Artikel nur Kemfert-Kritiker zitiert wurden. (*)

„Verleumderischer Artikel“

Doch wer gedacht hätte, die Debatte sei damit beendet, sah sich getäuscht. Denn Anfang dieser Woche goss das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ in einem Online-Artikel noch einmal kräftig Öl ins Feuer – und nahm die DIW-Ökonomin gegen sämtliche Angriffe in Schutz. „Seit Wochen lancieren Windkraftgegner, rechtskonservative Portale und neoliberale Forscher Vorwürfe gegen Kemfert“, heißt es einleitend in einem Artikel. Haucap wird darin eine „Kriegserklärung“ attestiert. Auf Twitter lobte sich eine der Autorinnen dafür, aufgedeckt zu haben, „wer hinter der Kampagne gegen #CO2Steuer & #Energiewende steckt“.

Der Tenor des Artikels: Im Beirat des Energiekonzerns RWE und anderen anrüchigen Gremien sitzend – Haucaps Kuratoriumsmitgliedschaft in der gemeinnützigen FAZIT-Stiftung bleibt unerwähnt –, sei klar, wie der neoliberale Ökonom ticke. Verständlich sei auch, dass solche „Kritiker“ anders als Kemfert keine Bepreisung von CO2 mittels Steuer und stattdessen „klimaschädliche Emissionen zwischen den einzelnen Industrien handeln“ wollten. Dabei gebe es so „keine nennenswerten Preissignale“.

Allein solche Sätze sorgten unter bis dato zurückhaltenden Ökonomen für Kopfschütteln. „Unglaublich, die Verfasser verstehen nicht, dass sowohl CO2-Steuer als auch EU- Emissionshandel Wege sind einen CO2-Preis zu setzen“, twitterte das Sachverständigenrats-Mitglied Volker Wieland. Der Text auf „Spiegel Online“ sei eine Unverschämtheit gegenüber dem Kollegen Haucap, befand der deutsch-amerikanische Ökonom Rüdiger Bachmann. Christian Bayer von der Universität Bonn sprach von einem „verleumderischen Artikel“. Haucap persönlich rätselte, warum die Redakteurinnen ihn, obwohl er auf Nachfrage ausführlich Rede und Antwort gestanden hatte, kaum zu Wort kommen ließen.

„Wissenschaft geht anders“

Doch auch Kemfert rang im Twitter-Strudel um die Deutungshoheit. Selbst äußerte sie sich zwar nicht, sie verlinkte aber zahlreiche Unterstützungsbekundungen wie die des früheren Direktors des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, Gustav Horn. Horn, der im Dezember in den Bundesvorstand der SPD gewählt wurde, hielt den Artikel für eine „wohltuende Aufklärung“. Auch DIW-Präsident Fratzscher wollte darin zuvorderst „eine große und verdiente Anerkennung für meine Kollegin Claudia Kemfert“ erkennen, „die seit vielen Jahren eine so wertvolle Stimme in der wichtigen Debatte um den Klimaschutz ist“.

Die Kritik an Haucap und anderen fand Fratzscher auf Nachfrage dann doch „definitiv zu hart“. Es sei höchste Zeit, zu einem sachlichen Dialog und respektvollen Umgang miteinander zurückzukehren. Der Münsteraner Energieökonom Andreas Löschel pflichtete ihm bei. Unter Ökonomen herrsche eine kritische Debatte über richtige Weg in der Energiepolitik. In den Medien finde die inhaltliche Auseinandersetzung jedoch kaum statt, sondern werde auf persönliche Ebene gehoben. „Dafür gibt es Applaus der Umstehenden“, so Löschel. „Wissenschaft geht anders.“

* Hinweis der Redaktion: Dieser Absatz könnte so verstanden werden, als sei Frau Kemfert vom „Handelsblatt“ mit der Kritik der Herren Weimann und Schmidt konfrontiert worden und habe dazu einen Kommentar abgelehnt. Richtig ist, dass das „Handelsblatt“ Frau Kemfert nur zu ihrer möglichen Berufung in den neuen Klimarat kontaktiert hatte und sie dazu keine Stellung nehmen wollte. Mit der fachlichen und persönlichen Kritik zu ihrer Person hatte das „Handelsblatt“ Frau Kemfert nicht konfrontiert und ihr daher auch keine Möglichkeit gegeben, darauf zu reagieren.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Zaboji, Niklas
Niklas Záboji
Redakteur in der Wirtschaft.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot