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Atomkraftwerk wird stillgelegt

Fessenheim schließt für immer

Von Christian Schubert, Paris
Aktualisiert am 29.06.2020
 - 18:49
Bis zuletzt sollte Fessenheim alles geben: Am 29.06. 2020 wurde Frankreichs ältestes Kernkraftwerk endgültig stillgelegt.
Es war ein Tod auf Raten: Nachdem der erste Reaktor schon im Februar heruntergefahren worden war, wird das älteste Kernkraftwerk Frankreichs nun vollständig stillgelegt. Die Bewohner der Region befürchten deshalb die industrielle Verödung.

Bis zuletzt sollte Fessenheim alles geben. Als ob es darum ginge, noch die letzten Kilowattstunden aus dem ältesten Kernkraftwerk Frankreichs herauszuholen, hat die Nuklearanlage am Oberrhein bis in die letzten Stunden Strom produziert. Am vergangenen Freitag war der Blitz in eine Elektrizitätsleitung nahe dem Kraftwerk eingeschlagen. Der zweite und einzige noch laufende Reaktor des ältesten Nuklearstandorts Frankreichs musste deshalb heruntergefahren werden. Doch seine offizielle Schließung war erst für den 30. Juni vorgesehen. So fuhr der staatliche Betreiber EdF den Reaktor am Sonntag wieder hoch. Erst in der Nacht von Montag auf Dienstag wurden er und damit das ganze Kernkraftwerk endgültig stillgelegt.

Es war ein Tod auf Raten, nachdem der erste Reaktor schon im Februar für immer heruntergefahren worden war. Viele Menschen auf der französischen Rheinseite erfüllt das mit Trauer, am deutschen Uferrand herrscht hingegen Freude. Der Bürgermeister der 2400-Seelen-Gemeinde, Claude Brender, gehört zu den Verbitterten. Er spricht gegenüber der F.A.Z. von einem „politischen Anschlag“ auf die Nuklearindustrie und seinen Ort. „Man schließt um des Schließens willen und bietet uns keinen Ausgleich“, schimpft der Franzose.

15 Jahre Abbauzeit

43 Jahre lang haben die Franzosen in der strukturschwachen Region von der EdF-Präsenz und auch von dem vergleichsweise kostengünstigen Strom profitiert. Fast ebenso lang haben deutsche Kernkraftwerksgegner wegen Sicherheitsbedenken gegen die Anlage protestiert. Heute beharren die französischen Nuklearfachleute auf ihrer Aussage, dass man Fessenheim noch etliche Jahre sicher weiterlaufen lassen könnte.

Doch die Regierung unter Präsident Emmanuel Macron hat einen nuklearen Teilausstieg beschlossen, der den Anteil der Kernenergie an der Stromproduktion bis 2035 von mehr als 70 auf 50 Prozent senken soll. „Es ist das erste Mal, dass ein Kernkraftwerk mit Druckwasserreaktoren abgeschaltet und vollständig abgebaut werden wird“, teilte ein EdF-Sprecher mit. Diese in den siebziger und achtziger Jahren verbreitete Technologie ist noch in allen anderen 56 Nuklearreaktoren in Frankreich im Einsatz.

Der staatliche Strombetreiber rechnet nun mit einer Abbauzeit von mindestens 15 Jahren. Bis 2023 soll der hochstrahlende Brennstoff abtransportiert sein. Von den 700 EdF-Mitarbeitern sollen von dann an nur rund 60 verbleiben. Für die Region ist der Abzug der überdurchschnittlich gut verdienenden Angestellten mit ihren Familien nicht leicht zu verkraften. Seit den sechziger Jahren hatte sich die Bevölkerung von Fessenheim verdreifacht. Die 29 Gemeinden im Kommunalverband profitierten von den hohen Steuerzahlungen durch EdF, konnten sich bessere Schulen und andere öffentliche Einrichtungen leisten. Der Lebensstandard droht nun zu bröckeln, denn verschiedene Nachfolgeprojekte kommen nur langsam in Gang.

Teilweise hängt das mit der Coronavirus-Krise zusammen, die monatelang die ganze Aufmerksamkeit der Behörden beanspruchte. Doch es gibt auch andere Bremsfaktoren. So haben die deutschen und die französischen Stellen die Gründung einer gemeinsamen Gesellschaft zum Betrieb eines Industrieparks geplant. Der französische Kommunalverband weigert sich jedoch weiterhin, seinen geplanten Kapitalanteil einzuzahlen. Denn er will nicht einsehen, dass er trotz der Steuerverluste durch den EdF-Wegzug jährlich 2,9 Millionen Euro in einen landesweiten Solidarfonds für strukturschwache Gebiete einzahlen soll.

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Ende für Atomkraftwerk
Fessenheim hat Zukunftsängste

„Wir hoffen, dass der Konflikt in Paris bald gelöst wird“, sagt Brigitte Klinkert, die Präsidentin des Departements Oberrhein, der F.A.Z. Die Französin kämpft seit langem für mehr grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Gerade hat sie in Deutschland die Bewilligung von 3,5 Millionen Euro für eine Konzeptstudie zum Bau einer im Zweiten Weltkrieg zerstörten Eisenbahnbrücke unterzeichnet. Sie soll Colmar mit Freiburg verbinden. Auch die Zweckgesellschaft, die in Fessenheim für Industrieansiedlung sorgen will, soll jetzt trotz des noch fehlenden Kapitals die Arbeit aufnehmen; Anzeigen für die Suche eines Hauptgeschäftsführers werden in dieser Woche geschaltet.

Der grenzüberschreitende Universitätsverbund Eucor der Hochschulen am Oberrhein hat unter Mitarbeit des Fraunhofer-Instituts Energieprojekte für Forschung und Entwicklung vorgeschlagen, zum Beispiel zu Wasserstoff-Technologie, Batteriespeicherung und Methangas. Ein Ingenieurunternehmen aus Paris hat die Errichtung einer Anlage zur Produktion von Heizpellets angekündigt.

Doch noch existieren all diese Projekte nur auf dem Papier. Das ursprünglich geplante Terrain des Industrieparks von 200 Hektar am Rheinufer ist auf 80 Hektar geschrumpft, weil man feststellte, dass ein Großteil unter Naturschutz steht. Dennoch wollen sich die meisten Beteiligten den Mut nicht nehmen lassen. „Es gibt eine gemeinsame Vision, Deutsche und Franzosen sind sich weitgehend einig, ich glaube, dass die Sache nun vorankommt“, sagt Pascale Mollet-Piffert von der Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein in Lahr.

Im deutsch-französischen Vertrag von Aachen sind ja auch der „Wirtschafts- und Innovationspark“ sowie die Eisenbahnstrecke über den Rhein erwähnt. Und es gibt ein weiteres gutes Zeichen: Einige deutsche Familien haben sich in der Gegend von Fessenheim niedergelassen, wie Immobilienmakler berichten. Denn die Preise sind niedriger als auf der deutschen Seite, und die Kernkraft macht keine Angst mehr. Der französische Supermarkt „Super-U“ von Fessenheim, der mit 90 Mitarbeitern zweitgrößter Arbeitgeber des Ortes ist, stellt sich auf jeden Fall auf Expansion ein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schubert, Christian
Christian Schubert
Wirtschaftskorrespondent in Paris.
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