Green-Tech-Atlas 2021

Markt für Umwelttechnik verdoppelt sich in zehn Jahren

Von Christian Geinitz
20.04.2021
, 14:50
Gute Nachrichten trotz Corona: Die deutschen Öko-Anbieter bleiben Weltmarktführer. Umweltministerin Schulze will sie weiter fördern, aus den Außenhandelskammern sollen „Chambers for Green-Tech“ werden.

Von der Corona-Krise weitgehend unberührt wächst der internationale Markt für Umwelttechnik rasant. Und die deutschen Anbieter bleiben darin Vorreiter. Das geht aus dem „Green-Tech-Atlas 2021“ des Bundesumweltministeriums und des Deutschen Industrie- und Handelskammertags DIHK hervor, der am Mittwoch vorgestellt werden soll.

Den Ergebnissen zufolge, die der F.A.Z. vorab vorliegen, betrug das weltweite Marktvolumen für Anbieter von Umwelttechnik und Ressourceneffizienz im vergangenen Jahr rund 4600 Milliarden Euro, 400 Milliarden mehr, als vor fünf Jahren vorhergesagt worden waren. In den kommenden zehn Jahren bis 2030 wird eine Verdopplung auf 9400 Milliarden Euro erwartet. Das entspricht einer jährlichen Steigerung von 7,3 Prozent. Noch besser sieht es in Deutschland aus. Dort wird ein durchschnittliches Jahreswachstum von 8,1 Prozent erwartet, von heute 392 Milliarden auf dann 856 Milliarden Euro.

Die Konkurrenz schläft nicht

Die Bundesrepublik spielt in dem Feld nach wie vor eine Schlüsselrolle, wie die Autoren der Beratungsgesellschaft Roland Berger errechnet haben. 15 Prozent der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung stammen aus der Umwelttechnik. International sind die Deutschen an der Spitze: Betrug der deutsche Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung der Welt 2020 rund 3 Prozent, waren es bei der Umwelttechnik 14 Prozent. Allerdings hatte der Wert 2007 schon einmal 17 Prozent betragen.

Die Konkurrenz schläft also nicht, und sie sitzt vor allem in China und in den Vereinigten Staaten. Deshalb ruft Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) zum Ausbau der Wettbewerbsfähigkeit auf, etwa durch weitere Spezialisierungen und durch die Stärkung von Innovationen. Auch die Industriepolitik, also die Flankierung und Unterstützung der Entwicklung durch den Staat, nimmt Schulze in den Blick. Damit mehr Produkte und Dienstleistungen hierzulande entwickelt und erprobt werden, bedarf es ihrer Ansicht nach verbindlicher Umweltstandards, der Förderung des nachhaltigen Konsums sowie mehr Transparenz und Verantwortung in der Wirtschaft, insbesondere bei den Lieferketten.

Zur Finanzierung der nötigen Investitionen sieht die Ministerin immer mehr nachhaltige Finanzprodukte entstehen. Schwung erhält diese Entwicklung durch die geplante EU-Klassifizierung nachhaltiger Aktivitäten, die sogenannte grüne Taxonomie. Sie legt auch fest, welche Techniken im Sinne des „Green Deals“ eine öffentliche Förderung erhalten können. Dazu hatte kürzlich in Brüssel die gemeinsame Forschungsstelle (JRC), der wissenschaftlichen Dienst der EU-Kommission, einigen Wirbel verursacht. In einem von der Kommission in Auftrag gegebenen Gutachten klassifizierte die JRC Investitionen in Atomkraft als grüne Geldanlagen.

Schulze sieht das anders. „Für die Glaubwürdigkeit dieses Instruments ist es wichtig, dass offensichtlich nicht nachhaltige Projekte wie Atomkraftwerke ausgeschlossen werden“, sagte die Ministerin der F.A.Z. Sie plädierte zudem dafür, Umweltinnovationen bei der Markteinführung engagierter zu unterstützen. Die öffentliche Hand sollte Starthilfen für umweltorientierte Neugründungen bereithalten, spezielle Innovationsfonds auflegen und „Innovationscluster“ fördern. Eine weitere Idee ist, die Erschließung von Auslandsmärkten besser abzustimmen und vermehrt zu unterstützen. Schulze zufolge sollte zum Beispiel die Exportförderung von Umwelttechnologien einen Schwerpunkt bilden. Die Außenhandelskammern will sie mit Hilfe des DIHK zu „Chambers for Green-Tech“ ausbauen, also zu „Kammern für Umwelttechnik“.

Teil der Lösung im Kampf gegen Umweltzerstörung

Der neue Green-Tech-Atlas zeigt für Schulze, dass Deutschland in der Lage ist, den Umstieg zu Klimaneutralität bis 2050 zu meistern. Hierzulande würden die notwendigen Techniken und Verfahren erforscht, entwickelt, produziert und exportiert. Die Branche biete „gute Perspektiven für unsere Wirtschaft und für die Beschäftigung in Deutschland“. Für erwähnenswert hält es die Umweltministerin, dass die Corona-Pandemie die Entwicklung nicht gebremst, sondern noch beschleunigt habe. So seien die Konjunkturprogramme auf den Klimaschutz ausgerichtet worden. Für die Unternehmen gelte: „Die deutsche Green-Tech-Branche stabilisiert in Krisenzeiten die wirtschaftliche Entwicklung durch robuste und nachhaltige Geschäftsmodelle.“ Die Corona-Pandemie habe diesen Wirtschaftszweig weit weniger getroffen als die Gesamtwirtschaft, so Schulze. „Das ist ein Riesenerfolg der Branche.“

Sie bezeichnete die Umwelttechnik als Teil der Lösung im Kampf gegen Umweltzerstörung und Klimawandel. Zugleich zahle sie sich wirtschaftlich aus: „Umwelttechnologien sichern die internationale Wettbewerbsfähigkeit, die hochwertigen Arbeitsplätze und damit die Zukunft des Standortes Deutschland.“ Dabei könne man sich „wieder einmal auf einen besonders starken Mittelstand verlassen“. Der Green-Tech-Atlas analysiert sieben Leitmärkte in der Welt. Deren größter war 2020 die Energieeffizienz mit einem Volumen von 1224 Milliarden Euro. Es folgte der Zweig der umweltfreundlichen Erzeugung, Speicherung und Verteilung von Energie (844 Milliarden Euro) vor jenem der nachhaltigen Mobilität (787), jenem der Wasserwirtschaft (786) und jenem der Rohstoff- und Materialeffizienz (712). Die kleinsten Märkte waren die Kreislaufwirtschaft (148) sowie die nachhaltige Agrar- und Forstwirtschaft mit 128 Milliarden Euro)

Am stärksten dürfte bis 2030 der ökologische Wassermarkt wachsen, um 21 Prozent. Innerhalb des Geschäftsfelds Mobilität legt der Markt für Elektrofahrzeuge besonders dynamisch zu. Bis 2030 erwarten die Autoren des Atlas eine jährliche Zunahme um 13,3 Prozent auf dann 623 Milliarden Euro; 2016 hatte das Volumen erst 34 Milliarden Euro betragen. In Deutschland wachsen die Leitmärkte insgesamt bis 2025 voraussichtlich um jährlich 9,9 Prozent im Umsatz und um 6,8 Prozent in der Beschäftigung. Die höchste Dynamik weisen die umweltgerechte Mobilität und die Energieeffizienz auf.

Schulze will den Atlas morgen auf der Veranstaltung „Grüne Transformation und internationale Marktchancen für Green-Tech Made in Germany“ vorstellen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Geinitz, Christian
Christian Geinitz
Wirtschaftskorrespondent in Berlin
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