Illustration: Waldemar Klimenko
Schneller Schlau

Hauptsache, der Riesling fließt

Von JESSICA VON BLAZEKOVIC, Grafiken: JOHANNES THIELEN · 26. Oktober 2020

Die Weinernte dieses Jahr wird wohl unterdurchschnittlich, aber besser als letztes Jahr. Wie die Erntemengen schwankt auch der Geschmack der deutschen Weintrinker – einer Sorte aber bleiben sie seit Jahren treu.

W

as für ein bescheidenes Jahr. Wer vor zwölf Monaten dachte, 2020 wird alles besser, der musste sich spätestens im März, als die volle Wucht des Coronavirus über die Welt hereinbrach, eines Besseren belehren lassen. Ein halbes Jahr später sieht die Lage nicht viel rosiger aus und eigentlich hilft in all dieser Tristesse nur eines: guter Wein.

Zum Glück sitzt Deutschland an der Quelle. Zahlen des Statistischen Bundesamtes zufolge wurde im Jahr 2019 auf knapp 35.000 Hektar Rotwein angebaut, darunter am häufigsten Spätburgunder (11.717 Hektar). Demgegenüber stehen fast 70.000 Hektar Weißwein, mit dem Riesling an der Spitze (24.049). In Deutschland wird wesentlich mehr Weißwein angebaut, doch die Rebfläche für Rotwein wuchs zwischen 1999 und 2019 um 35 Prozent, während die für Weißwein um 13 Prozent schrumpfte. In beiden Farben ließen manche Rebsorten, etwa Müller-Thurgau und Portugieser, besonders stark Federn (minus 43 und 45 Prozent), während andere, etwa der Grauburgunder und der Dornfelder, stark zulegten (plus 168 und 99 Prozent).

„Blickt man fünf bis zehn Jahre zurück, war der Rotweinanteil stark gewachsen auf ein Niveau wie man es bis dahin nicht kannte in Deutschland“, sagt Frank Schulz vom Deutschen Weininstitut. In jüngster Vergangenheit würden Weißweine nun wieder etwas beliebter. Das hängt auch damit zusammen, dass Weißweine weniger Alkohol haben: „Weltweit geht der Gesundheitstrend eher in Richtung Weine mit moderatem Alkoholgehalt.“

Wer sich selbst ein Bild von den deutschen Weinbergen machen möchte, muss in den Südwesten fahren. Das größte Anbaugebiet mit 26.860 Hektar ist Rheinhessen, gefolgt von der Pfalz und Baden. Aber auch in Sachsen wächst auf immerhin 493 Hektar Wein. Der Klimawandel führt außerdem dazu, dass der Weinanbau auch in nördlichen Regionen wie Schleswig-Holstein interessant wird. „In Niedersachsen und Schleswig-Holstein gibt es erste Versuche und sogar in den Niederlanden und England wird nun Wein angebaut“, sagt Schulz.

Die Weinernte in diesem Jahr wird wohl unterdurchschnittlich. Im Schnitt der vergangenen 20 Jahre fuhren die Winzer 9,3 Millionen Hektoliter ein, 8,9 Millionen sollen es dieses Jahr werden. Die 10-Millionen-Marke in einem Jahr wurde zuletzt im Hitzerekordjahr 2018 geknackt. Schulz sieht zwei Gründe dafür, dass die Erntemengen jedes Jahr schwanken: „Wein ist ein Naturprodukt und sehr stark abhängig vom Vegetationsverlauf. Zusätzlich befinden wir uns seit mehreren Dekaden in einem Prozess der immer weiter zunehmenden Qualitätssteigerung.“

Während die Nachkriegsgeneration noch alle Trauben am Rebstock hängen ließ und auch aberntete, werden heute in der sogenannten „grünen Lese“ rund ein Drittel der Beeren entfernt, damit die restlichen Trauben mehr Aroma entfalten. „Das ist die Strategie der deutschen Weinwirtschaft: Ein ehrgeiziges Qualitätsstreben, um an der Weltspitze mitspielen zu können“, sagt Schulz.

Der Klimawandel beeinflusst den Weinanbau in Deutschland Schulz zufolge sowohl positiv als auch negativ. So könnten höhere Temperaturen für den Anbau neuer Rebsorten von Vorteil sein, intensiver Sonnenschein und Wetterextreme aber auch zu Schäden führen. Für den in kühleren Regionen beheimateten Riesling bedeuten die höheren Temperaturen nichts Gutes, manch einer spricht gar davon, die Sorte habe hierzulande bald ausgedient. Schulz aber beschwichtigt: „Das ist noch Zukunftsmusik. Die Forschung befasst sich aber intensiv mit diesem Thema.“

Das wird viele Deutsche freuen, denn der Riesling ist die beliebteste Weinsorte in Deutschland. In einer Befragung von rund 800 deutschen Weintrinkern im Jahr 2018 gab knapp über die Hälfte an, den Weißwein gerne zu trinken. Auf Platz zwei landete mit 36 Prozent der Merlot, dicht gefolgt von Spätburgunder und Chardonnay. Überraschenderweise bevorzugen der Umfrage zufolge zudem 51 Prozent der Deutschen liebliche Weine, trockene Sorten trinken demnach nur ein Drittel der Befragten gerne.

Überhaupt ist es nicht so, dass alle Deutschen gerne und viel Wein trinken würden. Im internationalen Vergleich des Pro-Kopf-Verbrauchs landete die Bundesrepublik im Jahr 2019 mit 28,3 Litern nur auf dem achten Platz. Den meisten Wein trinken auf der Welt die Portugiesen, mit 56,4 Litern fast doppelt so viel. Damit waren sie sogar noch trinkfreudiger als die Franzosen und Italiener.

Vergleichsweise wenig Wein wird mit rund zwei Litern je Einwohner in Brasilien und China getrunken, was allerdings auch mit der großen Bevölkerungszahl zusammenhängt. Tatsächlich wächst in der Volksrepublik das Interesse am Rebensaft: In absoluten Zahlen liegt China mit seinem Weinkonsum schon auf dem fünften Platz, auch die dortige Produktion gewinnt an Bedeutung.

Für einen Platz unter den größten Weinexporteuren reicht das nicht. Mit Blick auf Deutschland waren im Jahr 2019 Italien, Spanien und Frankreich die drei größten Lieferanten. Deutsche Weine sind ebenso in anderen Ländern gefragt, auch wenn nur ein Prozent des auf der Welt exportierten Weins aus der Bundesrepublik kommt. Die größte Nachfrage nach deutschem Riesling und Co. besteht in den Niederlanden, die jährlich rund 68.000 Tonnen Wein aus Deutschland importieren.

Am meisten Geld mit Wein wird indes in den Vereinigten Staaten umgesetzt. Die Verkäufe dort brachten im Jahr 2019 fast doppelt so viel Geld ein, wie in Frankreich erlöst wurde – wobei es aber auch mehr Amerikaner als Franzosen gibt. In Deutschland ist die Summe bescheidener: Umgerechnet 17 Milliarden Dollar wurden hierzulande ausgegeben.

Auch die Ausgaben für Bio-Wein steigen langsam aber sicher. Im Jahr 2018 stammten 13 Prozent der Winzererlöse aus dem Verkauf ökologischer Weine. Hinter Eiern, Schaffleisch und Obst ist Bio-Wein damit das am viertstärksten nachgefragte Öko-Lebensmittel.

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Quelle: F.A.Z.