Klimafreundliche Nachtzüge

Grüner reisen in der Nacht

Von Kerstin Schwenn, Berlin
08.12.2020
, 17:22
Noch kürzlich schien der Nachtzug der Deutschen Bahn unwirtschaftlich. Nun steht ihm des Klimawandels wegen eine Renaissance bevor.

Über Nacht mit dem Zug nach Paris oder Venedig, das ist ein Traum vieler Reisender. Was angesichts der dann unvermeidbaren Nähe zu Fremden in Corona-Zeiten schier unmöglich erscheint, soll nach dem Ende der Pandemie langsam Wirklichkeit werden: ein europäisches Nachtzug-Netz. Dieses Ziel haben die Chefs der vier Staatsbahnen von Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz am Dienstag in einer Absichtserklärung formuliert – unterstützt von ihren Verkehrsministern, die virtuell zur EU-Ministerkonferenz zusammengekommen waren. Die Verknüpfung der europäischen Metropolen auf der Schiene wollen die Deutsche Bahn, die österreichische ÖBB, die schweizerische SBB und die französische SNCF nun gemeinsam voranbringen. Die Verkehrspolitiker hießen das als „wichtiges Signal für den Klimaschutz“ gut.

Die ersten Ergebnisse der Kooperation sind vier neue Linien, die unter der Marke „Nightjet“ fahren und die in den nächsten Jahren 13 europäische Millionenstädte über Nacht verbinden sollen. Von Dezember 2021 an wollen die Staatsbahnen die Strecken Wien-München-Paris sowie Zürich-Köln-Amsterdam in der Nacht anbieten. Zwei Jahre später sollen dann die Verbindungen von Wien und Berlin nach Brüssel und Paris dazukommen. Von Dezember 2024 an ist der sogenannte Nachtsprung von Zürich nach Barcelona geplant. Dies teilten Richard Lutz (Deutsche Bahn), Andreas Matthä (ÖBB), und Vincent Ducrot (SBB) und Jean-Pierre Farandou (SNCF) mit. Lutz sagte, der Nachtzug sei eine „grüne, stressfreie Alternative zu Auto oder Flugzeug“.

Wirtschaftliche Bedenken beiseite gelegt

Das Geschäft sei aber von hoher Komplexität geprägt, gebraucht würden spezielle Fahrzeuge und spezialisiertes Personal. Den Ausbau in Europa könnten die Bahnen nur gemeinsam und in Arbeitsteilung angehen. „Der Nachtzug ist ein Geschäft unter Partnern. Wenn jede Bahn ‚ein bisschen Nachtzug’ machen würde, wäre niemandem geholfen“, sagte Lutz. Die Deutsche Bahn hatte ihre Nachtzüge 2016 mangels Wirtschaftlichkeit aufgegeben. Die österreichische ÖBB war in die Bresche gesprungen. Sie baut seitdem ihr Nachtzug-Segment kontinuierlich aus. Die Deutsche Bahn hat nun offenbar ihre wirtschaftlichen Bedenken beiseite gelegt.

ÖBB-Chef Andreas Matthä sagte, die Zahl der Nightjet-Verbindungen steige mit den neuen Plänen von 19 auf 26. Zurzeit bietet die ÖBB Nachtzüge nach Italien, Deutschland, in die Schweiz, die Niederlande und nach Osteuropa an. Vor Corona zählte die ÖBB 1,4 Millionen Passagiere im Jahr, darunter vor allem junge Menschen und Familien. Nach dem Ende der Pandemie hofft sie auf eine Verdopplung der Fahrgastzahlen. Die österreichische Verkehrsministerin Leonore Gewessler sicherte ihrer Staatsbahn politische Unterstützung zu. Die Nachtzüge würden bei den Trassenpreisen entlastet, auch die Preise für Bahnstrom würden reduziert, sagte sie.

Außerdem würden 500 Millionen Euro in neue Nachtzüge investiert. Überall in Europa müssten die Rahmenbedingungen entsprechend gestaltet und im europäischen Aktionsplan für einen grenzüberschreitenden Personenverkehr umgesetzt werden, forderte Gewessler. Im Hinblick auf konkrete finanzielle Zuwendungen für Nachtzüge hielt sich Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) bedeckt, sagte aber: „Abends in München oder Berlin in den Zug steigen und morgens entspannt in Paris oder Brüssel ankommen – mit unserem Trans-Europ-Express TEE 2.0 und attraktiven Nachtzugangeboten auf der Schiene sind wir künftig in Europa noch klima- und umweltfreundlicher unterwegs.“

Auch der Direktor des schweizerischen Bundesamts für Verkehr, Peter Füglistaler, betonte, die Schiene müsse gestärkt werden, damit der Verkehr die europäischen Klimaschutzziele erreichen könne. SCNF-Vorstandschef Jean-Pierre Farandou sagte, das Interesse und die Begeisterung der Fahrgäste seien groß. Von der Erfahrung mit dem Nightjet könne man profitieren, um ein attraktives europäisches Nachtzugangebot voranzutreiben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schwenn, Kerstin
Kerstin Schwenn
Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
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