Australien

Lage des Great Barrier Reef erstmals „kritisch“

Von Christoph Hein
04.12.2020
, 10:55
In den vergangenen dreißig Jahren hat das Riff mehr als die Hälfte seiner Korallen verloren. Die Vereinten Nationen warnen vor den Folgen des Klimawandels für die größte lebende Struktur der Welt.

Die Vereinten Nationen bezeichnen die Zukunft des weltgrößten Riffs erstmals als „kritisch“. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) nutzt Fotos, um den Zustand des Great Barrier Reefs vor Australiens Ostküste zu überwachen. Zwar erkennen die Berichterstatter die enormen Anstrengungen der Australier an, das Riff zu erhalten. Doch wird die Warnung vor den Folgen eines weiteren El-Niña-Wetterphänomens lauter. Darauf ist das schon seit Jahren um sein Überleben kämpfende Riff nicht vorbereitet.

Für Australien wächst damit eine neue Drohung heran: Denn wenn das Komitee für das Welterbe im nächsten Jahr zusammentritt, wird es nun schwierig werden, die Einstufung des Riffs in die Kategorie „in Gefahr“ noch zu verhindern – was der australischen Regierung bislang durch großangelegte diplomatische Anstrengungen gelungen war. Mit einer Herabstufung würden sich aber die Bedingungen auch für den wirtschaftlich wichtigen Tourismus am Riff ändern, und der Ruf Australiens würde weiter belastet.

Canberra kämpft aufgrund seiner Kohle- und Klimapolitik weltweit um Ansehen. In der Vorbereitungsphase der entscheidenden Konferenz heißt es nun aber bei den Vereinten Nationen mit Blick auf die Anstrengungen der australischen Regierung, das Barrier Reef zu erhalten: „Der Fortschritt beim Erreichen einiger Ziele war nur langsam und es war bislang nicht möglich, den Rückschritt in vielen Bereichen des Gebietes aufzuhalten.“ Der Zustand von 63 Prozent der geprüften Erberegionen wurde als „gut“ bewertet; nur 7 Prozent, unter ihnen das Barrier Reef sind „kritisch“.

In den vergangenen dreißig Jahren hat das Riff mehr als die Hälfte seiner Korallen verloren. Bleiche-Perioden 2016, 2017 und in diesem Jahren haben weite Teile des mehr als 344.000 Quadratkilometer und fast tausend Inseln umfassende Naturwunders schwer belastet. Bleichen entstehen, wenn sich das Wasser erwärmt und die Algen auf den Korallen sterben. Der Klimawandel, so die Vereinten Nationen, sei die größte Bedrohung für das Riff und natürlich nicht vor Ort zu bekämpfen.

„Während sich im tropischen Pazifik La Niña heranbildet, hängt die Gesundheit des Riffs in diesem Sommer vor allem an den örtlichen Wetterbedingungen in den nächsten Monaten”, heißt es bei der Aufsichtsbehörde für den Marinepark (GRMPA) in Townsville. „Zwar bringt La Niña oft niedrigere Temperaturen, doch kann es gleichwohl zu Hitzestress kommen, weil die Oberflächentemperaturen am gesamten Riff sich durch den Klimawandel erhöhen. Vorhersagen deuten für Dezember und Januar auf See-Temperaturen über dem Durchschnitt hin.”

Das Riff gilt als die größte lebende Struktur der Welt, die ein Zehntel aller Fischarten der Welt beherbergt. Vom Klimawandel sei rund ein Drittel der 252 Weltnaturerbe-Gebiete bedroht, heißt es bei den Vereinten Nationen in der jüngsten Ausgabe ihres dreimal jährlich erscheinenden Berichts. Als „kritisch“ betrachten sie unter anderem auch die Aussichten für das Sumpfgebiet Everglades im amerikanischen Florida und den tropischen Regenwald im indonesischen Sumatra.

Quelle: F.A.Z.
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Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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