Illustration: Johannes Thielen, Foto: dpa
Schneller Schlau

Das sind die Treiber des Klimawandels

Von NIKLAS ZÁBOJI, Grafiken: JOHANNES THIELEN · 30. November 2020

Kohle, Öl und Gas halten den Motor der Weltwirtschaft am Laufen – zum Leidwesen der Atmosphäre.

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icht einmal Corona kann den Klimawandel stoppen. Wie die Weltorganisation für Meteorologie vor wenigen Tagen mitteilte, war der Wirtschaftseinbruch vom Frühjahr „nur ein winziger Ausreißer“ in der langfristigen Emissionsentwicklung. Zumal globale Industrieproduktion und Welthandel längst wieder zurückfinden in Richtung Normalmaß – und damit auch der Energieverbrauch und das Verkehrsaufkommen. Laut ist zwar der Chor derer, die die Corona-Krise als Blaupause für einen Umstieg auf eine kohlenstoffarme Weltwirtschaft nutzen wollen. Eine radikale Trendumkehr zeichnet sich bislang aber nicht ab.

Historisch gesehen sind die westlichen Industrieländer Haupttreiber des menschengemachten Klimawandels. Früher als Menschen in anderen Weltregionen haben sie das natürliche Gleichgewicht aus Ausstoß und Speicherung von Kohlendioxid ins Wanken gebracht, indem sie den Energiehunger ihrer Volkswirtschaften mit Kohle, Öl und Gas zu decken begannen – und mit deren Verbrennung über Jahrmillionen gebundenen Kohlenstoff freisetzten. Einmal in der Atmosphäre, heizt die steigende Konzentration von CO2 und anderen Treibhausgasen den Planeten auf wie ein Gewächshaus. Der Abbau dauert Tausende von Jahren. Die negativen Folgen sind bekannt: Schmelzende Pole und steigende Meeresspiegel.

Seit Beginn der Industrialisierung wurden schon mehr als 2000 Gigatonnen – also 2000 Milliarden Tonnen – Kohlendioxid freigesetzt. Nach Stand der etablierten Klimaforschung ist die globale Durchschnittstemperatur dadurch um rund ein Grad Celsius gestiegen. Das mag allein mit Blick auf die gewöhnlichen Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht wenig anmuten. Auch ist der Anstieg nicht in allen Regionen der Erde gleichmäßig – weder in der Gegenwart, noch in der Vergangenheit. So ging beispielsweise eine anhaltende Kältephase im Europa der Neuzeit als „Kleine Eiszeit“ in die Geschichtsbücher ein, von der Menschen auf anderen Kontinenten nichts spürten. Auf der langfristigen Zeitachse ist ein Temperaturplus von einem Grad aber beträchtlich, vor allem wenn es innerhalb von so kurzer Zeit dazu kommt. Eine CO2-Konzentration wie zur Zeit hat es nach einer Modellierung von Klimatologen aus Potsdam und Hamburg in den vergangenen drei Millionen Jahren nicht gegeben. Auch ein Temperaturanstieg von 2 Grad wäre im Quartär, dem jüngsten Zeitabschnitt der Erdgeschichte, einmalig. Diesen aber sieht das Pariser Klimaabkommen als Grenzwert vor.

Weil nach Möglichkeit sogar eine Begrenzung von 1,5 Grad angestrebt wird, dürften eigentlich nur ein paar Hundert Gigatonnen CO2 freigesetzt werden. Doch mit Blick auf den bisherigen Emissionsgalopp gilt als sehr unwahrscheinlich, dass das noch gelingt. Im Einklang mit der rasant wachsenden Weltwirtschaft und der nicht minder rasant wachsenden Weltbevölkerung ist der jährliche Ausstoß von Kohlendioxid zuletzt von Rekord zu Rekord geeilt. Nimmt man weitere Klimagase wie Methan und Lachgas hinzu, sind die globalen Emissionen sogar noch weitaus höher – und damit eher ein Temperaturanstieg auf 3 Grad und mehr zu erwarten.  

Blickt man auf die Landkarte, tragen die historischen „Klimasünder“ in den westlichen Industriestaaten zu dieser Entwicklung nach wie vor bei, auch wenn die beiden Ölförderländer Qatar und Vereinigte Arabische Emirate je Kopf am meisten emittieren. Das Land, das in Summe am meisten emittiert, ist allerdings längst China, das rund 30 Prozent der CO2-Emissionen der Welt ausstößt. Erst an zweiter Stelle stehen mittlerweile die Vereinigten Staaten. Die Bundesrepublik, Mutterland der Energiewende, kommt hinter Indien, Russland und Japan nur noch auf einen Anteil von knapp 2 Prozent – etwa gleichauf mit Iran und Südkorea.

Dass China in puncto Emissionen so sehr davongeeilt ist, hat zwei Gründe: Das Land ist mit 1,4 Milliarden Einwohnern so bevölkerungsreich wie kein anderes – und abhängig von der Kohle. Weil sie billig und im Überfluss vorhanden ist, war dieser Energieträger wie im Großbritannien und Deutschland des 19. Jahrhunderts Grundlage für den wirtschaftlichen Aufschwung, den das Reich der Mitte seit der Abkehr vom Sozialismus erfahren hat. Das Land hat gewaltige eigene Vorkommen und ist zudem bedeutender Importeur von Kohle. Ihre Verstromung und Umwandlung in Wärme erfolgt in China in Kraftwerken mit mehr als 1000 Gigawatt Leistung. Zum Vergleich: Amerika und Indien kommen zusammen nicht einmal auf die Hälfte. Und geradezu winzig verhält sich der dagegen deutsche Kohlekraftwerkspark mit rund 40 Gigawatt Leistung, der so wie im übrigen Europa in den kommenden Jahren vom Netz gehen soll.

Dennoch: Auch wenn eine radikale Trendumkehr ausbleibt, gehört einer kohlenstoffarmen Weltwirtschaft aller Voraussicht nach die Zukunft. Die Politik versucht den Weg dahin zu ebnen, indem sie Emittenten mit CO2-Abgaben zur Kasse bittet und den Ausbau alternativer Energieträger subventioniert. Der technologische Fortschritt tut sein Übriges. Die Stromerzeugung aus Wind und Sonne ist im Aufwind – nicht zuletzt in China, dem mit Abstand größten Produzenten von Solarzellen. Neue Speicher und Energieträger wie Wasserstoff entstehen. Der Anteil erneuerbarer Energieträger steigt dadurch.

Klar ist aber auch: Bis Kohle, Öl und Gas aus dem Energiemix der Weltwirtschaft verschwunden sind, wird sich die Erde noch einige Male um ihre eigene Achse drehen. Zuletzt deckten diese drei Hauptenergieträger den Verbrauch zu rund 85 Prozent – während auf Wind und Sonne zusammen gerade einmal 3 Prozent entfielen. Die Wasserkraft steht für 6 Prozent, die Atomkraft für 4 Prozent und Biomasse und Erdwärme für die verbleibenden 2 Prozent.

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Quelle: F.A.Z.