CO2-Neutralität in Unternehmen

„Das ist physikalisch Stand jetzt unmöglich“

Von Niklas Záboji
04.12.2020
, 16:52
Immer mehr Unternehmen kündigen an, klimaneutral werden zu wollen. Was ist davon zu halten? Sechs Fragen an Martin Cames, Energieökonom am Freiburger Öko-Institut.

Herr Cames, immer mehr Konzerne kündigen an, klimaneutral zu werden – früher, als sie nach den politischen Vorgaben müssten. Was ist davon zu halten?

Grundsätzlich ist es gut, wenn Unternehmen heute Verantwortung übernehmen und mehr fürs Klima tun wollen. Das kann man nicht deutlich genug betonen.

Aber?

Es gibt noch keine Leitlinien, was Klimaneutralität genau meint. Zugespitzt formuliert, implizieren viele Unternehmen mit der Ankündigung, klimaneutral zu werden, dass sie es schon sind. Im Sinne von: Wenn ihr unsere Produkte kauft, braucht ihr kein schlechtes Gewissen zu haben und könnt zum Preis eines Cappuccinos durch Europa fliegen. So lügen wir uns in die eigene Tasche, so wird Klimaneutralität zum Marketinginstrument.

Ist das wirklich so? Die meisten Unternehmen sagen doch, wie sie Emissionen reduzieren wollen, etwa durch Investitionen in Energieeffizienz.

Das ist auf jeden Fall die richtige Reihenfolge. Man sollte intern investieren – und nur den Rest kompensieren, also Zertifikate für Klimaprojekte kaufen. Aber da liegt das Problem: Klimaneutral zu sein ist physikalisch Stand jetzt unmöglich, das kann nur sein, wer alle fossilen Energien in der Wertschöpfungskette eliminiert hat. Deshalb braucht es die Kompensationen. Nur wenn ich mit Zertifikaten kompensieren kann, führt das womöglich dazu, dass intern zu wenig gemacht wird.

Wie lässt sich echtes Bemühen dann erkennen?

Ich würde Unternehmen immer empfehlen, sich mit Greenpeace, dem WWF oder einem anerkannten Institut aus der Umweltszene zusammenzusetzen, das muss nicht das Öko-Institut sein, dessen Hauptgeschäft Politikberatung ist. Ratsam ist auch der wissenschaftliche Prüfprozess der Science Based Targets Initiative.

Machen das die Unternehmen aus Sorge vor Reputationsschäden nicht ohnehin?

Ich meine, es gibt genug Dienstleister, die die Unternehmen unterstützen, aber wenig von der Sache verstehen. Der Preis bei Kompensationsprojekten ist ein Anhaltspunkt für die Qualität der vermiedenen Emissionen. Und es gibt Anbieter, die Kompensationen für unter 5 Euro die Tonne anbieten. 20 Euro sollten derzeit Minimum sein.

Welche Projektkategorie ist ratsam?

Aufforstung ist als Kompensation schwierig, denn man muss sicherstellen, dass das CO2 über Hunderte von Jahren gebunden wird. Wenn der Wald abbrennt, wird das CO2 wieder freigesetzt und ist die Kompensation nicht länger gewährleistet, sofern es keine entsprechenden Versicherungen gibt. Ich rate zu Projekten, die dem Clean-Development-Mechanismus der UN und dem Gold Standard unterliegen. Dabei ist ein seriöses Monitoring sichergestellt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Zaboji, Niklas
Niklas Záboji
Redakteur in der Wirtschaft.
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