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Umstrittene Gaspipeline

Wintershall begrenzt Investitionen in Nord Stream 2

Von Bernd Freytag, Mainz
25.02.2021
, 07:18
Das russische Verlegeschiff Akademik Cherskiy Bild: Reuters
Der Konzern kappt sein Darlehen für die umstrittene Ostseepipeline. Dennoch wirbt der Vorstandschef für das Projekt – und übt beißende Kritik am Berliner Forschungsinstitut DIW.

„Projekt im Bau“ steht lapidar im Geschäftsbericht des neu formierten Öl- und Gaskonzerns Wintershall-Dea. Ganz so leicht abhaken konnte Vorstandschef Mario Mehren das „Projekt“ – die umstrittene Ostseepipeline Nord Stream 2 – anlässlich der Vorlage der Jahreszahlen aber nicht. Nachdem er auf Nachfrage erst beteuert hatte, die Leitung werde dringend benötigt, schließlich gehe die Gasförderung in Europa zurück, platzte ihm dann doch der Kragen.

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Es wundere ihn schon, wie viele Experten sich dieser Tage zur Energieversorgung äußerten, sagte er mit Verweis auf eine kürzlich vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vorgelegte Studie. Darin hieß es, die Pipeline sei zur Sicherung der Erdgasversorgung nicht notwendig. Europa verfüge schon über ein gut ausgebautes Netz von Pipelines und Lieferregionen, der Gasbedarf werde zudem überschätzt.

In der „sehr guten Studie“, stehe auch, dass die Winter nicht mehr so kalt würden und die Gasspeicher aktuell ja voll seien, sagte Mehren mit beißender Ironie. Die Annahme, dass Flüssiggas in Schiffen eine zusätzliche Quelle sein könnte, kommentierte er mit dem Hinweis, dass Schiffe ihre Richtung änderten, sobald woanders mehr Geld für Gas geboten werde.

Günstiges Gas als Ergänzung

Während Mehren weiter offensiv für Nord Stream 2 wirbt, hat der Konzern jedoch sein ursprünglich auf bis zu 950 Millionen Euro großes Darlehen für Nord Stream 2 auf 730 Millionen Euro begrenzt. Womöglich, um den Hauptanteilseigner, den Chemieriesen BASF, vor weiteren Sanktionen aus Amerika zu schützen. Im Geschäftsbericht jedenfalls verweist Wintershall darauf, dass die schon für das Projekt geflossenen 730 Millionen Euro vor Inkrafttreten des amerikanischen Sanktionsgesetztes Caatsa ausgezahlt worden seien.

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„Weitere Auszahlungen sind nicht geplant“. Bislang hieß es stets – auch im Geschäftsbericht findet sich die Zahl noch – Wintershall werde wie die anderen vier europäischen Partnerunternehmen bis zu 950 Millionen Euro für die Finanzierung bereitstellen. Ob der Druck der Amerikaner oder eine überraschend günstige Verlegung die Investitionen nun begrenzen, sagte Wintershall.

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Zum Gelingen der Energiewende wird Deutschland laut Mehren neben erneuerbaren Energien noch lange auf günstiges Gas als Ergänzung angewiesen sein. „Wer etwas anderes behauptet, sollte überzeugende und finanzierbare Alternativen bereit stellen“, sagte er mit Verweis auf den schleppenden Ausbau der Stromnetzautobahn in den Süden und das ungeklärte Recycling von Batterien für die Elektromobilität. Deutschland sollte vielmehr die bestehende und zuverlässige Gasinfrastruktur nutzen, „nur eben klimafreundlicher und cleverer.“

Auch in Zeiten des Kalten Krieges immer geliefert

Wintershall bekenne sich zu den Klimazielen, das Unternehmen werde die Produktion von Wasserstoff aus Gas in den kommenden zehn Jahren mit 400 Millionen Euro ausbauen. Um die schlechtere Klimabilanz von „blauem Wasserstoff“ – aus Gas – gegenüber „grünem Wasserstoff“ aus erneuerbaren Energien zu verbessern, will der Konzern zudem das Abscheiden und spätere Verpressen im Boden von CO2 weiter vorantreiben. Es gebe bei weitem nicht genug grünen Wasserstoff, zudem sei er doppelt so teuer.

Den politischen Streit um Nord Stream 2 wolle er ansonsten den Diplomaten überlassen, sagte Mehren. Mit Verweis auf die mehr als 30 Jahre alte Partnerschaft mit dem russischen Gasriesen Gasprom fügte er hinzu, er kenne Russland, möge Russland und sehe die politische Lage dort genauso mit Sorge wie die weitere Verschlechterung der Beziehungen zum Westen. Dabei würden gerade wirtschaftliche Beziehungen helfen, Kontakte zu halten.

Gasprom habe Europa auch in Zeiten des Kalten Krieges immer mit Gas beliefert – „ohne Bedingungen.“ Mögliche weitere Sanktionen der Amerikaner gegen Nord Stream 2 kommentierte er nicht, sagte aber, der neue Präsident Joe Biden haben die Hand nach Europa ausgestreckt. Dies sei ein positiver Schritt und die Beziehungen wieder zu verbessern.

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Wintershall Dea – im Mai 2019 aus der BASF-Tochtergesellschaft Wintershall und Dea, damals eine Beteiligung des russischen Oligarchen Michail Fridman formiert – ist der wichtigste deutsche Partner für Gasprom. Um ein Gegengewicht gegen den damaligen Gasmonopolisten Ruhrgas aufzubauen, wählte BASF einst Gasprom als eigenen Lieferanten, und hat die Beziehung über die Jahre stetig ausgebaut.

Vor fünf Jahren tauschte BASF das in der Wingas gebündelte Gashandelsgeschäft mit einem Umsatz von 12 Milliarden Euro gegen Förderlizenzen in Sibirien. Das Gas aus Sibirien wird seither also indirekt auch von BASF gefördert. Im Gegenzug besitzt Gasprom seither mit Wingas einen der größten deutschen Gashändler und beliefert seither, ganz ohne öffentliche Aufregung, deutsche Stadtwerke und Unternehmen.

Quelle: F.A.Z.
Bernd Freytag
Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.
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