Mond, Mars und mehr

Die Eroberung des Alls läuft auf Hochtouren

29.12.2020
, 11:50
Amerika, Russland, China, Japan, Indien: Die Liste der auf der ganzen Welt geplanten Raumfahrt-Missionen ist lang. Es geht um viel.

Mond und Mars erleben einen Ansturm, die Technik der Missionen wird ausgefeilter und immer mehr Länder mischen mit. Die Liste auf ganzen Welt vorangetriebener Raumfahrtpläne ist lang - und sogar die Filmbranche ist involviert. Hier kommt ein Überblick:

Vereinigte Staaten: Das Jahr 2021 wird für die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa Veränderungen mit sich bringen. Nach dem Sieg von Joe Biden bei der Präsidentschaftswahl hat der vom amtierenden Präsidenten Donald Trump ernannte derzeitige Nasa-Chef Jim Bridenstine schon angekündigt, aufhören zu wollen. Wer ihn und den auf ihn folgenden kommissarischen Leiter Steve Jurczyk langfristig ersetzt, war zunächst genauso unklar, wie die Frage ob der Demokrat Biden grundsätzliche Änderungen an der Raumfahrtstrategie seines Landes vornehmen will. Er hatte allerdings im Wahlkampf mehrfach angekündigt, die Nasa im Kampf gegen die Klimakrise nicht nur im All, sondern auch stärker geologisch auf der Erde forschen lassen zu wollen.

Sicher ist: Im Februar 2021 soll mit „Perseverance“ der nächste Nasa-Rover auf dem Mars landen. Der Ende Juli gestartete, mehr als eine Tonne schwere Roboter von der Größe eines Kleinwagens soll nach Spuren früheren mikrobiellen Lebens suchen, das Klima und die Geologie des Planeten erforschen und Proben von Steinen und Staub nehmen. Auch mit dem Transport von Astronauten zur Raumstation ISS soll es weitergehen - nach dem erfolgreichen Start mit dem „Crew Dragon“ möglicherweise bald auch mit dem problemgeplagten „Starliner“ von Boeing.

Darüber hinaus lautete die bisherige Strategie: Bis 2024 sollen der nächste Mann und die erste Frau auf dem Mond landen; und beides sollen Amerikaner sein. Zeitplan und Budget des Programms „Artemis“ sind allerdings knapp bemessen. Am Mond soll zudem eine Art Raumstation geschaffen werden und als Basis für einen bemannten Flug zum Mars dienen, dies allerdings erst in fernerer Zukunft.

Russland: Raumfahrtnation Russland will trotz großer wirtschaftlicher Probleme eine ganze Reihe ehrgeiziger Vorhaben im All voranbringen. Darauf pochte zuletzt auch Kremlchef Wladimir Putin. Der Chef der Raumfahrtbehörde Roskosmos, Dmitri Rogosin, kündigte an, mit den Plänen etwa für das russische Mond-Programm durchzustarten. Dazu soll im Herbst 2021 erstmals seit 45 Jahren wieder eine Mondmission starten, die Raumsonde „Luna 25“. In Etappen will Russland bis 2040 auf dem Erdtrabanten eine Raumstation errichten.

Ende 2021 will Russland erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt wieder zwei Weltraum-Touristen zur Raumstation ISS fliegen. Seit der ersten Reise des Amerikaners Dennis Tito 2001 hat Russland insgesamt sieben Touristen zur ISS gebracht, den letzten 2009. Die Kosten einer solchen Reise werden auf 50 Millionen Dollar geschätzt.

Starten sollen zudem die Arbeiten an einem Spielfilm des Regisseurs Klim Schipenko, von dem Teile im Kosmos gedreht werden. Der Streifen mit dem Arbeitstitel „Wysow“ (Herausforderung) hat das Ziel, den Beruf des Kosmonauten heroisch darzustellen, wie Angaben Rogosins und des staatlichen Fernsehsender Perwy Kanal schließen lassen. Auch die Vereinigten Staaten planen einen Dreh in der ISS. Hollywood-Star Tom Cruise soll eine der Hauptrollen übernehmen.

Beim Projekt „Sphäre“ für satellitengestützten Internet-Zugang will Russland 600 Satelliten ins All bringen. Es gehöre zu den strategischen Aufgaben, „Russlands Führung auf dem globalen Raumfahrtmarkt zu behaupten“, sagte Putin.

Russland will außerdem mit seinem Ruf als Weltraumnation Geld verdienen. Dazu wird etwa der Spruch „Pojechali!“ („Los geht’s“) von Juri Gagarin, dem ersten Menschen im Weltall, als Markenname geschützt - für Schreibwaren, Kosmetik und andere Dinge, wie Roskosmos mitteilte.

Europa: Das Jahr 2021 bringt ein Highlight für zwei Astronauten der europäischen Raumfahrtagentur Esa, der Franzose Thomas Pesquet und der Deutsche Matthias Maurer sollen zur ISS fliegen. Der Franzose soll im Frühjahr ins All starten, der Saarländer im Herbst. „Cosmic Kiss“, kosmischer Kuss, heißt Maurers Mission. Der ungewöhnliche Name ist der Europäischen Weltraumorganisation Esa zufolge eine Liebeserklärung an den Kosmos. Ein halbes Jahr lang soll Maurer auf der Internationalen Raumstation leben und arbeiten.

Die Esa bekommt 2021 einen neuen Chef. Der Österreicher Josef Aschbacher löst den Deutschen Jan Wörner voraussichtlich im Sommer ab; Mitte Dezember wurde er offiziell für den Posten ausgewählt. Derzeit leitet Aschbacher das Erdbeobachtungs-Programm der Esa. Wörner ist seit 2015 Generaldirektor der Organisation mit Sitz in Paris.

Sorgen bereitet die neue europäische Trägerrakete „Ariane 6“. Sie hätte eigentlich schon Ende 2020 erstmals abheben sollen, unter anderem wegen der Corona-Pandemie wird sich der Start nun wohl bis 2022 verzögern. „Wir haben zwar Entwicklungsprobleme, aber die Qualität des Produktes wird nicht infrage gestellt“, erklärte Deutschland-Chef Pierre Godart des Raketenhersteller Ariane Group.

Die Esa geht außerdem davon aus, dass die neue Trägerrakete Vega C im zweiten Quartal 2021 zum ersten Mal starten kann. Ende des Jahres soll das neue James Webb-Teleskop vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana ins All starten. Das Teleskop ist ein gemeinsames Projekt von Nasa, Esa und der kanadischen Raumfahrtagentur CSA und Nachfolger des Hubble-Teleskops. Es soll das Verständnis der Entstehung von Galaxien, Sternen und Planeten erweitern.

China: Gerade gelang China wieder ein Flug zum Mond - und nach der Landung erstmals wieder zurück. Als dritte Raumfahrtnation nach den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion brachte China mit „Chang’e 5“ Mondgestein zur Erde - und überhaupt das erste Mal wieder seit dem Jahr 1976. Erst im vergangenen Jahr war China mit einer Sonde als erste Nation auf der relativ unerforschten Rückseite des Erdtrabanten gelandet.

Die ehrgeizigen Raumfahrtpläne Chinas sind von der Corona-Pandemie nicht erkennbar beeinflusst worden. Bei seiner ersten unabhängigen Mission zum Mars will China im Frühsommer 2021 auf dem „Roten Planeten“ landen. Das Raumschiff „Tianwen-1“, das im Juli gestartet war, besteht aus einem Orbiter, einem Landegerät und einem Gefährt von der Größe eines Golfplatz-Fahrzeugs. Gelingt die riskante Landung, wäre China nach den Vereinigten Staaten die zweite Nation der Welt, die erfolgreich eine Sonde auf den Mars gebracht hat. Im kommenden Jahr soll auch der Bau einer eigenen chinesischen Raumstation beginnen, indem das Kernmodul sowie zwei weitere Elemente ins All gebracht werden.

Japan: Die asiatische Hightech-Nation Japan will sich ebenfalls bei der Erforschung des Mondes engagieren. Dabei soll künftig Wasserstoff als Treibstoff verwendet werden, den die Japaner aus den Eisvorkommen des Mondes gewinnen wollen. Gemeinsam mit den Vereinigten Staaten will Japan in den zwanziger Jahren an einer Mondstation bauen und um das Jahr 2035 eine Treibstofffabrik am Südpol des Mondes errichten. Ziel ist es nach Angaben der japanischen Raumfahrtagentur Jaxa, damit ein wiederverwendbares Raumschiff zu versorgen. Zudem soll ein Transportfahrzeug auf dem Mond angetrieben werden.

Die japanische Raumsonde „Hayabusa2“ setzt derweil nach ihrer kürzlich erfolgreich beendeten „Ryugu“-Mission ihre Reise durchs All fort: diesmal lautet das Ziel „1998KY26“. Dabei handelt es sich um einen weiteren erdnahen Asteroid. Japan hofft, dass sich die Sonde dem Himmelskörper im Juli 2031 nähern und seine Umdrehungen per Kamera beobachten kann. Dieser Asteroid ist lediglich rund 40 Meter groß und rotiert extrem schnell. Ein Objekt mit diesen Eigenschaften wurde laut Experten bisher noch nie von einer Raumsonde besucht. Die Forscher erwarten, dass die vergleichenden Beobachtungen die gewonnenen Erkenntnisse aus der Hayabusa2-Mission vertiefen.

Zudem investiert die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt in die Entwicklung diverser Satelliten, die unter anderem der Erforschung des globalen Klimawandels dienen sollen. Auch im lukrativen Geschäft mit Satellitentransporten will Japan weiter mitmischen.

Vereinigten Arabische Emrirate: Im Wettlauf um die nächsten Erfolgskapitel in der Raumfahrt mischen auch die Vereinigten Arabischen Emirate immer stärker mit. Im Juli hatte der schwerreiche Golfstaat als erste arabische Nation eine 1350 Kilogramm schwere Raumsonde zum Mars losgeschickt. Sie hat die Hälfte ihrer Strecke bereits hinter sich und soll am 9. Februar in eine Mars-Umlaufbahn einschwenken. Die „Hope“-Mission soll helfen, das erste vollständige Bild des Mars-Klimas über ein komplettes Mars-Jahr zu erfassen.

Zudem arbeiten die Emirate an einer Mond-Mission, bei der im Jahr 2024 ein unbemanntes Raumfahrzeug zum Erdtrabanten starten und dort in einer bisher unerforschten Gegend landen soll. In hohem Tempo vorangetrieben wird das Raumfahrtprogramm von Scheich Mohammed bin Raschid Al Maktum, Vizepräsident der Emirate und Emir von Dubai. Das Land hofft auf wissenschaftliche Erkenntnisse, positive Effekte für Wirtschaft und Bildung und Anreize für Investoren aus dem Ausland.

Ziel ist gleichzeitig die Imagepflege, ähnlich wie im Falle des Nachbarn Saudi-Arabien. Die Lage der Frauen- und Menschenrechte ist Kritikern zufolge in beiden Staaten haarsträubend. Die saudische Raumfahrtbehörde wurde per königlichem Dekret im Dezember 2018 geschaffen - kaum drei Monate nach der Tötung des regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi.

Indien: Das indische Weltraumprogramm hat vor allem der nationalistische Premierminister Narendra Modi vorangetrieben. Er will so zeigen, dass sein Land international bedeutender wird. Auch in diesem Jahr ist das Budget erhöht worden. Doch wegen Corona und entsprechenden Beschränkungen gab es größere Rückschläge. Seit Corona gab es erstmals im November Satellitenstarts - und das in einem Land, das dafür bekannt ist, viele Satelliten relativ günstig ins All zu schießen, auch für andere Länder.

Auch das für dieses Jahr geplante Prestigeprojekt „Aditya-L1“, eine Mission zur Sonne, wurde vorerst verschoben. Es soll, wenn möglich und Corona-Restriktionen dies erlaubten, 2021 stattfinden, sagte ein Sprecher der indischen Raumfahrtsbehörde Isro. Auch eine abermalige Mondlandung mit Namen „Chandrayaan-3“ sei 2021 geplant, nachdem ein erster Versuch im vergangenen Jahr missglückt ist. Ein solches Projekt ist bisher erst drei Nationen gelungen - den Vereinigten Staaten, der Sowjetunion und China. Später will das Land auch Astronauten ins All schicken („Gaganyaan“). Indische Astronauten werden zurzeit in Russland dafür trainiert, sagte der Sprecher. Einige Fachleute kritisieren, dass das Schwellenland mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern viel Geld für große Weltraumprojekte ausgibt, während noch viele Menschen in Armut leben.

Quelle: dpa
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