Deutscher Strommix

Erneuerbare auf dem Vormarsch – außer im Winter

Von Niklas Záboji
18.12.2020
, 09:29
Wind und Sonne legen im Corona-Jahr kräftig zu – es bleiben aber einige Einschränkungen, wie ein Blick auf die Stromerzeugung in diesem Dezember zeigt.

Für die erneuerbaren Energien in Deutschland wird es mal wieder ein Rekordjahr. Losgelöst vom politischen Streit über die EEG-Novelle und unzureichende Ausbaupfade für Wind und Sonne bis 2030 sprach Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des deutschen Energieverbands BDEW, am Donnerstag von einem „Siegeszug der Erneuerbaren im Strommix“.

Erstmals habe sich die Windkraft an Land vor die Braunkohle geschoben, sagte Andreae mit Verweis auf vorläufige Berechnungen. 45 Prozent Erneuerbaren-Anteil werden es laut BDEW wohl sein in diesem Jahr, 5 Prozentpunkte mehr als 2019. Vor allem die Kohle verlor an Bedeutung. „Wind-Onshore bleibt der Packesel der Energiewende“, so Andreae.

Gleichwohl leugnete sie nicht, dass Corona zu dieser Verschiebung kräftig beitrug: Während EEG-subventionierte Erneuerbare dank Einspeisevorrang Strom erzeugen können, wann immer der Wind weht und die Sonne scheint, müssen sich die Betreiber fossiler Kraftwerke in erster Linie nach den Gegebenheiten der Stromnachfrage richten – und diese wird laut BDEW 2020 voraussichtlich mehr als 4 Prozent unter dem Vorjahresniveau liegen. Schließlich produzierte die Wirtschaft im Frühjahr nur auf Sparflamme.

„Auf Erdgas kommt eine wichtige Rolle zu“

Mit Blick auf 2030 rechnet indes auch Andreae damit, dass unter anderem Wasserstoff, Elektromobilität und Wärmepumpen einen höheren Elektrizitätsverbrauch bedingen – mehr als jene 580 Terawattstunden im Jahr, mit denen das Wirtschaftsministerium kalkuliert. Eine Zahl nannte die Energielobbyistin zwar nicht. Ähnlich wie die Grünen im Bundestag, die bei Verabschiedung der EEG-Novelle am Donnerstag abermals für einen höheren Erneuerbaren-Ausbau trommelten, rief aber auch Andreae zum Nachschärfen auf. Das bedinge nicht zuletzt das ehrgeizigere EU-Klimaziel.

Auf Jahressicht eindrucksvoll ist die Erzeugung von Wind und Sonne phasenweise allerdings unverändert schwach. Vor allem in den sonnenarmen Wintermonaten decken die Erneuerbaren den Stromverbrauch nur zu einem Bruchteil, wie Daten der Bundesnetzagentur zeigen; in der ersten Dezemberhälfte waren es 28 Prozent.

Auf Wind entfiel 18 Prozent, auf die Photovoltaik ein Prozent. Aus Sicht des BDEW ist im Zuge der Abschaltung der Atom- und Kohlekraftwerke vor allem Gas gefragt. „Auf Erdgas kommt eine wichtige Rolle zu“, sagte Andreae. Es emittiere weniger CO2 als Kohle und sei somit wesentlicher Baustein der Versorgungssicherheit.

Wichtigster Primärenergieträger bleibt Mineralöl

Derweil ist wegen der Corona-Krise auch der Ausstoß von Treibhausgasen wie CO2 in Deutschland deutlich gesunken. Wie die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) am Donnerstag in einer ersten Schätzung mitteilte, dürften die energiebedingten Emissionen in diesem Jahr rund 80 Millionen Tonnen (12 Prozent) unter dem Niveau von 2019 liegen. In der AGEB sitzen Vertreter von Energiewirtschaft und Wissenschaft.

Das vor der Krise für unrealistisch gehaltene Ziel, die Emissionen verglichen mit 1990 um 40 Prozent auf 750 Millionen Tonnen zu mindern, wäre damit übertroffen.

In den übrigen Sektoren wie Verkehr und Wärme ist der Erneuerbaren-Anteil nach wie vor deutlich geringer als im Stromsektor. Wichtigster Primärenergieträger bleibt nach den Zahlen der AGEB Mineralöl mit einem Anteil von 34 Prozent. Es folgt Erdgas mit 27 Prozent. Die Erneuerbaren legten nach der Schätzung binnen Jahresfrist zu von 15 auf 17 Prozent.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Zaboji, Niklas
Niklas Záboji
Redakteur in der Wirtschaft.
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