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Marode Infrastruktur

Südafrika ohne Strom

Von Claudia Bröll, Kapstadt
Aktualisiert am 10.12.2019
 - 15:29
Stromausfall im südafrikanischen Orlando
Nach Stromabschaltungen des gebeutelten Staatskonzerns stoppen Unternehmen den Betrieb. Auch Touristen sind betroffen. Afrikas größte Volkswirtschaft steuert immer schneller auf eine Rezession zu.

In Südafrika spitzt sich die Stromkrise dramatisch zu. Am Montagabend verkündete der staatliche Stromversorger Eskom erstmals Stromabschaltungen der „Stufe 6“. In der führenden afrikanischen Volkswirtschaft gehören Stromabschaltungen, „Loadshedding“ genannt, schon seit einigen Wochen zum Alltagsleben. Doch bisher galt „Stufe 4“ als Ernstfall. Dabei fließt dreimal am Tag jeweils für zweieinhalb Stunden kein Strom. „Stufe 6“ bedeutet eine noch größere Drosselung der Stromzufuhr. Nach Expertenangaben sind in diesem Fall etwa 15 Prozent der Erzeugungskapazitäten nicht verfügbar.

Die Nachricht sorgte vor allem im Bergbau und in anderen energieintensiven Branchen für Aufruhr. Binnen weniger Minuten teilte der Diamantenförderer Petra Diamonds mit, die Förderung in drei Bergwerken „mit sofortiger Wirkung zu stoppen“. Alle Mitarbeiter würden an die Erdoberfläche gebracht, nur ein kleiner Trupp bleibe für essentielle Aufgaben unter Tage. Zuvor hatten auch andere Bergbaukonzerne wie der Platinförderer Impala die Förderung reduziert.

Die Versorgungsengpässe dürften dem ohnehin nur schwachen Wirtschaftswachstum einen weiteren Dämpfer verpassen. Eine Rezession sei unausweichlich, schrieb der Ökonom Iraj Abedian auf Twitter. Der Staatskonzern sei eine „gebrochene Maschine“. Statt ihn weiter zu unterstützen, solle der Energiemarkt geöffnet und liberalisiert werden. Südafrikas Wirtschaft ist im dritten Quartal um 0,6 Prozent geschrumpft, nachdem sie im zweiten Quartal gewachsen war.

Veraltete Kraftwerke

Der Geschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer für das südliche Afrika, Matthias Boddenberg, nannte die Lage „immer schwieriger“. Insbesondere die kleinen und mittleren Unternehmen seien betroffen wegen stillstehender Maschinen und Anlagen. „Es läuft wahrscheinlich auf eine generelle Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage hinaus“, sagte er FAZ.NET.

Die aktuelle Lage weckt Erinnerungen an das Krisenjahr 2008, als Bergwerke wegen Stromengpässen mehrere Tage lang den Betrieb einstellen mussten. Seitdem entstanden zwar zwei riesige neue Kohlekraftwerke namens Medupi und Kusile. Auch wurden in mehreren Ausschreibungsrunden Aufträge an unabhängige Anbieter von Solar- und Windkraft vergeben. Doch viele der bestehenden Kraftwerke stammen aus den sechziger und siebziger Jahren.

In einer tiefen Krise

Die Versäumnisse, die Infrastruktur auszubauen, zu warten und zu erneuern, kommen das Land nun teuer zu stehen. Medienberichten zufolge brannte am Montag die Stromversorgung für ein Kohle-Förderband in dem neuen Medupi-Kraftwerk durch. Eskom selbst erklärte, dass erhebliche Kapazitäten wegen Wartungsarbeiten nicht verfügbar seien. Auch die extremen Regenfälle in den Provinzen Gauteng und Mpumalanga spielten eine Rolle, weil die Kohlevorräte nass werden.

Die Infrastruktur sei so veraltet, dass selbst natürliche Phänomene wie Regen einen Kollaps auslösen könnten, sagte Jens Hauser, Energieexperte der Handelskammer. Eskom ist einer von mehreren Staatsbetrieben in Südafrika, die in einer tiefen Krise stecken. In der vergangenen Woche wurde der Betrieb der insolventen staatlichen Fluggesellschaft South African Airways einem externen Verwalter übergeben, um nach Rettungsmöglichkeiten zu suchen. Der Energieversorger, der fast für die gesamte Stromversorgung zuständig ist, hat Schulden von umgerechnet 27 Milliarden Euro.

„Verheerend für das Land“

Mehrere Mal gewährte Finanzminister Tito Mboweni in diesem Jahr staatliche Finanzhilfen. Nach Jahren von Misswirtschaft und Korruption hat Eskom aber auch operative Schwierigkeiten. Beispielsweise verließen viele Fachleute das einst angesehene Unternehmen. Es dauerte mehrere Monate, bis vor kurzem ein neuer Vorstandschef gefunden werden konnte. Noch am Montagabend kehrte Eskom auf „Stufe 4“ zurück. Doch die häufigen Spannungswechsel durch „Loadshedding“ beschädigen jetzt auch weitere Teile der Infrastruktur.

In Johannesburg und Pretoria beispielsweise fiel in kompletten Stadtteilen der Strom aus, weil Transformatoren-Stationen explodierten. Die Kapstädter Stadtverwaltung warnte, bei einer Loadshedding-Stufe 6 könne die Wasserversorgung leiden, weil die Pumpen nicht mehr richtig arbeiteten. Die Küstenstadt hat gerade eine Jahrhundertdürre hinter sich. Am Montag steckten Touristen dort auf dem Tafelberg fest. Das Ein- und Ausschalten des Stroms habe den Generator für die Bergbahn beschädigt, hieß es. ​

Ein Ende der Stromknappheit ist bisher nicht in Sicht. Im Dezember und Anfang Januar sinkt zwar die Nachfrage, weil viele Unternehmen schließen. Die Monate sind aber die Hauptsaison für den Tourismus. Die Stromabschaltungen seien „verheerend für das Land“, teilte Staatspräsident Cyril Ramaphosa von einem offiziellen Besuch in Ägypten mit. Die technischen Teams von Eskom arbeiteten rund um die Uhr, doch die Herausforderungen könnten nicht „über Nacht“ gelöst werden.

Quelle: FAZ.NET
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Claudia Bröll
Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.
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