Wer zerstört, muss zahlen

Der Königsweg zur Nachhaltigkeit

Von Volker Mosbrugger
26.10.2020
, 14:25
Allein die deutsche Landwirtschaft verursacht 90 Milliarden Euro Umweltschäden im Jahr. Das Foto allerdings zeigt einen Baumwollfarmer in Texas.
Wer Naturkapital zerstört, muss auch für dessen Wiederherstellung verantwortlich sein. Das ist der einzige Weg, um menschliche und wirtschaftliche Dramen zu vermeiden. Ein Gastbeitrag.

„Alle reden von Nachhaltigkeit, aber jeder versteht darunter etwas anderes. Der eine möchte vor allem den Klimawandel stoppen, der andere will den Hunger in der Welt bekämpfen, einem Dritten sind Meere ohne Plastikmüll wichtig“ – so beginnt ein Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 12. Oktober 2020. Warum ist das so, und warum haben wir dennoch in puncto Nachhaltigkeit bisher so wenig erreicht? Diese Frage beschäftigte schon Ernst Friedrich Schumacher (1911 bis 1977), den deutschstämmigen britischen Ökonomen. In seinem Buch „Small is Beautiful – A study of Economics as if People Mattered“, das 1973 und damit 14 Jahre vor der offiziellen Definition von „nachhaltiger Entwicklung“ durch die Brundtland-Kommission erschien, identifiziert Schumacher ein uraltes Fehlverständnis der westlichen Welt als entscheidende Ursache: Die Natur ist kein Einkommen, sondern ein Kapital, das es zu erhalten gilt!

Mit dieser Erkenntnis wird klar: Alle Tätigkeiten, die Naturkapital zerstören, weil sie mehr als deren Rendite nutzen, sind nicht nachhaltig und damit nicht zukunftsfähig. Dass sich in der Vergangenheit so wenige Unternehmen und Politiker für den Erhalt des Naturkapitals einsetzten, lag wiederum daran, dass Natur lange als Gemeingut verstanden wurde, das nahezu unbegrenzt und kostenfrei allen Menschen zur Verfügung steht.

Die Natur wird übernutzt

Heute hat sich die Situation grundlegend geändert. Angesichts der rasch wachsenden Weltbevölkerung (sie hat sich in den letzten 60 Jahren annähernd verdreifacht) ist Naturkapital zum limitierenden Faktor für die weitere Entwicklung von Wohlstand und Wohlbefinden der Menschheit geworden. Klimawandel, der Verlust biologischer Vielfalt, Bodendegradation, die Verschmutzung von Luft und Wasser sind die Folge eines einzigen menschlichen Fehlverhaltens, nämlich der Übernutzung der Natur. Noch immer wird sie zu häufig als Abfallhalde oder als Ressourcenlieferant missbraucht.

Die Globalisierung erlaubt es dabei den reichen Wirtschaftsländern, durch Warenimporte mehr Naturkapital zu verbrauchen, als ihnen in ihrem eigenen Land zur Verfügung steht. Sie zerstören so Naturkapital im Ausland. Nun ist globales Handeln gefragt, aber was genau muss passieren? Der nachfolgend skizzierte „Königsweg zur Nachhaltigkeit“ ist nicht neu, er feiert gerade seinen 100. Geburtstag (Arthur Cecil Pigou 1920: The Economy of Welfare) und verdient besondere Beachtung.

Grundlage für einen Übergang zur Nachhaltigkeit muss der Wille sein, dass wir als Individuen, als Unternehmer, als Staat und als globale Gesellschaft den aktuellen Bestand unseres Naturkapitals erhalten. Danach gilt das Verursacherprinzip: Wer Naturkapital zerstört, ist auch für dessen Wiederherstellung verantwortlich.

Dies erfordert drei Maßnahmen. (1) Wir als Individuen, als Unternehmer, Staatsbürger oder Mitglied der globalen Gesellschaft müssen die externen Effekte unseres wirtschaftlichen Wirkens auf das Naturkapital offenlegen und als externe Kosten monetär bewerten. (2) Diese externen Kosten müssen internalisiert, also auf die Produktpreise umgelegt werden. Schon damit wird ein wichtiger Steuerungseffekt in Richtung Nachhaltigkeit erzielt, denn so erhöhen sich die Preise für die umweltschädlichen Produkte deutlich mehr als für die umweltschonenden. (3) Der Mehrertrag durch Umlage der externen Kosten auf die Produktpreise wird dann zur Wiederherstellung des geschädigten Naturkapitals verwendet – das Ziel der Nachhaltigkeit ist damit erreicht.

Konsumenten sollen die Wiederherstellungskosten zahlen

Doch wie monetarisiert man die externen Effekte unseres Wirkens auf das Naturkapital? Idealiter werden hier die Wiederherstellungskosten herangezogen: Die Kosten des Ausstoßes einer Tonne Kohlendioxid müssen die Aufwendungen für die Extraktion einer Tonne Kohlendioxid aus der Atmosphäre decken, in ähnlicher Weise werden die Gebühren für die Entsorgung beziehungsweise Aufbereitung des Abwassers festgelegt. Natürlich wird man hier nicht alle negativen Auswirkungen von Unternehmen und Privathaushalten auf das Naturkapital detailliert erfassen können, doch sollten auf jeden Fall die stärksten Auswirkungen auf die Atmosphäre, Biosphäre, Hydrosphäre und Geosphäre berücksichtigt werden. Die grundlegenden Ansätze und Verfahren dafür liegen jedenfalls vor.

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So bleibt die Frage, wer sich um die Wiederherstellung des Naturkapitals mit Hilfe der internalisierten Kosten kümmert. Dies könnten staatliche Einrichtungen sein, die die internalisierten externen Kosten als Steuern oder Abgaben erheben. Andererseits könnten sich um diese Aufgaben auch private Unternehmen kümmern und so ein neues Marktsegment entwickeln.

Ein konkretes Beispiel mag diesen Königsweg zu Nachhaltigkeit illustrieren. Nach einer Studie der Strategieberatung Boston Consulting vom vergangenen Jahr beträgt die jährliche Bruttowertschöpfung der deutschen Landwirtschaft etwa 21 Milliarden Euro, ihre externalisierten Umweltschäden belaufen sich dagegen auf 90 Milliarden Euro pro Jahr. Um Nachhaltigkeit zu erreichen, müssten diese 90 Milliarden Euro internalisiert und damit auf die landwirtschaftlichen Produkte aufgeschlagen werden. Im Schnitt würde dann Rindfleisch um den Faktor 5 bis 6 teurer, Äpfel lediglich um den Faktor 1,1, Kartoffeln um den Faktor 2. Ferner müssten aber auch die 90 Milliarden Euro zusätzlicher Einnahmen für die Neutralisierung der entstandenen Umweltschäden eingesetzt werden.

Wir brauchen eine ökosoziale Marktwirtschaft!

Dieses Verfahren hat viele Vorteile. Zunächst einmal ist es nachvollziehbar gerecht, da es auf dem Verursacherprinzip basiert. Ferner sollte sich allein die Offenlegung der von Unternehmen zu verantwortenden Umweltschäden positiv auswirken. Zugleich wird jedes Unternehmen bemüht sein, seine Umweltschäden zu minimieren, um so auch die Produktpreise möglichst niedrig zu halten. Tatsächlich dürfte auf diese Weise eine große Innovationskraft in den Unternehmen entstehen, um Umweltschäden zu vermeiden. Umgekehrt werden dadurch die vielfältigen negativen Folgen einer wachsenden staatlichen Überregulierung vermieden, die Zielkonflikte ignoriert und keine Systemlösungen erlaubt. Nicht zuletzt lässt sich so auch der Export von Umweltsünden in den globalen Süden in den Griff bekommen, denn die Umweltschäden müssen dort ausgeglichen werden, wo sie entstehen.

Der Charme dieses Weges zur Nachhaltigkeit liegt darin, dass er innerhalb des marktwirtschaftlichen Systems funktioniert und keine staatliche Mikroregulierung für jedes mögliche Umweltproblem notwendig macht. Gefordert ist lediglich der Übergang von einer sozialen Marktwirtschaft zu einer ökosozialen. Denn ein nachhaltiges Wirtschaftssystem hat zumindest drei Dimensionen: People (Soziales), Prosperity (Wohlstand) und Planet (Umwelt). Entsprechend ist es nur billig zu fordern, dass alle Unternehmen in ihren Jahresabschlüssen ihre Wirkung auf alle drei Nachhaltigkeitsdimensionen monetär abbilden.

Der Weg in diese Richtung einer umfassenden Kreislaufwirtschaft ist vorgezeichnet und wir gehen ihn, wenn auch zaghaft, schon in einigen Bereichen, so beim Management von Kohlendioxid, Wasser und Müll. Die konsequente Umsetzung unter Einbeziehung der Atmosphäre, Biosphäre, Hydrosphäre und Geosphäre wird gleichwohl nicht einfach sein, erscheint jedoch als einziger zukunftsfähiger Weg, wenn wir menschliche und wirtschaftliche Dramen eines viel größeren Ausmaßes vermeiden wollen.

Prof. Dr. Volker Mosbrugger ist Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt.

Quelle: F.A.Z.
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