Atomkraft in Frankreich

„Es ist eine Technologiewette, die Macron eingeht“

Von Niklas Záboji, Paris
12.10.2021
, 18:15
Kernenergie in Frankreich: Kraftwerk Flamanville 3 von EDF
Frankreich bekennt sich zur Kernenergie – und setzt auf kleine, neuartige Reaktoren. Welche Rolle diese im Energiemarkt der Zukunft spielen, ist offen. Doch sie könnten zu einer Neubewertung der Atomkraft führen.
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Zehn Ziele hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron formuliert, um sein Land zukunftsfest zu machen. Zu den wenig überraschenden Punkten zählen die Dekarbonisierung der Industrie, die angestrebte Führungsrolle bei „grünem“ Wasserstoff und das Ankurbeln der Elek­tromobilität.

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Auch die Förderung des klimaschonenden Fliegens, der Raumfahrt und des Meeresbodens bergen wenig Sprengstoff. Selbiges gilt für die Ziele, Investitionen in die „gesunde, nachhaltige und rückverfolgbare“ Lebensmittel zu fördern, Frankreich „wieder an die Spitze der Produktion von kulturellen und kreativen Inhalten“ zu führen und bis Ende des Jahrzehnts 20 Bioarzneimittel gegen Krebs und chronische Krankheiten herzustellen.

Das klare Bekenntnis zur Kernenergie dagegen lässt aufhorchen. Umso mehr, als Macron den Fokus explizit auf Mini-Kraftwerke legte, sogenannte Small Modular Reactors (SMR). Macron hält sie für zukunftsträchtig und sprach von der „Neuerfindung“ der Kernenergie. Die eine Milliarde Euro an staatlicher Förderung sei gut investiertes Geld. Denn gute Ideen dürften nicht an der Finanzierung scheitern.

Bislang allerdings gibt es SMR praktisch nur auf dem Papier. Gemeint sind Anlagen von bis zu 300 Megawatt Leistung. Herkömmliche Kernkraftwerke sind deutlich größer, der im Bau befindliche Druckwasserreaktor Flamanville in der Normandie etwa hat eine Leistung von rund 1600 Megawatt. Ein SMR-Projekt hört auf den Namen Nuward, dahinter stehen unter anderen die französischen Unternehmen EDF und Naval.

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Neubewertung der Kernenergie

Welche Rolle SMR im Energiemarkt der Zukunft spielen, ist offen. William Magwood, Generaldirektor der globalen Kernenergie-Behörde NEA, nannte sie jüngst im Gespräch mit der F.A.Z. „mögliche Gamechanger“. Denn sie wiesen Charakteristika auf, die die großen kommerziellen Reaktoren nicht hätten, voran die Sicherheit. Der in Amerika entwickelte Nuscale-Reaktortyp etwa bestehe aus mehreren kleinen Reaktorkernen, die jeweils von enorm viel Wasser umschlossen seien. „So kann es niemals zu einer Kernschmelze kommen“, sagt Magwood. Auch Pläne für gasgekühlte- und Flüssigsalzreaktoren seien vielversprechend.

Die Fachleute im Weltklimarat beschieden SMR ebenfalls „das Potential für eine verbesserte Sicherheit“. Doch nicht alles, was technisch möglich ist, rechnet sich auch. Darauf verweist An­dreas Löschel, der als Energieökonom den letzten Sachstandsbericht des Weltklimarats mitverfasst hat. „Es ist eine große Hypothek der Atomkraft, dass bei Projekten in den vergangenen Jahren die Zeitpläne und Budgets deutlich gerissen wurden“, sagt er. Investoren hätten derzeit wenig Vertrauen in die Technologie, zumal Sicherheitsstandards immer wieder angepasst werden müssen.

Rund 10 Prozent des globalen Strommix entfällt derzeit auf die Kernenergie. Die meisten Reaktoren stehen in den USA, gefolgt von Frankreich und China, das wiederum die meisten neuen Anlagen baut. Galt die Kernenergie bis vor wenigen Jahren als Auslauftechnologie, erfährt sie als weitgehend CO2-freie Energiequelle im Zuge des Klimaschutzes vielerorts eine Neubewertung. Doch die Investitionen in neue Kraftwerke der herkömmlichen Bauweise wie in Flamanville wären ohne staatliche Subventionen nicht vorstellbar.

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„Markteinführung eher in den 2030er-Jahren“

Zur Förderung von SMR in größerem Maßstab bräuchte es somit wohl mehr als eine Milliarde Euro, betont Energieökonom Löschel. „SMR können durchaus eine Rolle in der Energiewelt von morgen spielen“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. „Aber es ist viel Hoffnung und Erwartung dabei, während man bei Erneuerbaren recht genau weiß, woran man ist – und die vor zehn Jahren noch sehr hohen Kosten kräftig nach unten gebracht hat.“

Zumal eine schnelle Marktreife der neuen Reaktoren als unwahrscheinlich gilt. Dass, wie von Macron in Aussicht gestellt, schon im Jahr 2030 SMR Strom produzieren, wäre überraschend. „In den 2020er-Jahren wird die Entwicklung von Prototypen im Vordergrund stehen und wird man sehen, welche Technologie hält, was sie verspricht“, sagt Ökonom Löschel. „Es gibt einen recht großen Konsens in der Fachwelt, dass die Markteinführung von SMR eher in den 2030er-Jahren zu erwarten ist.“

SMR werden sich beweisen müssen in einer Erneuerbaren-Welt, denn der Stromsektor soll bis Mitte der 2030er-Jahre ja eigentlich schon erneuerbar sein inklusive Speicher und Lastmanagement, so Löschel. Es dürfte schwer werden, die hohen Investitionen zu rechtfertigen. Löschel: „Es ist eine Technologiewette gegen eine recht eta­blierte Technologie bei Erneuerbaren und Speichern, die man mit SMR eingeht.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Zaboji, Niklas
Niklas Záboji
Wirtschaftskorrespondent in Paris
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