Energieversorgung

Deshalb gibt es (k)eine Renaissance der Atomkraft

Von Christian Geinitz und Niklas Záboji
11.03.2021
, 09:04
Philippsburg, Baden-Württemberg: Kühltürme des stillgelegten Atomkraftwerks fallen nach der Sprengung zusammen.
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Der deutsche Atomausstieg ist praktisch unumkehrbar. Befürworter sind rar geworden. In vielen Ländern auf der Welt ist das Bild ein anderes.
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Europas erstes Mini-Atomkraftwerk soll in Estland stehen. Die Pläne sind erst wenige Wochen alt und haben die Fachwelt aufhorchen lassen. Geplant ist ein „Small Modular Reactor“ (SMR) mit deutlich geringerer Leistung als gewöhnliche Reaktoren. Er soll in 10 bis 15 Jahren ans Netz gehen.

Die estnische Regierung steht hinter dem Vorhaben, geht es doch auch darum, in Zukunft unabhängig zu sein von russischem Öl und Gas – und sich nicht vollständig auf die schwankende Verfügbarkeit von Wind und Sonne zu verlassen. Die passende Studie für die Lagerung des Atommülls hat die Projektgesellschaft Fermi Energia schon anfertigen lassen.

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Auch in anderen Ländern reifen die Pläne für modulare Mini-Reaktoren. Die Internationale Atomenergie-Agentur berichtet von einem wachsenden Interesse und zählt 50 Projekte. SMR könnten die Atomkraft revolutionieren, glauben ihre Befürworter.

Die Idee sei zwar alles andere als neu, hieß es im letzten Sachstandsbericht des Weltklimarats, doch böten jüngste Projekte dank der geringeren Leistungsdichte, Wärmeleistung und Wärmeabfuhr der Mini-Reaktoren „das Potential für eine verbesserte Sicherheit“. Zudem ermögliche die modulare Bauweise Einsparungen bei der Fertigung und spätere Erweiterungen. Maximal 0,3 Gigawatt Leistung haben SMR qua Definition. Zum Vergleich: Klassische Kraftwerke wie Leichtwasserreaktoren kommen auf 1 Gigawatt und mehr.

Praktisch CO2-frei und rund um die Uhr verfügbar

Blickt man auf die Weltkarte, haben aber selbst diese nicht ausgedient. Galt die Kernenergie in den neunziger und nuller Jahren als Auslaufmodell, ist seit einigen Jahren ein wachsendes politisches Interesse zu verzeichnen. Schon ist von einer „Atomrenaissance“ die Rede. Das liegt vor allem an dem verstärkten Bemühen um schnellen Klimaschutz. „Die wachsende Nachfrage nach Strom, Energiediversifikation und Klimaschutz motiviert den Bau neuer Kernreaktoren“, schreibt der Weltklimarat.

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Zwar gebe es nach wie vor Risiken im Betrieb, beim Uranabbau und in der Endlagerung sowie Bedenken in der Bevölkerung und hinsichtlich der Verbreitung von Kernwaffen. Doch seien neue Brennstoffkreisläufe und Reaktortechnologien, die einige dieser Probleme angehen, in der Entwicklung und Fortschritte in Bezug auf Sicherheit und Abfallentsorgung erzielt worden.

Bild: F.A.Z.

Da praktisch CO2-frei und rund um die Uhr verfügbar, betrachten viele Länder Atomkraftwerke als teure, aber wichtige Ergänzung zum Ausbau der Erneuerbaren – vorneweg die Vereinigten Staaten, wo nach Zahlen der Atomenergie-Agentur mit Abstand die meisten Kraftwerke stehen. Mit insgesamt 97 Gigawatt Leistung könnten sie Deutschland theoretisch rund um die Uhr mit Strom versorgen.

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Werden alle laufenden Vorhaben wie geplant umgesetzt, wird sich die installierte Leistung aller Atomkraftwerke auf der Welt bis zum Jahr 2030 um mehr als 10 Prozent erhöhen. Vor allem China verzeichnet eine rege Bauaktivität. Aber auch in Europa wird gebaut. Trotz Verzögerungen und Kostensteigerungen halten die Briten an der Erweiterung von Hinkley Point fest. In Frankreich schreitet der Bau des Druckwasserreaktors in Flamanville voran, auch wenn es seit Jahren Streit darum gibt. Die Kernkraft wird dort bis auf weiteres als unverzichtbar eingestuft. Mit 40 Prozent ist sie im französischen Energiemix eine wichtigere Quelle als Öl.

Bild: F.A.Z.

In der Türkei wurde am Mittwoch der Grundstein für den Bau des dritten von vier geplante Blöcken des Atomkraftwerks Akkuyu im Südosten des Landes gelegt. Der erste Reaktor der von Russland gelieferten Anlage soll im Jahr 2023 in Betrieb gehen. Die Zeremonie wurde von den Präsidenten Russlands, Wladimir Putin, und der Türkei, Recep Tayyip Erdogan, per Video begleitet.

Magere Bilanz des deutschen Atomausstiegs

In Deutschland ist das Bild ein völlig anderes. Seit dem Unfall von Fukushima vor zehn Jahren und der Rücknahme der Laufzeitverlängerung haben die deutschen Energieversorger elf Kernkraftwerke abgeschaltet. Bis Ende nächsten Jahres werden die restlichen sechs vom Netz genommen. Somit hat sich seit dem Jahr 2011 der Anteil des Atomenergie am Strommix auf 11 Prozent halbiert.

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Gestiegen ist im Gegenzug der Anteil der Erneuerbaren von 17 auf 45 Prozent. Da diese in Deutschland aber nicht rund um die Uhr zur Verfügung stehen, ist Erdgas im deutschen Strommix ebenfalls wichtiger geworden. Auch Kohleverstromer haben profitiert. Selbst die Agora Energiewende als zutiefst ökostromfreundliche Einrichtung gesteht zu: „Wären die Atomkraftwerke 2011 am Netz geblieben und gleichzeitig die erneuerbaren Energien weiter ausgebaut worden, wären die Kohleverstromung und damit die CO2-Emissionen früher gesunken.“

Bild: F.A.Z.

Aus Sicht deutscher Verbraucher ist die Bilanz ebenfalls mager. Die Preise für Beschaffung, Marge und Vertrieb von Strom sind seit dem Jahr 2011 zwar gesunken. Doch Netzentgelte, Steuern und Abgaben haben die Endkundenpreise enorm in die Höhe getrieben – vor allem die Umlage gemäß dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) zur Finanzierung des Ökostroms. Sie ist in den vergangenen zehn Jahren nominal um 86 Prozent nach oben geschnellt. Für Haushaltskunden beträgt das Plus im Strompreis seit dem Jahr 2011 nominal 21 Prozent. Indirekt kann auch das als eine Folge des Atomausstiegs gelten.

Künftig Atom- und Kohleausstieg zu kompensieren wird nur mit einem massiven Ausbau der Erneuerbaren gelingen. Doch gibt es dagegen große Widerstände. Neue Windkraftanlagen an Land scheitern an Protesten von Anwohnern und Umweltschützern. Ähnliches gilt für den Bau der Stromtrassen. Zugleich stecken Speicherverfahren noch in den Kinderschuhen.

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Gundremmingen
Schwieriger Abschied von der Atomkraft
Video: AFP, Bild: AFP

Doch eine Renaissance der Kernkraft erscheint in Deutschland politisch nicht durchsetzbar. Die Vorbehalte in der Bevölkerung gelten als unüberwindbar. Als die konservative Werteunion in der CDU vor zwei Jahren noch einmal eine Laufzeitverlängerung forderte, ließ die Kritik aus den eigenen Reihen nicht lange auf sich warten.

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Mit Vorsicht zu genießen

„Die Nutzung der Kernenergie für die Stromproduktion hat sich in Deutschland erledigt“, teilte auch der Versorger ENBW mit. Eon und RWE folgten mit fast wortgleichen Klarstellungen. In der neuen Bundesregierung ist keine Konstellation mit einer kernkraftfreundlichen Partei vorstellbar; in Berlin hat allenfalls die AfD noch Sympathien für diese Art der Energieerzeugung. In der FDP gibt es derzeit nur auf Landesebene Initiativen, etwa in Sachsen.

Auch in der Wissenschaft sind Befürworter rar geworden. „Für die Erreichung des Ziels der CO2-Neutralität bis spätestens 2050 braucht es die Kernenergie in Deutschland nicht“, zeigt sich der Ökonom Andreas Löschel, der der Energiewende-Monitoringkommission der Bundesregierung vorsitzt, heute überzeugt.

„Mit weiter verbesserter Energieeffizienz, dem verstärkten Ausbau erneuerbarer Energien, Sektorkopplung und der Nutzung von Wasserstoff und synthetischen Energieträgern besteht eine ambitionierte, aber doch robuste Perspektive zur Erreichung der Energiewendeziele in Deutschland“, so Löschel.

Global könnte das durchaus anders sein. Allerdings seien die Erfahrungen aus Frankreich und Finnland eher ernüchternd, meint Löschel, sowohl mit Blick auf Bauzeiten als auch auf die Kosten. Und die Erwartungen an kleine modulare Reaktoren, die sowieso frühestens im nächsten Jahrzehnt zur Verfügung stehen werden, seien mit Vorsicht zu genießen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Geinitz, Christian
Christian Geinitz
Wirtschaftskorrespondent in Berlin
Autorenporträt / Zaboji, Niklas
Niklas Záboji
Wirtschaftskorrespondent in Paris
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