Frankreichs Atomkonzern EDF

Zehn von 56 Reaktoren stehen still

Von Niklas Záboji, Paris
17.01.2022
, 16:29
EDF-Reaktor in Dampierre-en-Burly
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Für EDF folgt derzeit ein Tiefschlag dem nächsten. Die technischen Probleme an den Atomkraftwerken ziehen immer größere Kreise – und auch eine vollständige Verstaatlichung steht wieder zur Debatte.
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Die Freude darüber, dass die EU-Kommission die Kernkraft als nachhaltige Energiequelle einstufen will, währte für Frankreichs Atomindustrie nur kurz. Denn Frankreichs überwiegend staatlicher Energiekonzern EDF hat zuletzt schon eine Reihe unliebsamer Nachrichten hinnehmen müssen und wird nun nach neuester Prognose in diesem Jahr auch noch so wenig Strom produzieren wie seit 30 Jahren nicht mehr. Der Aktienkurs befindet sich seit Wochen im freien Fall. Mehr als 30 Prozent hat der Anteilsschein seit Anfang Dezember an Wert verloren, der Börsenwert sank in diesem Zeitraum um mehr als 10 Milliarden Euro. Auch am Montag startete die Aktie mit einem Minus von knapp 3 Prozent in den Handel.

Neuester Tiefschlag ist die Ankündigung der französischen Regierung, EDF verstärkt zur Stabilisierung der Verbraucherstrompreise einzuspannen. Ihr Anstieg soll im Wahljahr auf 4 Prozent gedeckelt werden. Die angekündigte Senkung der Stromsteuer reicht dafür nicht mehr aus, weil die Energiepreise unverändert stark steigen. Deswegen soll EDF nun 120 statt der geplanten 100 Terawattstunden Elektrizität an Wettbewerber wie Engie und Eni abgeben – zu einem staatlich regulierten Preis, der deutlich unter dem aktuellen Marktpreis liegt. Die Ankündigung kam zu einem Zeitpunkt, zu dem EDF seine Produktionsprognose um 10 Prozent auf 300 bis 330 Terawattstunden senken musste.

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Flamanville als gefundenes Fressen

Die Regierung schätzt die Kosten dieser Stabilisierungsmaßnahme auf 8 Milliarden Euro. Ob sie dem Konzern, der schon in der Vergangenheit schlecht gewirtschaftet hat und Nettoverbindlichkeiten von 45 Milliarden Euro aufweist, dabei zur Seite springt, ist noch unklar. Bislang deutete die Regierung eine Unterstützung nur an. Die Ratingagentur Fitch senkte ihr Rating für das Kreditausfallrisiko für die langfristigen Verbindlichkeiten von EDF am Montag von A- auf BBB+. Die Analysten von JP Morgan halten eine Kapitalerhöhung für wahrscheinlich. Der französische Staat hält 84 Prozent der Anteile, er würde also am stärksten zur Kasse gebeten.

Blick auf Flamanville
Blick auf Flamanville Bild: AFP

Schon steht eine vollständige Verstaatlichung von EDF wieder zur Debatte, wie es sie bis zur Teilprivatisierung im Jahr 2004 gab. Sie forderte am Wochenende Yannick Jadot, Kandidat der Grünen für die Präsidentenwahl im April und bislang abgeschlagen in den Umfragen. Strom ist für Jadot Allgemeingut, und aus seiner Sicht käme es den Staat günstiger, für 5 bis 6 Milliarden Euro die verbleibenden EDF-Anteile zu erwerben, als private Aktionäre mit „astronomischem Schadenersatz“ zu kompensieren, wenn Kraftwerke vom Netz gehen.

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Auch die abermaligen Probleme auf der Baustelle des neuen Druckwasserreaktors in Flamanville in der Normandie sind für die grüne Opposition ein gefundenes Fressen. Hinter dem Bau steht Framatome, seit der Zerschlagung des früheren Areva-Konzerns der EDF zugehörig. Der Atomreaktor soll nun 12,7 statt 12,4 Milliarden Euro kosten. Ursprünglich wurden 3,3 Milliarden Euro veranschlagt. Zudem verschob EDF die Fertigstellung von Ende dieses Jahres auf das Frühjahr 2023 – dabei sollte Flamanville 3 einst im Jahr 2012 stehen.

Mangelhafte Schweißnähte

Zwar geht immerhin in Finnland in diesen Tagen ein von EDF gebauter Druckwasserreaktor neuen Typs in Betrieb, der erste auf europäischem Boden. Doch auch dort kam es zu erheblichen Verzögerungen und Kostensteigerungen. Hinzu kommt, dass einer der beiden einzigen bislang am Netz befindlichen Reaktoren dieses Typs abgeschaltet bleibt: In Taishan in China war es im vergangenen Sommer zu Schwierigkeiten mit den Brennelementen gekommen. EDF, das die Reaktoren in Taishan zusammen mit chinesischen Partnern errichtet hat, verweist auf einen mechanischen Verschleiß bestimmter Komponenten und betont, dass dies das Reaktormodell nicht grundsätzlich infrage stellt.

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Noch schwerer wiegen für EDF die technischen Probleme in den bestehenden heimischen Kraftwerken. Sie ziehen immer größere Kreise. Zehn der 56 allesamt von EDF betriebenen Reaktoren in Frankreich stehen derzeit still. Nur zum Teil ist das routinemäßigen Wartungsarbeiten geschuldet. So gab EDF im Dezember bekannt, an einem der beiden Reaktoren in Civaux im Westen des Landes mangelhafte Schweißnähte entdeckt zu haben. Sie befinden sich an Rohrleitungen, die das Sicherheitsinjektionssystem mit dem Primärkreislauf verbinden, also an einer sicherheitsrelevanten Stelle. Zutage traten sie im Rahmen einer zehnjährigen Inspektion.

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Wie sich herausgestellt hat, handelt es sich um Korrosion. Die französische Atomaufsicht ist mit der Sache befasst. Zumal mittlerweile klar ist, dass nicht nur der eine Reaktor davon betroffen ist, sondern fast die komplette Baureihe. Das Problem betrifft damit den zweiten Reaktor in Civaux sowie einen der beiden Reaktoren in Chooz in den Ardennen, allesamt vom Typ N4 und seit knapp 20 Jahren in Betrieb. Die Annahme von Dezember, die Probleme in wenigen Wochen beheben und die Reaktoren wieder ans Netz bringen zu können, erwies sich als zu optimistisch.

Macron will „Neubelebung“ der Atomkraft

Seit vergangener Woche steht fest, dass zwei der betroffenen Reaktoren erst Ende Dezember dieses Jahres wieder Strom produzieren können. Beim zweiten Reaktor in Civaux wurde die Wiederinbetriebnahme vom Frühjahr auf Sommer verschoben. Ob der zweite Reaktor in Chooz ebenfalls von Korrosion betroffen ist, ist derzeit noch unklar. Doch auch er wurde vorsorglich abgeschaltet. Zudem dauert seine Prüfung nicht mehr nur bis Ende Januar, sondern nach neuestem Stand bis Ende Juli.

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Damit aber nicht genug. Ende voriger Woche gab EDF bekannt, an einem der beiden Reaktoren in Penly in der Normandie ebenfalls Probleme am Sicherheitsinjektionssystem festgestellt zu haben. Statt bis Ende März bleibt er nun bis Ende Mai abgeschaltet. Für EDF wiegt das insofern schwer, als in Penly ein anderer, älterer Reaktor vom Typ P’4 steht. Schon schießen Spekulationen ins Kraut, dass auch die elf weiteren französischen Reaktoren dieses Typs überprüft werden müssen.

Konsequenzen für die von Präsident Emmanuel Macron im Herbst angekündigte „Neubelebung“ der Atomkraft haben die Kraftwerksausfälle bislang nicht. Dem Vernehmen nach will Macron neben neuartigen Minireaktoren mehrere Druckwasserreaktoren bauen lassen. Laut französischem Umweltministerium könnten die ersten Anlagen in den Jahren 2035 und 2037 ans Netz gehen.

Wohl belasten die Ausfälle neben der EDF-Bilanz jedoch die ohnehin angespannte französische Stromversorgung in diesem Winter. Schon im November rief der Netzbetreiber RTE zu einer „erhöhten Wachsamkeit“ für die Monate Januar und Februar auf, da die Pandemie Wartungszeitpläne durcheinandergeworfen habe und weniger Reaktoren als gewöhnlich Strom produzierten. Vorsorglich will die Regierung deshalb Emissionsvorschriften für die letzten beiden Kohlekraftwerke im Land lockern, damit diese im Notfall einspringen können.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Zaboji, Niklas
Niklas Záboji
Wirtschaftskorrespondent in Paris
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