Preisrekorde für Strom und Gas

So kommen Unternehmen aus der Strompreisfalle

Von Mark Fehr
04.11.2021
, 13:57
Strommasten vor Frankfurts Skyline
Energieversorger bieten ihren Firmenkunden spezielle Verträge, um das Risiko von Höchstpreisen zu vermeiden. Das ist jetzt so nötig wie nie – und funktioniert ähnlich wie ein Sparplan.
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Der jüngste Anstieg der Preise für Strom und Gas bringt viele kleinere und mittlere Unternehmen in eine prekäre Lage. Bäcker, Metzger, Gastwirte, Friseure oder Fitnessstudios schließen Verträge für ein Jahr bisher typischerweise im September oder Oktober des Vorjahres ab. Wer das in diesem Jahr auch so machen wollte, sah sich mit rekordhohen Energiepreisen konfrontiert, die den spontanen Einkauf größerer Energiemengen betriebswirtschaftlich unmöglich machten.

So markierte der Strompreis am tagesaktuellen Spotmarkt am 7. Oktober ein Allzeithoch von 443 Euro je Megawattstunde, was natürlich eine Momentaufnahme war. Doch die langfristigeren Preise für das jeweils folgende Jahr haben sich seit Januar ebenfalls verteuert, von etwa 50 auf 125 Euro. Auch der Jahrespreis für Gas stiegt für den von Fachleuten als Frontjahr bezeichneten Zeitraum von 17 auf bis zu 100 Euro. Der gestiegene CO2-Preis verschärft die Lage zusätzlich.

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Zwar sinkt die EEG-Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien im kommenden Jahr, doch wird das nach Ansicht von Ludwig Veltmann vom Verband Der Mittelstandsverbund (ZGV) nicht reichen, um die stark gestiegenen Energiepreise und den höheren CO2-Preis auszugleichen. „Die Politik sollte daher die Stromsteuer und die Mehrwertsteuer auf den Strompreis vorübergehend senken oder streichen“, fordert Veltmann. Für Bäcker, Möbelhäuser, Gartencenter oder Supermärkte machen die Stromkosten laut dem Hauptgeschäftsführer des ZGV einen großen Teil der Umsätze aus, doch werden solche Betriebe, anders als besonders energieintensive Unternehmen, nicht von der EEG-Umlage befreit.

So komplex ist der Strompreis

Steuerentlastungen mögen eine vor­übergehende Hilfe sein. Langfristig kommen Unternehmen aber wohl nicht umhin, ihren Strom- und Gaseinkauf zu verändern. Angesichts des historisch steilen Anstiegs der Energiepreise und der starken Schwankungen müssen Unternehmen für die Beschaffung von Strom und Gas andere Methoden anwenden als den spontanen Kauf großer Mengen. Energieversorger bieten verschiedene Arten von Verträgen an, die das Risiko verringern, den Bedarf ausgerechnet zu Höchstpreisen decken zu müssen.

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Welche Möglichkeiten es dafür gibt, erläutert Mario Beck, Geschäftsführer des Stromhandelsunternehmens Süwag Vertrieb, ein Tochterunternehmen des Energieversorgers Süwag, der wiederum dem Energiekonzern Eon/Innogy und verschiedenen Stadtwerken gehört. „Der Strompreis an der Energiebörse EEX ist so hoch wie nie, nicht mal nach Extremereignissen wie Fukushima oder der Finanzkrise war er so hoch“, sagt Beck. Das ist eine böse Überraschung besonders für solche Unternehmen, die im Vorjahr aufgrund der Corona-Krise noch Stromverträge zu besonders niedrigen Preisen abschließen konnten. Hauptgrund für die aktuellen Strompreisrekorde sind die stark gestiegenen Preise für Energierohstoffe wie Kohle und Gas. Hinzu kommt, dass der CO2-Preis angehoben wurde.

Ein kleiner Trost: Immerhin führen die hohen Strompreise dazu, dass die EEG-Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien im kommenden Jahr von 6,5 auf 3,7 Cent je Kilowattstunde deutlich sinkt. Zudem machen die Energiepreise nur etwa 25 Prozent des gesamten Strompreises aus. Der Rest besteht zu 50 Prozent aus Steuern, Abgaben und Umlagen sowie zu 25 Prozent aus Netzentgelten.

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Angesichts des stark schwankenden Strompreises ist es hochriskant, den Bedarf für ein ganzes Jahr auf einmal einzukaufen. Wer das tut, kann das Pech haben, Höchstpreise zahlen zu müssen. Mehr Sinn macht es laut Süwag-Manager Beck daher, sich jeden Tag einen kleinen Teil des Bedarfs für das kommende Jahr zu sichern. „Das funktioniert ähnlich wie ein Wertpapiersparplan auf eine Aktie oder einen Indexfonds (ETF) an der Börse“, erklärt er. Wer regelmäßig in kleinen Schritten investiert, wird ein Wertpapier am Kapitalmarkt zu einem Preis erwerben, der sehr nah am durchschnittlichen Kurs über einen längeren Zeitraum liegt. Dieses Prinzip funktioniert auch beim Einkauf von Strom. Dadurch wird das Risiko vermieden, zum teuren Höchstpreis einzukaufen.

Glück hatte übrigens, wer sich den Bedarf des kommenden Jahres schon 2020 gesichert hat, als der Einkaufspreis noch auf dem Corona-Tief lag. Das haben allerdings nur wenige Unternehmen getan, da kaum jemand den starken Anstieg erwartet hat und manch einer vielleicht sogar auf weiter sinkende Preise spekulieren wollte. Genau wie an der Börse ist jedoch nur im Rückblick klar, wann der optimale Zeitpunkt für den Kauf gewesen wäre.

Solche Überlegungen zeigen: Die Beschaffung von Strom ähnelt gerade in Zeiten stark schwankender Preise in vielerlei Hinsicht der Geldanlage. Unternehmen brauchen also eine Strategie. Die unterscheidet sich je nach Größe oder Stromverbrauch. Die Süwag Vertrieb bietet ihren Geschäftskunden daher zum Beispiel die handelstägliche Beschaffung von Strom in kleinen Mengen an. In diesem Modell kaufen Firmen Tag für Tag ihren Strombedarf für einen einzelnen Tag in einem der folgenden Jahre. Wenn sie das über einen längeren Zeitraum tun, haben sie den Bedarf für ein ganzes Jahr zu einem Preis nahe dem Durchschnittspreis gedeckt. Diese Methode eignet sich vor allem für Unternehmen, die wenig eigene Expertise für den Stromeinkauf haben und ihren Bedarf risikoarm sichern wollen.


              Die schwankenden Kurse im Blick:  Mitarbeiter in einem Handelsraum der Energiebörse EEX
Die schwankenden Kurse im Blick: Mitarbeiter in einem Handelsraum der Energiebörse EEX Bild: Matthias Lüdecke

In einem weiteren Modell können größere Stromkunden der Süwag einen Preiskorridor nennen, zu dem sich der Stromkauf aus Sicht des Kunden lohnt. Der Stromhändler beobachtet dann den Markt und kauft für den Kunden ein, sobald der Preis in dem gewünschten Korridor liegt. Süwag-Kunden mit sehr hohem Energiebedarf lassen sich über die Preisentwicklung informieren. Wenn die Preise fallen, versucht der Anbieter festzustellen, wie lange der Trend noch anhält. Er kann dem Kunden dann ein Signal geben, wenn das Tief erreicht zu sein scheint. Auf diese Weise wird versucht, zu einem möglichst niedrigen Preis zu kaufen.

Neben dem strategischen Einkauf können Unternehmen natürlich auch andere Maßnahmen gegen die hohen Energiepreise ergreifen, indem sie ihren Bedarf senken. Der Mittelstandsverbund ZGV etwa hilft Betrieben mit dem Projekt „Klimaverbund“, das von der Nationalen Klimaschutzinitiative (NKI) des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit gefördert wird. Hierbei wurden 15 junge Leute geschult, um Unternehmen vor Ort Tipps zu geben, wie sich der Stromverbrauch reduzieren lässt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Fehr, Mark
Mark Fehr
Redakteur in der Wirtschaft.
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