Nachhaltigkeit in Musikwelt

Music for Future

Von Benjamin Fischer
05.11.2021
, 12:27
Große Bühne, großer Aufwand: Touren wie solche von Coldplay sind eine enorme logistische Herausforderung.
Viele Popstars sprechen sich für mehr Klimaschutz aus. Wie passt das zu den großen Müllbergen auf Festivals, riesigen Tourneen und dem Vinyl-Revival?
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Keine Musik auf einem toten Planeten“ – der Slogan der Initiative „Music Declares Emergency“ (Musik ruft den Notstand aus) lässt sich kaum missdeuten. Ins Leben gerufen im Juli 2019, ist die Liste der Unterstützer auf mehr als 1300 Organisationen und rund 3100 Künstler gewachsen. Darauf stehen prominente Namen wie Billie Eilish, Arcade Fire oder die Foals. Außer der Forderung nach mehr Aufklärung über den „Klima-Notstand“ und einem Appell an die Regierungen, den CO2-Ausstoß schneller zu senken, bekennen sich die Akteure auch dazu, in ihrer eigenen Branche anzusetzen.

Im Live-Geschäft beispielsweise ist viel zu tun. Fotos von Campingplätzen, die kurz nach Festivalende einem Schlachtfeld gleichen, machen immer mal wieder die Runde – sehr zum Unmut von Leuten wie Stephan Thanscheidt: „Natürlich fallen bei einem Sommerfestival häufig große Müllmengen an. Deswegen ist es absolut essenziell, diese Abfälle komplett zu sortieren, zu trennen und entsprechend zu entsorgen“, sagt der Chef von FKP Scorpio, einem der größten Festival-Veranstalter Europas, der mehrheitlich zu CTS Eventim gehört. Die Fotos seien bloß Momentaufnahmen.

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Festivals bieten viele Ansatzpunkte

„Wir sammeln zudem noch brauchbare Zelte und Schlafsäcke ein, um sie mit einem Partner für bedürftige Menschen wiederaufzubereiten“, führt er weiter aus. FKP organisiert in Deutschland beispielsweise das Deichbrand-, das Southside- und das Hurricane-Festival mit bis zu knapp 70.000 Zuschauern. Riesige Veranstaltungen, für die – wie auch bei vielen kleineren – die Infrastruktur fast komplett im Grünen aufgebaut werden muss.

Aufwendiges Spektakel mitten im Grünen: Das Hurricane-Festival in Scheeßel zieht gewöhnlich rund 70.000 Fans an.
Aufwendiges Spektakel mitten im Grünen: Das Hurricane-Festival in Scheeßel zieht gewöhnlich rund 70.000 Fans an. Bild: dpa

„Es gibt bei einem Festival sehr viele Bereiche, wo komplexe Nachhaltigkeitsbestrebungen existieren“, sagt Thanscheidt. Zu den zentralen Punkten gehörten vorneweg die Müllbeseitigung beziehungsweise Müllvermeidung, die Energieversorgung und die An- und Abreise der Fans und der Künstler. So würden beispielsweise Dieselaggregate gegen Feststromanschlüsse mit Ökostrom getauscht, wenn langfristige Nutzungsverträge vorlägen.

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Jenseits dieser Kernbereiche gibt es viele weitere Ansatzpunkte, um die Ekstase nachhaltiger zu machen. Sie reichen von möglichst regionalem Catering – teils in Bioqualität und mit vielen vegetarischen oder veganen Optionen – über Kompost­toiletten und zentralen Müllsammelstationen bis hin zu Pfandautomaten auf größeren Veranstaltungen.

Auch Lebensmittelverschwendung ist ein Thema sowie natürlich der große Komplex Plastik. „Seit dem Start unserer ‚Grün Rockt!‘-Kampagne vor einigen Jahren sind auf unseren Festivals diverse Einwegplastik-Produkte wie Besteck, Strohhalme oder Schalen verboten. Das gilt für alle Händler und Sponsoren. Letztere dürfen auch keine nicht-nachhaltigen Giveaways oder Ähnliches mehr verteilen“, sagt Thanscheidt und verweist auf einen weiteren Punkt: „Im Backstage installieren wir vermehrt Wasserspender und teilen an Bands und Crews personalisierte Flaschen aus.“

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„Es geht darum, den Leuten attraktive Angebote zu machen“

Mittlerweile schon ein Klassiker auf vielen Festivals ist das Müllpfand. Besucher werden als Müllabfuhr miteingespannt und erhalten gegen einen vollen Müllsack einen Teil des Ticketpreises zurück. Das habe jedoch auch seine negative Seite, „da es oft dazu führe, „dass die Leute für die 5 oder 10 Euro Dinge wegwerfen, die sich eigentlich noch gebrauchen lassen – und die Mülltrennung ist mitunter auch schwierig“, merkt Fine Stammnitz an. Die Künstler-Managerin hat den deutschen Ableger der „Music Declares“-Kampagne mitgegründet und berät mit dem Green Touring Network Künstler, Spielstätten und Festivals.

Stephan Thanscheidts Unternehmen veranstaltet nicht nur große Festivals, sondern organisiert etwa auch die anstehende Tour von Superstar Ed Sheeran.
Stephan Thanscheidts Unternehmen veranstaltet nicht nur große Festivals, sondern organisiert etwa auch die anstehende Tour von Superstar Ed Sheeran. Bild: Daniel Pilar

„Das Bewusstsein für das Thema Nachhaltigkeit wächst“, sagt Stammnitz, allerdings komme es auch auf das Genre-Umfeld an. „Im Indie-Bereich ist die Sensibilität in der Regel deutlich höher als beispielsweise im Bereich der Electronic Dance Music, wo es teils nach wie vor normal ist, an einem Tag drei Shows in drei Ländern zu spielen und dafür mit dem Privatjet zu fliegen.“ Wie für Festivals seien auch für Spielstätten der Bezug von Ökostrom, die Reduzierung von Müll und der Einsatz von LEDs statt alter Strahler wichtige Hebel für mehr Nachhaltigkeit.

Ein Punkt, der bisweilen unterschätzt werde, sei der CO2-Fußabdruck, der durch die Anreise der Fans entstehe, sagt Stammnitz: „Dabei macht er je nach Größe und Angebundenheit der Spielstätte mitunter den größten Anteil überhaupt aus.“ Eine effektive und teils schon umgesetzte Maßnahme sei die kostenlose An- und Abreise per ÖPNV für Ticketinhaber. „Es geht darum, den Leuten attraktive Angebote zu machen“, so Stammnitz. „Um sie für das Thema Nachhaltigkeit zu sensibilisieren, ist eine positive Argumentation nötig, anstatt zu betonen, was nicht gern gesehen oder verboten ist.“ Je nach Zielgruppe eines Konzerts gebe es viele kreative Wege wie etwa „ein Gratisgetränk für alle, die nachweislich mit dem Rad kommen“.

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Das Dilemma der Künstler

Künstler stehen derweil vor einem Dilemma, sorgen Touren doch oftmals für den Großteil ihrer Einnahmen. Kaum jemand kann es sich leisten, Coldplay nachzueifern, die 2019 ankündigten, erst dann wieder groß auf Tour zu gehen, wenn dies deutlich klimaverträglicher möglich sei. Flugreisen sind ab einem gewissen Punkt nur schwer zu ersetzen, denn Musiker wollen schließlich möglichst überall ihre Fans erreichen.

Stammnitz sieht nicht zuletzt noch Potenzial darin, dass Künstler sich Standardequipment auf Tour noch stärker teilen und bei ihren Fanartikeln auf Nachhaltigkeit achten. Außerdem könnte man vermehrt auf lokale Acts setzen, „anstatt mit einer oder zwei Bands als Opener eine ganze Tour zu bestreiten“. Grundsätzlich stoße man allerdings oft an Grenzen. Beispielsweise per Zug zu reisen sei selbst auf kleinen Touren ohne riesige Crews und Lastwagen an Material nur selten möglich, „alleine schon weil in der Regel zu viel Equipment und auch Fanartikel transportiert werden müssen“. Emissionen zu kompensieren sei aber natürlich eine Variante.

„Konzerte so nachhaltig wie möglich zu gestalten, ohne dass sie ihre Seele verlieren“: So fasst Fine Stammnitz das Kernziel zusammen.
„Konzerte so nachhaltig wie möglich zu gestalten, ohne dass sie ihre Seele verlieren“: So fasst Fine Stammnitz das Kernziel zusammen. Bild: Maximilian Borchardt

In diese Kerbe schlägt auch Stephan Thanscheidt: „Wir gleichen seit 2018 die CO2-Emissionen bei vielen unserer Tourneen, aber auch bei Flügen unseres Teams aus. Das wird perspektivisch noch wichtiger werden, denn bis komplett mit etwa elektrisch angetriebenen Trucks, Tourbussen und Vans getourt werden kann, wird es noch eine ganze Weile dauern.“ Zudem werde bei der Planung von Tourneen „selbstverständlich auch stark auf die Effizienz geachtet, um unnötige Transportkilometer zu vermeiden“.

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Streaming braucht Unmengen an Strom

Abseits der Bühnen geht es unter anderem um das Thema Musikkonsum. Mit dem Siegeszug des Streamings werden im Vergleich zu den Hochzeiten der physischen Tonträger viel weniger Plastik und andere Rohstoffe verbraucht. Andererseits benötigt allein das permanente digitale Verfügbarhalten von Abermillionen Songs auf Spotify & Co Unmengen an Strom.

Die Musikwissenschaftler Matt Brennan und Kyle Devine haben diesen Aspekt in einer im April 2019 veröffentlichten Studie genauer betrachtet. Demnach lagen die Treibhausgasemissionen des Musikkonsums in den USA 2016 schätzungsweise zwischen 200 und mehr als 350 Millionen Kilogramm. Für das Jahr 2000 wird der Wert mit rund 157 Millionen Kilogramm beziffert. „Es ging uns vor allem darum, das Thema zu veranschaulichen und ein Bewusstsein zu schaffen“, sagt Devine. Für die Berechnung seien mangels konkreter Daten verschiedene grundsätzliche Annahmen notwendig gewesen, weshalb die Werte keinesfalls alle Variablen beinhalteten, betont er.

Arcade Fire traten 2018 im Boxring auf (hier in Frankfurt): Je nach Größe der Produktion sind auf Tour einige LKW-Ladungen Material mit dabei.
Arcade Fire traten 2018 im Boxring auf (hier in Frankfurt): Je nach Größe der Produktion sind auf Tour einige LKW-Ladungen Material mit dabei. Bild: Ricardo Wiesinger

So sind Faktoren wie der Transport der Tonträger oder die Fertigung der Endgeräte fürs Musikhören und wiederum deren Strombedarf nicht enthalten. Für den Stromverbrauch eines Downloads legte er durchschnittliche Dateigrößen zugrunde. Den Energiebezug und die daraus ungefähr entstehenden Emissionen der Streamingdienste wiederum berechnete er mit Greenpeace-Daten. „All diese Zahlen sind in jedem Fall enorm groß“, konstatiert Devine, zumal der Streamingboom nicht abflaue.

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Neue Schallplatten aus Produktionsresten

Was die Anbieter angeht, liegt die Verantwortung heute größtenteils bei den Tech-Riesen. Auch Spotify nutzt seit einiger Zeit Google-Cloud-Server. Der Forscher verweist in dem Zusammenhang aber auch auf eine ältere Studie: Hört man ein Album mehr als 27-mal, soll die Energiebilanz besser sein, wenn es auf einem physischen Tonträger läuft, anstatt gestreamt zu werden. Jedoch ist es gerade ein Reiz des Streamings, permanent alles Mögliche zur Verfügung zu haben. Das Nutzerverhalten geht stark hin zum Hören einzelner Songs anstatt eines Albums.

Parallel zum Streaming wächst seit Jahren allerdings wieder der Absatz von Schallplatten – wenngleich auf völlig anderem Niveau. Wenig verwunderlich also, dass die neuseeländische Künstlerin Lorde kürzlich ihr Album mit Verweis auf die Umwelt zwar nicht auf CD, wohl aber in limitierter Auflage auf Vinyl veröffentlichte. Doch deren Basis ist bekanntlich PVC und die Produktion sehr energieintensiv.

Vinyl-Produktion bei GZ Media im tschechischen Lodenice: Die Nachfrage nach Platten ist riesig, ihre Herstellung aufwendig und energieintensiv.
Vinyl-Produktion bei GZ Media im tschechischen Lodenice: Die Nachfrage nach Platten ist riesig, ihre Herstellung aufwendig und energieintensiv. Bild: Reuters

An einer sparsameren Methode arbeitet das niederländische Projekt „Green Vinyl“, breit einsetzbar ist diese offenbar aber noch nicht. Ein einfacher erster Schritt ist auch hier, auf Ökostrom umzustellen. Bei 65 Prozent liege der Wert in der eigenen Fertigung, heißt es von Optimal Media, einem der größten europäischen Presswerke. Neben recyceltem Verpackungsmaterial und dem Verzicht auf Folien gibt es neue Wege in der Produktion. Mittlerweile werden aus Bruchmaterial wieder neue Platten gepresst. Zwischen zwei und fünf Prozent der Monatsfertigung machten diese „Re-Vinyl“-Aufträge derzeit aus. Insgesamt kommt Optimal auf rund 30 Millionen Platten im Jahr – Tendenz steigend.

Coldplay wollen 50 Prozent Emissionen einsparen

Für Kyle Devine ist das starke Wachstum Teil des Problems, da es die verschiedensten Effizienzgewinne womöglich übersteige. „Es ist eine additive Logik, auch Touren werden nach der Pandemie wohl auf dem Level wie vorher stattfinden“, sagt er. Livestreams gebe es dann noch obendrauf.

„Viele Acts wollen heutzutage eine gigantische und unvergessliche Show auf die Bühne bringen, was für das Publikum und ihre Reputation sicher auch zuträglich ist“, sagt FKP-Chef Thanscheidt. „Ich glaube aber, dass der gesellschaftliche Wandel auch hier mit der Zeit bei der Planung der Produktionen Spuren hinterlassen wird.“ Aufgrund der „hohen Individualität“ ließen sich nicht kurzerhand Standards definieren. „Generell gibt es aber bei den ersten internationalen Topacts ein Umdenken, was sich ausdehnen wird.“

Großes Spektakel sei Teil des Erlebnisses, betont Fine Stammnitz. Aber: „Wenn LED-Wände genutzt werden, die Spielstätte ausschließlich Ökostrom bezieht und viele Gäste mit dem öffentlichen Nahverkehr anreisen, sind ja einige wichtige Schritte schon gemacht.“

Es müsse darum gehen, „Konzerte so nachhaltig wie möglich zu gestalten, ohne dass sie ihre Seele verlieren“. Das würden Coldplay wohl so unterschreiben. Ab März bespielen die Briten wieder Arenen rund um den Globus. Im Vergleich zur letzten Welttour wollen sie 50 Prozent weniger Emissionen verursachen. Neben gängigen Maßnahmen wie dem Einsatz von Solar-Modulen, synthetischen Kraftstoffen oder dem Pflanzen eines Baums für jedes Ticket soll dazu auch eine wiederaufladbare Batterie für die Bühnenshow beitragen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Benjamin Fischer
Benjamin Fischer
Redakteur in der Wirtschaft.
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