Höherer CO2-Preis

Stromkunden droht der nächste Preisanstieg

Von Niklas Záboji
04.05.2021
, 08:43
Die Sonne leuchtet beim Sonnenaufgang zwischen Wolken über dem Windpark „Odervorland“ im Landkreis Oder-Spree.
Verbraucher zahlen in Deutschland schon heute so viel für Strom wie in keinem europäischen Land – und nächstes Jahr womöglich noch mehr. Ist die EEG-Umlage noch zeitgemäß?
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Stromkunden in Deutschland droht im kommenden Jahr eine Mehrbelastung – dabei zahlt ein Musterhaushalt laut Energieverband BDEW mit durchschnittlich 31,89 Cent je Kilowattstunde schon heute mehr als in jedem anderen europäischen Land. Auslöser ist die Preisrally im EU-Handel mit CO2-Zertifikaten, zu deren Kauf Kraftwerksbetreiber verpflichtet sind. Ein Zertifikat berechtigt zum Ausstoß einer Tonne CO2. Am Montag erreichte der Preis mit 49,40 Euro ein neues Allzeithoch. „Die Haushaltsstrompreise werden nächstes Jahr nach unserer Prognose um drei Prozent steigen, das entspricht rund einem Cent pro Kilowattstunde“, sagte Thorsten Lenck, Strommarktfachmann des Forschungsinstituts Agora Energiewende, der F.A.Z.

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Der Hintergrund: Ein hoher CO2-Preis im EU-Emissionshandel verteuert den Betrieb fossiler Kraftwerke. Das dürfte die besonders emissionsintensive Kohleverstromung früher unwirtschaftlich machen als bislang angenommen. Aber auch die emissionsärmeren Gaskraftwerke müssen die Mehrbelastung durch den Emissionshandel in ihrer Preisbildung berücksichtigen. Da Strom aus Erneuerbaren nach wie vor nicht zu jeder Tageszeit zur Verfügung steht, verteuert sich Elektrizität folglich im Großhandel – und mittelbar auch für Endkunden.

Über die Höhe der Mehrbelastung sind sich Fachleute noch uneins. Wann die Entwicklungen des Großhandelspreises beim Endkunden ankommen, hänge von der Einkaufspolitik der einzelnen Versorger ab, heißt es dazu vom Vergleichsportal Check24. „Manche Versorger kaufen Strom Jahre im Voraus ein, andere deutlich kurzfristiger.“ Ähnlich äußert sich ein Sprecher des Vergleichsportals Verivox. „Spürbare Preissteigerungen“ aufgrund gestiegener CO2-Zertifikatspreise seien „erst in einem längerfristigen Zeithorizont zu erwarten“. Er betont, dass rund 80 Prozent des Strompreises aus Steuern, Netzgebühren und Abgaben wie der Ökostromförderung EEG bestehen und nur rund 20 Prozent aus Beschaffung, Vertrieb und Marge bei den Energieversorgern. Die gestiegenen Großhandelspreise hätten daher nur einen „vergleichsweise geringen Einfluss“ auf die private Stromrechnung.

„Es ist immer eine Frage der Ausbaumenge“

Die Agora-Zahlen sprechen eine andere Sprache. „Der steigende Börsenpreis, vor allem bedingt durch die höheren CO2-Preise im Emissionshandel, wird für die Endkunden teilweise durch eine sinkende EEG-Umlage ausgeglichen – aber leider nicht vollständig“, sagt Agora-Strommarktfachmann Lenck. „Der Strompreis geht damit in die falsche Richtung – wir brauchen eine Entlastung bei den Stromkosten, denn für den Klimaschutz ist ein verstärkter Einsatz von Strom bei Wärmepumpen, in der Industrie und in der Elektromobilität wichtig.“ Die EEG-Umlage solle in der nächsten Legislaturperiode auf null Cent gesenkt werden.

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Die von der Bundesregierung für kommendes Jahr in Aussicht gestellte Senkung auf 6,0 Cent je Kilowattstunde ist in den Agora-Zahlen schon berücksichtigt; schon dieses Jahr ist sie für Verbraucher nur dank Milliardenzuschuss aus dem Bundeshaushalt bei 6,5 statt 9,7 Cent gedeckelt.

Doch auch bei der Ökostromförderung selbst rät die Denkfabrik zur Reform – und zu einem langsamen Auslaufen der EEG-Subventionen. Schließlich gewährleiste der Emissionshandel mittlerweile ein ausreichend hohes Preisniveau. „Bei 50 Euro pro Tonne CO2 werden erste Erneuerbare-Energien-Projekte wirtschaftlich – besonders im Bereich der Freiflächen-Solaranlagen“, sagt Lenck.

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Für einen „großflächigen Ausbau“ der Erneuerbaren entsprechend der Klima- und Energieziele hält Agora allerdings Größenordnungen von 80 bis 100 Euro je Tonne CO2 für nötig. Das EEG sollte daher als „Versicherungsinstrument beibehalten werden, um den Ausbau der Erneuerbaren auch dann sicherzustellen, wenn die CO2-Preise (noch) nicht hoch genug sind“, so Lenck. „Es ist immer eine Frage der Ausbaumenge, die man haben will“, sagt auch Andreas Löschel, Energieökonom aus Münster. „70 Prozent Ökostromquote bei einem steigenden Stromverbrauch bis 2030 wird allein marktbasiert und über den EU-Emissionshandel nicht erreicht werden“, sagt Löschel. Alte Windräder könnten sich beim derzeitigen Preisniveau aber längst am Markt finanzieren.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Zaboji, Niklas
Niklas Záboji
Wirtschaftskorrespondent in Paris
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