Streit um die Gasversorgung

Briten machen Weg für Fracking frei

Von Philip Plickert und Jan Hauser
22.09.2022
, 20:01
Sehen Gefahren für das Grundwasser: britische Fracking-Gegner
Die britische Regierung hebt ein Moratorium für Fracking-Gas auf. Dennoch gibt es auf der Insel immer noch Widerstand – wie in Deutschland.
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Die neue britische Regierung von Liz Truss hat grünes Licht für die Förderung von Erdgas aus Schiefergestein mittels Fracking-Technik gegeben. Am Donnerstag hob das Wirtschaftsministerium das bisherige, seit rund drei Jahren bestehende Moratorium auf. Im November 2019 hatte die Regierung Johnson nach mehreren kleineren Erdstößen rund um die Testbohrstelle des Unternehmens Cuadrilla in Lancashire, Nordengland, den temporären Bann verhängt.

Nun gebe es neue wissenschaftliche Erkenntnisse, sagte Wirtschaftsminister Jacob Rees-Mogg. Die Schwellenwerte für die Meldepflicht bei seismischen Erschütterungen seien zu niedrig angesetzt gewesen. Ab sofort können neue Anträge für Fracking-Bohrungen gestellt werden. Angesichts von Putins Angriff auf die Ukraine und nachdem er Energie als Waffe einsetze, sei die Stärkung „unserer Energiesicherheit unsere absolute Priorität“, sagte Rees-Mogg. Bis 2040 solle das Königreich so viel Energie selbst produzieren, dass es vom Importeur zu einem Nettoexporteur werde. Dazu würden alle verfügbaren Möglichkeiten – von Solar und Wind bis Öl und Gas – erkundet, sagte Rees-Mogg. Gleichzeitig gab er die Vergabe neuer Öl- und Gas-Lizenzen in der Nordsee bekannt.

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„Das konservativste Regime“

Der neue Wirtschaftsminister ist schon länger als Fracking-Unterstützer bekannt. Allerdings darf die Schiefergasförderung nur mit „lokaler Unterstützung“ der umliegenden Gemeinden geschehen. Dies ist ungewiss. Bei der umstrittenen Technik wird mit großem Druck ein Gemisch aus Sand, Wasser und Chemikalien ins Schiefergestein gepresst und dieses damit gesprengt, um das Erdgas herauszulösen. Dabei kommt es immer wieder zu seismischen Erschütterungen. An einzelnen Gebäuden nahe Preston traten feine Haarrisse auf. Die Regierung hofft, dass die im Schiefergestein in einigen Gegenden Britanniens gebundenen großen Mengen Erdgas künftig helfen können, die Versorgung des Königreichs mit Gas zu sichern und die Preise zu senken. Laut Schätzungen liegen allein in der nordenglischen Bowlands-Formation viele Billiarden Kubikmeter Gas. Das würde den Erdgasbedarf Britanniens über mehrere Jahre abdecken.

Ein neuer wissenschaftlicher Bericht der Forscher der Royal Geological Survey, der am Donnerstag veröffentlicht wurde, unterstützt Rees-Moggs Ansicht zu den Erdbeben-Schwellenwerten. Der bisher behördlich festgelegte Wert für einen temporären Stopp der Fracking-Aktivitäten liege mit Stärke 0,5 auf der Richterskala in Großbritannien viel niedriger als in den US-Bundesstaaten oder kanadischen Regionen, wo Fracking praktiziert wird. Es sei „das konservativste Regime“, schreiben die Forscher. Die meisten Erdstöße sind tatsächlich so minimal, dass sie praktisch kaum wahrnehmbar sind.

Dennoch gibt es lokal große Widerstände und Ängste. In Lancashire haben Bürgerinitiativen und die „Frack off“-Kampagne jahrelang erfolgreich Stimmung gegen das Testprojekt von Cuadrilla Resources Ltd. nahe Preston und Blackpool gemacht. Das 2007 gegründete Unternehmen hatte in Lancashire seit 2011 testweise gebohrt und über die Jahre über eine Viertelmilliarde Pfund investiert. Nach dem Moratorium 2019 schien das Projekt endgültig tot. Nun zeigte sich Cuadrilla-Chef Francis Egan hocherfreut. Der Norden Englands werde davon profitieren, wenn Fracking in Schwung komme. „Cuadrilla wird ein Teil der Einnahmen aus dem Schiefergas den lokalen Anwohnern als Dividende ausschütten“, fügte Egan hinzu. Potentiell könnten Hunderte Millionen Pfund an die Regionen fließen. Dass die Bürgerinitiativen aufgeben, ist aber kaum absehbar.

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Nordengland das passende Gebiet?

Außerdem gibt es auch von Fracking-Anhängern Zweifel, ob Nordengland wirklich ein geeignetes Gebiet ist. Der Geologe Chris Cornelius, einer der Mitgründer von Cuadrilla, schrieb in einem Gastbeitrag im „Guardian“, dass das Schiefergestein in Nordengland sehr viel schwieriger handhabbar sei als in Nordamerika. Außerdem sei das Gebiet dichter besiedelt, es gebe zu viele Gegner und politische Unsicherheiten. „Kein vernünftiger Investor“ würde diese Risiken auf sich nehmen. Um wirklich auch nur 10 Prozent des britischen Erdgasbedarfs durch Fracking zu decken, müssten dafür in den nächsten Jahrzehnten Tausende Bohrstellen eröffnet werden. Das hält Cornelius für höchst unwahrscheinlich.

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Während Deutschland viel Fracking-Gas importiert, ist im Inland Fracking im Schiefergestein seit fünf Jahren untersagt. Umweltschützer halten das für richtig und sehen Gefahren für das Grundwasser. Aktuell wird zudem eingewandt, dass ein Ausbau zu lange dauern würde. Mancher Fracking-Befürworter rechnet jedoch damit, dass mit schnelleren Genehmigungsverfahren eine Förderung auch noch diesen Winter möglich wäre. Hierfür kam aus der FDP und Union Unterstützung. In Niedersachsen, dem Bundesland mit den größten Erdgasreserven, in dem in zwei Wochen gewählt wird, lehnten dies sogleich SPD und CDU ab.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Plickert, Philip
Philip Plickert
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
Autorenporträt / Hauser, Jan
Jan Hauser
Redakteur in der Wirtschaft.
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