Pflanzen im Staub

JESSICA VON BLAZEKOVIC und JULIA LÖHR, Fotos von DANIEL PILAR


08. Juli 2020 · Die zunehmend heißen und trockenen Sommer machen Landwirten zu schaffen. Forscher schauen deshalb ins Ausland: Was kann Deutschland von Wüstenstaaten lernen?

Es könnte ein Idyll sein, dieses weitläufige Feld mitten in der Uckermark. Mohnblumen wiegen sich im Wind, die Sonne strahlt von einem nahezu wolkenlosen Himmel. Bienen summen, Vögel zwitschern – in Angermünde-Wilmersdorf, eine gute Autostunde nordöstlich von Berlin, könnte man Werbefilme über das Landleben und die Landwirtschaft drehen. Nur die ernsten Mienen einer Gruppe von Menschen, die sich gerade über eine Weizenpflanze beugen, wollen nicht so recht zu der Bilderbuch-Szenerie passen. „Die ist stark gestresst“, sagt Roland Hoffmann-Bahnsen nach einem Blick auf das Messgerät. „Der Weizen könnte der Verlierer sein.“

Seit mehr als zehn Jahren forscht der Professor für Acker- und Pflanzenbau der Hochschule Eberswalde auf dem vier Hektar großen Areal. Hoffmann-Bahnsen hat sich schon mit der Dürre beschäftigt, als diese in der öffentlichen Debatte noch kein Thema war. Seine Experimente sollen dazu beitragen, dass Landwirte in Deutschland auch bei zunehmender Hitze und Trockenheit noch einträgliche Ernten einfahren können. Mit der derzeit verbreitetsten Getreideart in Deutschland, dem Weizen, wird das schwierig, so viel wird an diesem heißen Sommertag in Brandenburg schnell klar. Auf die Freunde von Baguette und Spaghetti kommen harte Zeiten zu.

Die Idylle trügt: Den Pflanzen ist es zu trocken.
Die Idylle trügt: Den Pflanzen ist es zu trocken.

Dass sich die Landwirtschaft rund um den Globus verändern muss, wenn sie auch in Zeiten des Klimawandels eine wachsende Weltbevölkerung ernähren soll, ist keine neue Erkenntnis. In Deutschland hat sich der Sommer vor zwei Jahren ins Gedächtnis gebrannt, der trockenste seit dem Jahr 1881. Im Norden und Osten Deutschlands ernteten die Bauern damals im Schnitt 30 Prozent weniger als in den Vorjahren. Der vergangene Sommer war zwar nicht ganz so schlimm, und auch in diesem Jahr hat es zumindest schon etwas geregnet. Aber von den langjährigen Durchschnittswerten ist Deutschland weit entfernt, zum Leidwesen der Landwirte und ihrer Pflanzen. Roland Hoffmann-Bahnsen arbeitet auf seinem Testfeld unter anderem mit Biostimulanzien. Dabei handelt es sich um eine Art Pflanzen-Doping. Natürliche Substanzen, unter anderem gewonnen aus Algen, sollen dafür sorgen, dass Pflanzen Nährstoffe besser aufnehmen können und zugleich widerstandsfähiger gegen Stress werden. Biostimulanzien sind einer der großen Wachstumsmärkte in der Landwirtschaft. Zahlreiche Hersteller versprechen sich davon in den kommenden Jahren viel Umsatz. Dass die Präparate helfen, zeigt Hoffmann-Bahnsen einige Schritte weiter auf dem Gerstenfeld. Auf der einen Seite, der behandelten, sind die Pflanzen noch halbwegs grün, auf der anderen Seite, der unbehandelten, schimmern sie schon grau. „Wenn sich die Blätter erst mal zusammengerollt haben“, sagt der Wissenschaftler und greift eine beliebige Pflanze heraus, „dann ist es schon zu spät.“

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07.07.2020
Quelle: F.A.Z. Woche