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Kommentar

Venezuela und seine Freunde

EIN KOMMENTAR Von Sebastian Balzter
 - 11:50
Leere Regale und Chaos: Geplünderter Supermarkt in Venezuela.

Die Leute sind vergesslich, deshalb muss sich die Geschichte ab und zu wiederholen. Zurzeit in Venezuela. Das Land hat alles, was ein Paradies braucht. Karibikstrände mit Kokospalmen, weißem Sand und türkisfarbigem Wasser. Tropische Üppigkeit in Flora und Fauna. Hohe Berge, die das ganze Jahr von Schnee bedeckt sind. Und als Schmankerl obendrauf gibt es Erdöl in Hülle und Fülle: Kein anderer Staat der Welt, nicht einmal Saudi-Arabien, verfügt über so große Reserven.

Außerdem ist Venezuela einer der letzten Flecken auf der Erde mit einem real existierenden Sozialismus. Staatspräsident Maduro und sein Vorgänger Chávez haben den Venezolanern seit 1998 allerhand Wohltaten aus dem Lehrbuch für angehende Umverteiler beschert: Private Unternehmen wurden verstaatlicht, damit die Bodenschätze dem Volk und nicht gierigen Konzernen zugutekommen; mit den Petrodollars wurde ein Sozial- und Gesundheitsnetz für alle aufgebaut; als Wahlgeschenke kamen Zwangsrabatte auf Elektrogeräte und Lebensmittel in Mode; Benzin wird an den Tankstellen fast verschenkt.

Wer sich an die Sowjetunion und den Ostblock erinnert, dem kamen schon 1998 Zweifel an diesem Programm. Aber für Vergessliche hörte es sich lange grandios an. Venezuela als Vorbild, dazu hat sich etwa die Führung der spanischen Linkspartei Podémos ganz offen bekannt. Auch in Deutschland haben Linkenpolitiker und Gewerkschaftsfunktionäre dem Regime immer wieder ihre Solidarität versichert, in der SPD fiel die Bewunderung etwas dezenter aus. In Berlin brachte es ein wahrer Fan des venezolanischen Modells kurzzeitig zu beachtlicher Prominenz: Andrej Holm, der von der Linkspartei vorübergehend als Staatssekretär mit Zuständigkeit für den Wohnungsbau in der Hauptstadt vorgesehen war.

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Inzwischen dürften sie alle kapiert haben, dass es keinen Grund gibt, von Venezuela zu schwärmen. Wer dort ist, berichtet: Das Land ist kein Paradies, sondern die Hölle. Der Präsident kümmert sich nicht um die Armen und Kranken, sondern nur um den eigenen Machterhalt. Die Wirtschaft liegt am Boden, die Ölförderung geht zurück, weil die Technik überaltert ist, in den Supermärkten sind die Regale leer, auf dem Schwarzmarkt werden Wucherpreise für Lebensmittel gezahlt, die Energieversorgung schwächelt, an den Finanzmärkten werden die Wochen bis zum Staatsbankrott gezählt. Noch schlimmer ist die allgegenwärtige Kriminalität: Entführungen, Erpressungen und Plünderungen sind an der Tagesordnung, die Mordrate ist erschreckend hoch.

Und wer ist schuld an dem Schlamassel? Der von den Amerikanern in den Keller getriebene Ölpreis, sagt der Präsident. Aber das ist eine billige Ausrede, sonst müsste es in anderen Erdölstaaten ja ähnlich zugehen. Quatsch ist auch die Vermutung, die Kolonialherren aus Europa hätten als skrupellose Globalisierer anno dazumal den Rest der Welt inklusive Venezuela derart ausgequetscht, dass dort bis heute kein Gras mehr wachsen könne, während der Westen zum Schlaraffenland geworden sei. Bei aller Abscheulichkeit mancher Kolonialherren: Nicht sie haben den Westen reich gemacht, sondern Demokratie und Wissenschaft, Wettbewerb und Konsum.

Die Volksbeglücker haben das Land zugrunde gerichtet

Venezuela selbst ist das beste Beispiel dafür, wie gut das auch auf anderen Kontinenten gelingen kann. Ende der siebziger Jahre lag die Wirtschaftsleistung nach einer rasanten Aufholjagd dort gleichauf mit Großbritannien und Japan. Aber dann hat sich Venezuela von der Weltwirtschaft abgekoppelt, hat sich zu sehr auf seine Bodenschätze verlassen, Investitionen und Produktivität vernachlässigt. Die Folge: Das Pro-Kopf-Einkommen der Venezolaner ist um ein Viertel gesunken, das der Japaner und Briten hat sich verdoppelt.

Zugrunde gerichtet haben Venezuela die als Volksbeglücker angetretenen Machthaber. Für Vergessliche deshalb ein Merkspruch: Sozialismus klingt gut, funktioniert aber schlecht. Mit dem Kapitalismus ist es umgekehrt.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Balzter, Sebastian
Sebastian Balzter
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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