Konjunktur

"Die Geflügelpest allein treibt Asien nicht in die Rezession"

28.01.2004
, 18:07
Eine gesperrte Hühnerfarm in China
Die in Asien grassierende Geflügelpest hat nach Einschätzung von Ökonomen nur Auswirkungen auf die Geflügelindustrie, nicht auf die gesamten Volkswirtschaften der Region. Allerdings könnten die Touristen ausbleiben.
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Ökonomen und Analysten mahnen zur Nüchternheit bei der Betrachtung der Auswirkungen der in Asien grassierenden Geflügelpest auf die Volkswirtschaften der Region. "Ein Problem der Hühnerzüchter führt in Asien zu keiner Rezession", sagt Paul Coughlin von der Kreditratingagentur Standard & Poor's in Singapur. Damit faßt er die Meinung der Volkswirte zusammen: Bleibt die Geflügelgrippe auf eine Krankheit des Federviehs beschränkt, sind die wirtschaftlichen Folgen für die Region zu vernachlässigen. "Die Verknüpfung von Geflügelpest und der Lungenkrankheit Sars mag die Auflage von asiatischen Zeitungen steigern, unserer Ansicht nach aber treibt sie die Aufmerksamkeit für die Krankheit ungerechtfertigt hoch", sagt Michael Spencer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank für Asien.

Bislang ist die Krankheit in zehn Ländern ausgebrochen und hat zehn Menschen das Leben gekostet. Millionen von Hühnern wurden notgeschlachtet. Grassiert die Geflügelpest nur in der Tierwelt, so dürfte sie das asiatische Wachstum schätzungsweise 0,036 Prozent kosten. Diese Schätzung machten die Analysten der Singapurer UOB Bank, allerdings am Tag, bevor der Ausbruch in Südchina bekannt wurde. Für acht der nun betroffenen zehn Länder - ohne China und Thailand gerechnet - liege der Exportwert von Geflügel bei 0,001 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP).

Einzelne Branche betroffen

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"Die Geflügelindustrie in Asien wird es hart erwischen. Ihre Aktien werden abstürzen. Aber die Volkswirtschaften erscheinen nicht besonders anfällig für diesen Schock", sagt Spencer. "Wenn alle Hühner Asiens aufgrund der Krankheit sterben oder getötet werden, könnte dies ein Prozent des gesamten Bruttoinlandsproduktes ausmachen. Da die Verbraucher aber auf andere Proteinquellen ausweichen werden - Fisch, Bohnen oder Schweinefleisch -, werden in anderen Bereichen Zuwächse zu verzeichnen sein. Der Gesamteinfluß läge bei weniger als einem Prozent des BIP."

Die beiden Ausnahmen sind der viertgrößte Exporteur von Geflügel, Thailand, und die Volksrepublik China. Bis November erreichte der Wert der thailändischen Ausfuhren von gefrorenem Hühnerfleisch 540 Millionen Dollar oder 0,7 Prozent der gesamten Exporte. Gegen diese Zahl steht die Prognose eines Exportwachstums von 15 Prozent. Auch nach dem Übergriff der Krankheit auf China scheint Panik nicht angebracht. "Die Exporte von Geflügel und Eiern machten im vergangenen Jahr 380 Millionen Dollar aus und standen für 0,1 Prozent der gesamten Ausfuhren", rechnet Jun Ma von der Deutschen Bank vor. "Unter den Bedingungen, daß der Ausbruch nur ein paar Monate währt, keine Mensch-zu-Mensch-Übertragung auftritt und er sich auf Südchina beschränkt, sollte sein Einfluß auf das Bruttoinlandsprodukt Chinas nicht mehr als 0,1 Prozent betragen."

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Größere Gefahr für den Tourismus

Deutlich größer ist die Sorge vor den Sekundärfolgen: Schon jetzt spüren japanische Nahrungsmittelhersteller das Einfuhrverbot des preiswerten thailändischen Geflügels. Die amerikanische Restaurant-Kette Kentucky Fried Chicken (KFC) streicht in den betroffenen Ländern das Geflügel von ihrer Karte und setzt auf Fischgerichte. Fluggesellschaften haben Hühnerfleisch aus ihren Menüs gestrichen - obwohl die Gefahr einer Ansteckung über den Verzehr als nicht gegeben angesehen wird.

Wirklich ernst scheint es für die Länder im Fernen Osten erst zu werden, wenn Fernsehbilder der getöteten Tiere Touristen abschreckten: "Falls die Geflügelpest eine verbreitete Flugangst wie bei Sars entstehen läßt, könnten die Verluste im Tourismus und in den gesamten Volkswirtschaften zweistellige Milliardenbeträge annehmen", warnt Jean-Pierre Verbiest, Volkswirt der Asiatischen Entwicklungsbank.

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Weitgehend unkalkulierbar wären die Folgen, würde die Geflügelpest auf den Menschen übergreifen. Bei einer Übertragung von Mensch zu Mensch - statt bislang von Tier zu Mensch - könnte eine weltweite, tödliche Epidemie entstehen, warnt die Weltgesundheitsorganisation.

Quelle: che. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2004, Nr. 24 / Seite 14
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