Arbeitsagentur-Chef Martin

„Keine Erholung vor Sommer“

Von Patricia Andreae
05.01.2021
, 12:27
Bei den hessischen Arbeitsagenturen richtet man sich auf einen langen Winter ein. Eine Besserung erwartet der Chef der Behörde, Frank Martin, aber zuerst in der Branche, die am stärksten leidet.

Frank Martin ist seit 2010 Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit. Zuvor war der Vierundvierzigjährige Geschäftsführer Interner Service der Regionaldirektion und davor fünf Jahre lang Berater und Projektleiter bei der Unternehmensberatung McKinsey. Noch vor einem Jahr hatte er stetig sinkende Arbeitslosenzahlen verkünden können und für 2020 eine „verhalten positive“ Prognose abgegeben. Trotz der Auswirkungen der Corona-Pandemie aber hat sich der Arbeitsmarkt im vergangenen Jahr als relativ robust erwiesen. Selbst im November ging die Arbeitslosigkeit zum dritten Mal in Folge seit Beginn der Krise zurück, sie lag zum Stichtag Anfang November bei 5,5 Prozent. Wie sie sich seit Beginn des zweiten Lockdowns entwickelt hat, zeigen die Dezember-Zahlen: die Arbeitslosenzahl ist erfreulicherweise gesunken. Eine große Herausforderung ist weiterhin die Verwaltung der Kurzarbeit.

Die Corona-Impfungen haben begonnen, bedeutet dies das Ende von Kurzarbeit und Entlassungen?

Es ist zwar ein gutes Signal, aber auf dem Arbeitsmarkt werden sich die ersten Effekte erst zeigen, wenn sich das wirtschaftliche Leben wieder normalisiert. Damit ist vor dem Sommer nicht zu rechnen. In der Luftfahrt- und Reisebranche ist damit wohl selbst im dritten Quartal des nächsten Jahres noch nicht zu rechnen. Auch die Logistikbranche ist ausgebremst und der stationäre Handel. Nur beim Bau läuft es noch relativ normal. Es wird sich zeigen, was davon nach der Krise im gleichen Umfang gebraucht wird wie vorher.

Die Arbeitslosenquote liegt nach einem Abflauen im Dezember bei 5,4 Prozent, wird sie steigen?

In den nächsten Monaten auf jeden Fall, weil sie im Winter immer steigt. Was aber jenseits der saisonbedingten Effekte passiert, wird sich zeigen. Ein Problem ist, dass es auch nur sehr wenige Neueinstellungen gibt. Noch hilft vielen die Verlängerung der Kurzarbeit. Es war wichtig, sie bis zum Ende 2021 zu ermöglichen. Wenn das normale Insolvenzrecht wieder greift und staatliche Hilfen reduziert werden, könnte es zu deutlich höheren Arbeitslosenzahlen kommen. Eventuell wird der Staat auch Unternehmen retten müssen, um den Arbeitsmarkt zu entlasten.

Haben Sie genügend Instrumente, um die Menschen wieder in Arbeit zu bringen?

Daran herrscht kein Mangel, es gibt ausreichend Angebote. Was wir aber vor allem brauchen, sind branchenspezifische Lösungen. So wird selbst bei der Rückkehr einer gewissen Normalität beispielsweise der Luftverkehr wohl langsamer anlaufen als andere Branchen. Denn wer jetzt seinen Sommerurlaub bucht, setzt vermutlich sicherheitshalber eher auf die Ostsee. So ist ein Teil des Sommerreisegeschäfts wohl schon verteilt, bevor es wieder viele Reisemöglichkeiten gibt. Ob die Geschäftsreisen jemals so zurückkommen werden wie zuvor, ist auch fraglich, schließlich sind Reisekosten auch Kosten. Die alte Normalität wird es wohl nicht mehr geben.

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Welche Branchen können denn profitieren und damit mehr Personal brauchen?

Die Anbieter von Video-Konferenz-Systemen haben beispielsweise schon jetzt profitiert. Denn die digitale Zusammenarbeit wird es auch in Zukunft verstärkt geben. Da wächst eine neue Branche mit Chancen für Beschäftigung.

Wie sieht es mit Zeitarbeit und Arbeitnehmerüberlassung aus?

Zeitarbeit ist noch immer ein wichtiges Instrument zur Abfederung von Auftragsspitzen. Zudem kann sie helfen, Menschen in feste Jobs zu bringen. Sie macht aber nur 1,6 bis 1,7 Prozent des deutschen Arbeitsmarktes aus, sie lag mal bei mehr als 2,5 Prozent. Und die Arbeitnehmerüberlassung ist aber auch überall da notwendig, wo Fachkräfte fehlen. Wir werden auch in Zukunft Zuwanderung in den deutschen Arbeitsmarkt brauchen. Ohne Ärzte und Pflegepersonal aus Osteuropa kämen wir ebenso wenig aus wie ohne Schlachter und Erntehelfer.

Sollten sich Servicekräfte aus dem Gastgewerbe denn nicht jetzt besser zu Pflegekräften umschulen lassen?

Das halte ich höchstens im Einzelfall für sinnvoll. Erstens ist Pflege eine besondere Aufgabe, die muss man wollen. Zum anderen bin ich optimistisch, dass die Gastronomie schnell wieder anlaufen und sich erholen wird.

Welche Umschulung ist denn sinnvoll?

Umschulung ist für uns nicht mehr der richtige Begriff. Es geht um Fortbildung und Qualifikation. Vor allem aber muss jeweils der Einzelfall betrachtet werden: Was ist realistisch, was interessiert die Person, was glaubt sie zu können. Darauf kann man aufbauen. Wenn ein Arbeitsgebiet nicht dem Wunsch entspricht, wird die Qualifikation abgebrochen. Dann ist niemandem geholfen.

Ist das System der Fortbildung oder Umschulung darauf eingerichtet?

Ja, wir haben viele Angebote, und unsere Portale bieten Arbeitssuchenden die Möglichkeit, sich gut darüber zu informieren, was für sie in Frage kommt. Oft ist aber der erste Schritt, die Herausforderung zu akzeptieren, dass man nicht sein Leben lang im gleichen Job bleiben und das einmal Gelernte anwenden kann, sondern dass man sich stetig weiterqualifizieren muss.

Was raten Sie jungen Leuten, die im nächsten Jahr die Schule beenden?

Wichtig ist, sich frühzeitig damit zu beschäftigen, was man werden will – nicht erst nach der Schule. Und dann erst einmal mit Leuten zu sprechen, die sich da auskennen, mit Bekannten oder Verwandten zum Beispiel. Und dann sind natürlich Praktika wichtig, auch wenn das derzeit recht schwierig ist. Vor allem aber sollten sich junge Leute frühzeitig bei uns registrieren lassen. Auch wenn die Agenturen und Jobcenter aktuell keinen normalen Publikumsverkehr haben, bieten wir ein breites Beratungsangebot: telefonisch, per Videoberatung und im Einzelfall auch persönlich.

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Welche Berufe bieten die besten Chancen?

Auch da kommt es auf die Neigung an. Es ist aber wichtig, sich nicht auf ein Berufsbild festzulegen. Es gibt Hunderte Tätigkeiten, mehr als die Hälfte der Bewerber sucht aber nur in zehn Berufen. Die besten Chancen bietet für viele Auszubildende das Handwerk.

Was war für Sie die größte Herausforderung im vergangenen Jahr?

Zum einen war das die Tatsache, dass wir die Türen schließen mussten und die Beratung nicht mehr von Angesicht zu Angesicht machen und auch nicht zur Berufsberatung in Schulen gehen konnten. Vor allem aber war es die Bewältigung der Flut von Anträgen auf Kurzarbeit.

Hatten Sie dafür genügend Leute?

Normalerweise haben wir dafür 37 Mitarbeiter, in 2020 waren es bis zu 800, die wir entsprechend qualifiziert haben. Außerdem gab es beispielsweise das Problem, dass sich ein Arbeitsloser zur Identitätsfeststellung eigentlich am ersten Tag persönlich bei uns vorstellen muss. Dafür haben wir inzwischen eine IT-Lösung und konnten feststellen, dass es bei Zehntausenden Fällen quasi keinen Betrug gab.

Wenn Sie einen Wunsch an die Politik frei hätten, welcher wäre es?

Dass die Arbeit, die derzeit beispielsweise in Bereichen wie der kommunalen Verwaltung, den Kliniken, der öffentlichen Sicherheit oder der Bundesagentur geleistet wird, wahrgenommen und anerkannt wird. Diese Bereiche sind in normalen Zeiten gerne die Prügelknaben, sobald etwas nicht klappt oder zu langsam geht.

Und wenn Sie sich für das neue Jahr 2021 noch etwas wünschen dürften – vom Ende der Pandemie einmal abgesehen?

Dann würde ich mir wünschen, dass die Schulen nicht zu lange geschlossen bleiben, weil sie Kindern und Jugendlichen Kontinuität, Struktur und Sicherheit geben. Und dass das Positive, das die Corona-Krise hervorgebracht hat, wie etwa Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft, auch darüber hinaus erhalten bleibt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Andreae, Patricia (cp.)
Patricia Andreae
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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