Schwächelnde Konjunktur

Schwellenländer im Abwärtssog

Von Johannes Pennekamp, Carl Moses, Hendrik Ankenbrand, Benjamin Triebe
13.08.2015
, 10:35
Schanghai, China
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Länger als ein Jahrzehnt hat der Aufschwung der Schwellenländer die Weltwirtschaft gestützt. Doch jetzt droht China die Luft auszugehen, wichtige Rohstoffländer sind in der Rezession. Wie bedrohlich ist das für die Welt?
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Es war der Traum vom unbegrenzten Aufstieg der Schwellenländer: Die aufstrebenden Länder verhelfen zugleich den entwickelten Volkswirtschaften des Westens zu ordentlichen Einnahmen. Dieser Traum, die Wachstumshoffnung dieses Jahrtausends, ist geplatzt: Krise in Brasilien, Zweifel in China, Rezession in Russland – das ist die Realität. Innerhalb kurzer Zeit sind die einstigen Wachstumstreiber zu den größten Sorgenkindern geworden. Handelt es sich um eine vorübergehende Schwäche – oder wird die in Amerika anstehende Zinswende die Schwellenländer in eine tiefere Krise stürzen?

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Schwächelnde Konjunktur
Ausländische Firmen unter Druck

Will man der Schwäche der einst gefeierten „Bric“-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China) auf den Grund gehen, kann man Statistiken wälzen, Fachleute befragen, Daten auswerten. Viel kann man aber auch aus Geschichten wie der von Eike Batista lernen. Vor ein paar Jahren war Batista der reichste Mann Brasiliens und glaubte, bald auch auf der Welt die Nummer eins zu werden. Heute hat er nach eigenen Angaben eine Milliarde Schulden, gleichzeitig muss er sich vor Gericht gegen den Vorwurf von Anlegerbetrug und Insidergeschäften verteidigen.

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Der Deutsch-Brasilianer hatte Erzminen und Ölfelder an die Börse gebracht, die noch gar nichts förderten, und plante einen Industriegüter- und Rohstoffhafen, der das „Rotterdam der Tropen“ werden sollte. Nun liegen die Preise für Rohstoffe im Keller, allein Eisenerz ist seit 2011 um zwei Drittel gefallen. Batista hat sich verzockt. Brasilien als Rohstoffmacht der Zukunft? Die Wirtschaft des Landes wird 2015 um mindestens 2 Prozent schrumpfen. Nur Optimisten erwarten, dass es ab Mitte 2016 wieder etwas aufwärtsgeht.

Schwellenland ist nicht gleich Schwellenland – und Brasilien schleppt andere Probleme mit sich rum als China, Russland, die Türkei oder weitere angeschlagene Volkswirtschaften in Mittelamerika und Asien. Aber die Probleme können nicht isoliert betrachtet werden, viel zu groß ist die Wucht, mit der fallende Rohstoffpreise und Leitzinsentscheidungen Volkswirtschaften auf der ganzen Welt treffen. Und viel zu flüchtig ist das Kapital, als dass die Stärke des einen nicht zur Schwäche des anderen werden könnte.

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Beunruhigende Lage in China und Russland

Ein Mann, der seit Monaten fast täglich in seinen Konjunkturanalysen vor der Schwäche der Schwellenländer warnt, ist Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Viele malen noch immer ein viel zu positives Bild“, warnt er. Seine größte Sorge sind die gestiegenen Schulden der Unternehmen und Verbraucher in den Schwellenländern (siehe Grafik). Sie seien entstanden, weil die Geldpolitik auch in diesen Ländern „viel zu locker“ gewesen sei. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnt in ihrem Jahresbericht: Gemessen an der Wirtschaftsleistung, liegt die Gesamtverschuldung 50 Prozent höher als 1997 zu Zeiten der Finanzkrise in Asien. Und der Wirtschaftshistoriker Moritz Schularick sagt, dass in der westlichen Welt noch nie ein Schuldenberg so groß wie der in China ohne große Krise geblieben sei.

Bild: F.A.Z.

Die Kosten für die Kredite werden nicht auf Dauer niedrig bleiben. Es ist ausgemacht, dass die Leitzinsen in den Vereinigten Staaten in wenigen Monaten steigen werden. Das hat auch Folgen für die Schwellenländer. „Schon in den vergangenen Monaten war die Aufwertung des Dollars mit erheblichen Kapitalabflüssen aus den Schwellenländern verbunden“, sagt die Mainzer Ökonomin Isabel Schnabel. „Nach einem Zinsanstieg wird vermutlich noch mehr Kapital abfließen. Die Notenbanken der Schwellenländer werden dann unter Zugzwang geraten, ebenfalls die Zinsen anzuheben. Das dämpft die Konjunktur.“

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Die Negativspirale dreht sich auch auf den Rohstoffmärkten: Schon jetzt macht Chinas geringerer Energiehunger Exporteuren wie Brasilien und Russland zu schaffen. Umgekehrt dämpft die Schwäche dieser Länder die Dynamik in China. „Ich gehe davon aus, dass der Wachstumsvorsprung der Schwellenländer gegenüber den Industrieländern in den kommenden Jahren weiter schrumpfen wird“, sagt Krämer. Und Schnabel, eine der fünf Wirtschaftsweisen, warnt: „Die wirtschaftliche Lage in Ländern wie China und Russland ist beunruhigend. Eine krisenhafte Zuspitzung ist nicht ausgeschlossen.“

Ein einfacher Rückgang der Rohstoffpreise würde Brasilien noch nicht das Genick brechen. Lateinamerikas größte Volkswirtschaft kann Soja, Eisenerz und Fleisch günstiger produzieren als die meisten Konkurrenten und bleibt auch bei niedrigen Preisen im Geschäft. Aber Brasiliens Probleme sitzen tiefer. Dass der staatlich kontrollierte Ölkonzern Petrobras vom Flaggschiff zum Schandfleck geworden ist, liegt nicht am Verfall der Ölpreise. Der Konzern steht im Mittelpunkt eines gigantischen Korruptionsskandals, der Wirtschaft und Politik des Landes lähmt. Staatspräsidentin Dilma Rousseff, die den ineffizienten Ausbau der Staatswirtschaft vorangetrieben hat, ist diskreditiert. Notwendige Sparmaßnahmen, die Brasiliens Kreditwürdigkeit retten sollen, werden im Parlament blockiert, überfällige Reformen gar nicht erst angepackt. Auch in China zeigen sich nun strukturellen Schwächen. Jahrelang hatte die zweitgrößte Wirtschaft mit ihrem gigantischen Hunger nach Investitionsgütern und Rohstoffen die Konjunktur der Welt gestützt. Zwei Drittel des Gewinns von VW entfallen nach Analystenschätzung auf das Reich der Mitte. Doch jetzt brechen die Absätze ein. Das VW-Händlerhaus im Westen Schanghais steht leer. Der Händler berichtet, seit ein paar Wochen gäben immer öfter Kunden ihren gerade gekauften Lavida oder Passat zurück. Chinas überraschende Währungsabwertung wird als Zeichen der Verzweiflung gedeutet. Es wird schwierig, die angepeilten 7 Prozent Wachstum noch zu erreichen.

Noch schlagen die Konjunkturforscher keinen Alarm

Dass die Wachstumsraten abflachen müssen, war absehbar. Die Frage ist nur: Wie stark wird der Rückgang? Fest steht, dass die Zahl erwerbsfähiger Chinesen langsamer wächst, ebenso flachen sich Investitionen und Produktivität ab. Diese „neue Normalität“, von der Chinas Präsident Xi Jinping spricht, ist nur ein Grund für die Bremsung. Der andere findet sich in den leeren Verkaufsräumen der Immobilienmakler. Es gibt nach Ansicht von Ökonomen Überkapazitäten auf dem Häusermarkt. Dass seit Frühjahr 2014 die Preise ein Jahr lang zu fallen begannen, hat die Wohnungsbesitzer getroffen. Derzeit stabilisieren sich die Preise auf niedrigem Niveau, eine Erholung dürfte aber dauern. Stark verunsichert hat viele Chinesen der Einbruch an den Börsen seit Juni.

Arm dran sind auch viele Russen: 100 Rubel für ein Brot zahlen sie. Das ist viel für russische Verhältnisse, deutlich mehr als vor einem Jahr. Die Währung ist verfallen: Ein Euro kostet heute 72 Rubel, rund 50 Prozent mehr als vor einem Jahr. Die Regale in den Läden sind zwar voll – aber man muss sich den Einkauf leisten können. Im Juli erreichte die Inflationsrate knapp 16 Prozent. Der schwache Rubel verteuert Importe und schränkt den Spielraum für Zinssenkungen der Zentralbank empfindlich ein. Der Leitzins von gegenwärtig 11 Prozent ist viel zu hoch für eine Wirtschaft, die sich in der Rezession befindet. Für 2015 rechnet der IWF mit einer Schrumpfung der Wirtschaftsleistung um 3,4 Prozent. Der niedrigere Erdölpreis und die Folgen der Sanktionen wegen der Ukraine-Krise treffen Russland hart.

Droht der Weltwirtschaft wegen der Schwellenländer-Bremsung ein Einbruch, der auch Europa und Deutschland lähmen wird? Die Konjunkturforscher schlagen noch nicht Alarm. Die meisten Schwellenländer haben hohe Devisenreserven aufgebaut, die sie in Krisenzeiten einsetzen können. Und die gut laufende Konjunktur in den Vereinigten Staaten kompensiert viel von der Schwäche der Schwellenländer. Doch die anstehende Zinswende in Amerika wird dort wohl konjunkturdämpfend wirken und bringt Unwägbarkeiten mit sich. „Die globale Niedrigzinsphase ist eine außergewöhnliche Situation“, sagt Schnabel. „Wenn man in die Wirtschaftsgeschichte zurückschaut, sieht man, dass Finanzkrisen fast immer in Phasen steigender Zinsen aufgetreten sind.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Pennekamp, Johannes
Johannes Pennekamp
Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
Autorenporträt / Ankenbrand, Hendrik
Hendrik Ankenbrand
Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
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